Gemeinsam gegen das Vergessen
Volkstrauertag verbindet

Fast jede Manteler Familie hatte nach dem Ersten Weltkrieg Tote zu beklagen. Das Kriegerdenkmal steht wie ein Bollwerk gegen das Verdrängen und Vergessen dieses Leids. Am Samstag rückt es beim Gedenken zum Volkstrauertag noch etwas besser ins öffentliche Bewusstsein. Bild: Schönberger
Politik
Kreis Neustadt/WN
12.11.2016
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Kein anderer Anlass rückt Reservisten- und Soldatenkameradschaften so in den Vordergrund wie der Volkstrauertag. In vielen Gebieten Bayerns haben aber Feuerwehren die Regie über den Gedenkakt übernommen. Mancherorts auch im Landkreis Neustadt/WN.

Neustadt/WN. Der Volkstrauertag erinnert bundesweit an die Opfer von Krieg und Gewalt. Seit 1952 wird er zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen. Etliche Kameradschaften müssen den Termin jedoch aufteilen. Die der Stadt Neustadt zum Beispiel. Sie kümmert sich gleich in vier Orten um Fackelträger, Kränze, Ansprachen und einen würdigen Rahmen: Neustadt, Altenstadt, Wöllershof und Störnstein.

"Die anderen haben einfach nicht mehr so viele Leute", erklärt Heinrich Scheidler. Der Kreischef des Bayerischen Soldatenbunds (BSB) steht rund 1400 Reservisten, Kriegsteilnehmern und Soldaten vor. Das waren schon mal mehr. In Windischeschenbach hat sich zuletzt eine Kameradschaft aufgelöst. Nun organisiert die Feuerwehr Umzug und Ehrenwache, ebenso wie in Schirmitz.

Das ist schon in Ordnung, erklärt Stephan Bichlmeir vom BSB-Landesverband in München. "Die Feuerwehr übernimmt ja auch die Aufgabe des Schutzes von Hab und Gut. Und besser, die macht den Volkstrauertag, als dass es keiner macht."

Immer die gleiche Frage


Womit die Frage nach der Aktualität auftaucht. Sie wird bei der Zeremonie an Kriegerdenkmalen von unzähligen Bürgermeistern, Reservisten, Pfarrern oder Offizieren gestellt und gleich darauf selbst beantwortet: Selbstverständlich muss die Erinnerung an millionenfaches Leid auf den Schlachtfeldern und in den Familien wachgehalten werden.

Hans Eismann aus Floß und Reinhold Deglmann aus Mantel werden dazu am Wochenende Richard von Weizsäcker und seine berühmte Bundestagsrede von 1985 zum Ende des Zweiten Weltkriegs zitieren. Der Tenor: Wer aus der Vergangenheit nicht lernt, wird anfällig für neue Anfechtungen der Freiheit. Eismann nennt als Stichworte AFD und Pegida.

In der Regel lassen die Ortsvorsitzenden der Kameradschaften den politischen Part der Reden den Bürgermeistern. Was die sagen, steht ihnen frei. "Es gibt kein Drehbuch für den Volkstrauertag. Das wird vor Ort entschieden", erklärt Bichlmeir.

Freilich ähnelt sich das Prozedere stark. Das fängt bei den Reden an. Reservisten und Bürgermeister holen sich ihre Texte gern aus Infobroschüren des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Daher klingt manche Ansprache schwer nach Textbaustein. Die Gemeindechefs und Kameradschaften stimmen sich indes ab, um nicht exakt dasselbe zu sagen.

Rathaus und Reserve bilden ohnehin ein funktionierendes Tandem, etwa bei der Pflege des Kriegerdenkmals. In der Regel lässt die Gemeinde rund um Gedenksteine oder Tafeln den Rasen mähen, Laub kehren und Bäume schneiden. Dafür kümmern sich Reservisten um die Sauberkeit der Anlage und schmücken sie ab und an mit Blumen. Dabei haben es die Manteler gut. Sie haben Monika König. Die Ortsbäuerin wohnt gleich neben dem Denkmal und hat die Pflege der Anlage von ihrer Nachbarin geerbt. "Als sie nicht mehr konnte, wollte ich einfach nicht, dass sich keiner mehr kümmert. Und es macht mir Spaß. Schließlich geht es um Leute, die für uns den Kopf hingehalten haben", begründet sie ihren Respekt vor dem Militär. Gerade der Manteler Kameradschaft mit 145 Mitgliedern gehören noch sieben Kriegsteilnehmer an. Der älteste ist 95.

Wenig Frauen


Monika König ist jedoch eine Ausnahme. Die 17 Kameradschaften im Landkreis zählen gerade einmal 60 bis 80 Frauen. Doch die sind treue Seelen beim Gedenkakt. Um auf die zumeist älteren Damen Rücksicht zu nehmen, haben etliche Gemeinden die Zeremonie von Sonntagvormittag auf Samstagabend vorverlegt. "Da kommen erstens die Fackeln besser zur Geltung, zweitens kommen mehr Frauen mit, weil sie nicht für Mittag kochen müssen", sagt Scheidler.

Der Kreisvorsitzende kennt keine Klagen, dass das Interesse am Volkstrauertag abklingt. Überall zeigen die Vereine mit Fahnenabordnungen Flagge. "Die Beteiligung steht und fällt nur mit dem Wetter."

Dritter FeiertagUngewöhnlich ist der Termin des Volkstrauertags in Ilsenbach. Der Püchersreuther Ortsteil erinnert am 27. Dezember an seine Kriegstoten. Das hat mit Rückkehrern aus dem Ersten Weltkrieg zu tun, erläutert Krieger-Vorsitzender Ludwig Kunz. Ilsenbach hat seit 1666 einen "dritten Weihnachtsfeiertag". Damals wurde die eigenständige Pfarrei aufgelöst und Altenstadt/WN zugeschlagen. Weil der dortige Pfarrer wegen der beiden anderen Weihnachtsfeiertage aber keine Zeit für einen Gottesdienst in Ilsenbach hatte, holte man dies am 27. Dezember nach. Weil 1918 kurz zuvor auch Überlebende des Kriegs heimgekehrt waren, legten die Ilsenbacher das Totengedenken gleich mit ihrem außergewöhnlichen Feiertag zusammen. (phs)
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