Pressefahrt des AELF Amberg thematisiert die Landwirtschaft im Klimawandel
Die zwei Seiten des Klimawandels

Der 2015 gebaute Stall von Traude und Richard Weiß (von links) in Ebersbach ist 100 Meter lang und so dimensioniert, dass darin 200 Kühe bequem Platz hätten. Durch die Höhe von elf Metern und die vielen Lüftungsmöglichkeiten an den Seiten braucht er gar keine Ventilatoren, um immer eine ausreichende Luftbewegung zu haben. Bild: Hartl
   
"Die Landwirtschaft ist einer der Verursacher des Klimawandels, aber eben auch Betroffener." Zitat: Wolfhard-Rüdiger Wicht
 
"Die Wohlfühltemperatur von Kühen liegt zwischen 6 und 16 Grad." Zitat: Josef Schmidt

Der Klimawandel ist in vollem Gange - muss man darüber noch streiten? Mit dem einen oder anderen Sturkopf könnte man sich über Einzelheiten schon in die Haare kriegen. Oder man schaut mal, was die Wetterstation in Hiltersdorf über die Entwicklung vor Ort verrät.

Die Station steht seit 25 Jahren auf dem Hof von Norbert Heldmann. Er ist damit auch Ansprechpartner für die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), der die Geräte Daten für ihr agrarmeteorologisches Messnetz liefern. 135 solcher Messpunkte zeigt die Bayernkarte an.

Heldmanns Aufgabe dabei? Keine große Geschichte, sagt der Hiltersdorfer. "Mal ein bisschen rummähen, schauen, ob alles passt, hin und wieder bei einer Störung eine Sicherung wieder reindrücken." Und ganz selten ruft mal jemand von der LfL an, weil er den Daten nicht traut und lieber einen Augenzeugen fragt: "Hat es bei euch wirklich 70 Liter geregnet?" Es hatte.

Aber diese Datensammlung allein reicht der LfL nicht. Denn sie hat ein Prognosemodell, mit dem sie den Landwirten Tipps in Form von Bekämpfungsschadschwellen und Pflanzenschutzhinweisen liefern möchte. Dafür braucht die Landesanstalt zusätzlich Proben von einem Acker etwa zwei Kilometer weiter. Diese Proben zieht ein Mitarbeiter des Amberger Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). Sie zeigen etwa, ob Pflanzenkrankheiten wie Mehltau auftreten.

Kühe rülpsen Methan


All das erfährt man bei einer Pressefahrt des AELF, die unter dem Oberthema Klimawandel steht. Die spezielle Frage dazu lautet: "Wie wird die Landwirtschaft beeinflusst sowie was trägt die Landwirtschaft positiv oder auch negativ bei?". AELF-Leiter Wolfhard-Rüdiger Wicht redet da nicht lange um den heißen Brei herum: "Die Landwirtschaft ist einer der Verursacher des Klimawandels, aber eben auch Betroffener."

Verursacher, das meint nicht in erster Linie den CO2-Ausstoß. Der fällt, vom Bundeslandwirtschaftsministerium berechnet, mit 2,9 Millionen Tonnen pro Jahr kaum ins Gewicht. Die Energiewirtschaft (341 Millionen), Industrie und verarbeitendes Gewerbe (163), Verkehr (160) sowie Haushalte und Kleinverbraucher (122) sind da ganz andere Kaliber.

Aber: Die Landwirtschaft produziert darüber hinaus Lachgas (N2O) und Methan (CH4) aus Rindermägen sowie Mist und Gülle, und das ist 300-mal bzw. 23-mal so schädlich wie CO2. In Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet, kommt man da schon auf 63 Millionen Tonnen.

Pflanzen wachsen länger


Auf der anderen Seite bindet der Pflanzenbau immense Mengen von CO2 und erzeugt gleichzeitig Sauerstoff. Beispiele: Ein Hektar Getreide oder Grünland bindet 24 Tonnen CO2 und setzt 18 Tonnen Sauerstoff frei. Ein Hektar Mais hat sogar noch bessere Werte, er bindet 32 Tonnen CO2 und produziert 24 Tonnen Sauerstoff. Zum Vergleich: Der Mensch (bei ihm es ja umgekehrt) produziert am Tag gut 5 Kilogramm CO2 und verbraucht 0,5 bis 2 Kilo Sauerstoff.

Wo über den Klimawandel diskutiert wird, hat er negative Vorzeichen. Doch für die Landwirtschaft in der "rauen Oberpfalz" lassen sich darin sogar positive Aspekte entdecken. Die Erwärmung verlängert zum Beispiel die Vegetationsperiode, so dass die Pflanzen mehr Biomasse produzieren. Auf der anderen Seite sieht Wolfhard-Rüdiger Wicht auch die Gefahren, die schwerer wiegen dürften: viel mehr Extremwetterereignisse wie Starkregen, längere Trockenperioden, die Massenvermehrung von Schad-Organismen. "Die höhere Durchschnittstemperatur ist nicht das Problem, aber die Folgeschäden."

Auf die Bremse treten


Landwirtschaftsdirektor Josef Schmidt denkt bei den positiven Effekten des Klimawandels an eine verbesserte Ausnutzung der Photovoltaik-Anlagen und geringere Heizkosten. Er weiß allerdings auch, dass bei Kühen - rund 20 000 gibt es davon im Landkreis - höhere Temperaturen zur Belastung werden können: "Ihre Wohlfühltemperatur liegt zwischen 6 und 16 Grad." Also muss der Landwirt lernen, mit dem Klimawandel zu leben, sollte aber gleichzeitig einiges tun, um ihn zu bremsen. Die Grafiken, die über die Seite verstreut sind, enthalten einige Ideen des AELF Amberg dazu.

Außenklimastall heißt das Zauberwort


Der Stall ist das A und O für den Erfolg eines Bauern. Weder Tiergesundheit noch Milchleistung können stimmen, wenn es hier nicht passt. Die Landwirte haben deshalb in den vergangenen 20 Jahren schnell dazugelernt und auf das veränderte Klima reagiert. Die Pressefahrt des AELF zum Thema Klimawandel führte zu zwei Paradebeispielen.

Reinhold Wisgickl nutzt in Massenricht für einige Jungtiere noch den alten Stall - aber er hat alle Fenster ausgebaut. "Als sie noch drin waren, hatten wir zweimal im Jahr Probleme mit der Rindergrippe", erzählt er. "Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass sich die Keime gut vermehren konnten." Seit die Fenster weg sind, hat sich dieses Problem in Luft aufgelöst. Für Wisgickls Söhne Jonas (17) und Leon (14) ist Rindergrippe schon ein Fremdwort.

Seitenwände meist offen


Der neue Stall mit 65 Milchkühen wurde von vornherein so angelegt, dass fast immer die Wohlfühltemperatur der Kühe herrscht. Die liegt zwischen 6 und 16 Grad. Außenklimastall heißt hier das Zauberwort. Es bedeutet: Die Tiere bekommen viel Luft und Sonnenlicht, der First ist offen, die Seitenwände bestehen aus aufrollbaren und lichtdurchlässigen Curtains. Für ein gutes Raumklima sorgen zudem die Höhe des Stalls, ein wärmegedämmtes Dach und notfalls große Axial-Lüfter oder Ventilatoren.

Im Winter stellt Wisgickl die Curtains so, dass es nicht in den Stall reinzieht, aber ansonsten muss er sich um die Wärme dort nicht sehr kümmern: Wenn die Temperatur im Stall um 5 Grad über der draußen liegt, ist für die Kühe alles in Ordnung. "Die Tränke ist auf Frost ausgelegt, also beheizbar." Bloß der Melkroboter sollte nicht einfrieren. Aber den kann man mit der Abwärme der Biogasanlage versorgen.

Wellness für Kühe


Die Tiere scheinen zudem die Kuhputzbürsten zu schätzen, die sich drehen, wenn sie hinkommen. Schaut aus, als ob sie sich genüsslich massieren ließen. Dieser Wellness-Effekt ist durchaus erwünscht, zudem natürlich das Säubern des Fells. Dass die Tiere sich wohlfühlen, kann Reinhold Wisgickl auch an ganz harten Zahlen ablesen: Die Tierarztkosten sind gegenüber den Zeiten des alten Stalls gesunken, die Milchleistung ist gestiegen - "so etwa um 10 bis 15 Prozent".

Weniger Druck im Euter


Das liege aber auch mit am Melkroboter. Der ist rund um die Uhr im Einsatz, so dass der Druck im Euter nicht mehr so groß wird wie früher. Der Responder am Hals der Kuh leistet ebenfalls seinen Beitrag: Er meldet an den Computer, wenn das Tier nicht mehr so viele Kaubewegungen macht wie sonst. "Dann wissen wir, die Kuh ist wohl krank. Das hat man früher erst in einem viel späteren Stadium gesehen."

Bei Richard Weiß in Ebersbach ist der Stall noch um einiges größer: 100 Meter lang, 11 Meter hoch, mit 160 Milchkühen samt Nachzucht bestückt. Hier müssen schon zwei Melkroboter ran, damit alle Tiere zu ihrem Recht kommen. 200 Liegeplätze und 136 Fressplätze bedeuten viel Bewegungsfreiheit für die Tiere. "Man merkt, dass sie sich hier wohlfühlen", sagt Josef Schmidt beim Blick in den Abkalbebereich und auf die sehr weit offenen Curtains, die immer für leichte Luftbewegung sorgen.

Beim Thema Klimawandel und Landwirtschaft fällt Richard Weiß ein, dass der dritte Schnitt auf den Wiesen heuer die gleiche Menge erbrachte wie der erste und der zweite. Also ein positiver Effekt, der nicht zuletzt den ausreichenden Niederschlägen geschuldet war. Josef Schmidt ergänzt, dass der Mais schneller reif wird. Und er kann eher gesät werden, sagt Richard Weiß: "Früher geschah das ab dem 1. Mai, heute schon am 15. April, und es ist überhaupt kein Problem." Auf der anderen Seite frieren die Böden (und die Zwischenfrüchte) im Winter nicht mehr richtig aus bzw. ab, weil es keinen Frost mehr gebe. Das könne zu Schwierigkeiten führen.

15 Kilometer tragbar


Eine ökologische Denkweise offenbart der Landwirt bei den Transportwegen für sein Futter und das Substrat seiner Biogasanlage. Ihm selbst gehören nur knapp 30 Hektar der über 250, die er bewirtschaftet. Er hat dazugepachtet und kauft darüber hinaus viel dazu. Ihm ist wichtig, dass es nicht über zu weite Strecken transportiert werden muss. 15 Kilometer scheint ihm noch tragbar, "aber das meiste kommt aus fünf bis sechs Kilometern Entfernung. 20 oder 30 Kilometer fahren, das hat mit regenerativer Energie nichts mehr zu tun."



Wandel in ZahlenLandwirtschaftsdirektor Josef Schmidt vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Amberg hat die Wetterstation Hiltersdorf mit Blick auf den Klimawandel vor Ort in den vergangenen 25 Jahren ausgewertet. Seine Ergebnisse:

Durchschnittstemperatur
im 25-jährigen Mittel: 8,3 Grad
aber: im Zeitraum von 1991 bis 1995 waren es 7,92 Grad, in dem von 2011 bis 2015 schon 8,92 Grad; Anstieg also: 1,0 Grad.

kältestes Jahr: 1996 (6,4 Grad)
heißeste Jahre: 2014 (9,6 Grad)
2015 (9,5 Grad)

Sommertage (über 25 Grad)
die wenigsten: 1996 (29)
die meisten: 2003 (67)
im 25-jährigen Mittel: 40

Heiße Tage (über 30 Grad)
die wenigsten: 1997 (1)
die meisten: 2015 (26)
Vergleich der Fünf-Jahres-Mittel 1991/95 und 2011/15: + 67 % (von 7,4 auf 12,4 Tage)

Niederschläge
die wenigsten: 1991 (388 mm)
die meisten: 2002 (916 mm)
Vergleich der Fünf-Jahres-Mittel 1991/95 und 2011/15: + 26 % (von 520 auf 657 mm)

Sonnenstrahlung
Vergleich der Fünf-Jahres-Mittel 1991/95 und 2011/15: + 15 % (von 1031 auf 1193 kWh/m²)

Sonnenstunden
die wenigsten: 2001 (1241)
die meisten: 2011 (2050)
Vergleich der Fünf-Jahres-Mittel 1991/95 und 2011/15: + 30 % (von 1486 auf 1933)

Vegetationstage
im 25-jährigen Mittel: 230 Tage
Vergleich der Fünf-Jahres-Mittel 1991/95 und 2011/15: + 9 % (von 220 auf 240 Tage)


Die Landwirtschaft ist einer der Verursacher des Klimawandels, aber eben auch Betroffener.Wolfhard-Rüdiger Wicht


Die Wohlfühltemperatur von Kühen liegt zwischen 6 und 16 Grad.Josef Schmidt


Zwanzig oder dreißig Kilometer fahren, das hat mit regenerativer Energie nichts mehr zu tun.Richard Weiß über Transportwege für Biogasanlagen-Substrat


Als die Fenster noch drin waren, hatten wir zweimal im Jahr Probleme mit der Rindergrippe.Reinhold Wisgickl


Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.