10 Jahre nach dem Amoklauf von Saltendorf
Schüsse, die das Leben ändern

Die Schüsse von Saltendorf trafen auch Andreas Winklmann. Er wurde am Arm schwer verletzt. Die Prozessunterlagen von damals hat er fein säuberlich abgeheftet. Er holt sie nur noch selten aus dem Schrank. Bild: Völkl
Archiv
Kreis Schwandorf
04.11.2015
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Zehn Jahre sind seit dem Amoklauf von Saltendorf, der ein Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte, vergangen. Der Täter flüchtete, stellte sich aber dann der Polizei. Archivbild: Götz

Zehn Jahre sind vergangen. Die Zeit verdeckt die Wunden, die der Amoklauf von Saltendorf (Kreis Schwandorf) gerissen hat. Doch eine kurze Meldung im Kirchenanzeiger, der Hinweis auf ein Requiem zum Jahrestag lässt vieles wieder hochkommen. Vieles von dem, was vor zehn Jahren das kleine Dorf erschütterte, als Hans Meier im Gasthaus Schlosser ein Blutbad anrichtete.

Der 67-jährige Andreas Winklmann starb, ein Mann sitzt heute im Rollstuhl: Acht Menschen verletzte der Amokläufer - ein Außenseiter, der sich im Dorf abgelehnt fühlte und Rache nahm - zum Teil lebensgefährlich.

Schwere Armverletzung

Warum hat er uns das angetan? Die Frage steht auch zehn Jahre nach der Tat im Raum. In einem stillen Gottesdienst wurde am Montag derjenigen gedacht, die durch den Amoklauf tiefe Wunden erlitten haben.

Der 90-jährige Andreas Winklmann - er trägt den gleichen Namen wie das Todesopfer des Amoklaufes - knöpft die Manschette auf, zeigt seinen rechten Arm. Die Wunde ist gut verheilt, die äußerliche. Der 90-Jährige erinnert sich, "als wenn es gestern gewesen wäre", wie Hans Meier im Gasthaus Schlosser steht, die Pistole auf ihn richtet. "Ich sah das Mündungsfeuer." Dann der Schuss. "Ich hab mir den Jackenärmel ums Handgelenk gezogen, damit nicht so viel Blut auf den Boden fließt." Die Verletzten werden auf Krankenhäuser verteilt. Andreas Winklmann kommt nach Neustadt an der Waldnaab. Seine Elle ist in 33 Teile zerfetzt. Der Arzt leistet hervorragende Arbeit. Von der Verletzung ist kaum etwas zu sehen - äußerlich.

Aber seit dem Amoklauf machen Andreas Winklmann die Nerven zu schaffen. "Ich habe in meinen Fingern immer das Gefühl, in einen Ameisenhaufen zu greifen. Doch das, was ich erlebt habe, kann mir niemand abnehmen. Damit muss ich leben, auch mit den Folgen." Der 30. Oktober, das ist für Andreas Winklmann jedes Jahr "wie ein Geburtstag, ein bestimmtes Datum, an das man denkt". 80 Seiten Urteilsbegründung liegen im Schrank. Säuberlich geordnet, so wie es der langjährige Vorsitzende des früheren CSU-Ortsverbandes Saltendorf und der Kriegerkameradschaft aus seiner Vereinstätigkeit gewohnt war. Er nimmt den Ordner nicht mehr heraus.

Doch im Alltag, auf der Straße, sieht er die Frau seines getöteten Cousins, die damals schwer verletzt wurde. Da erinnert er sich "an den Res", den Glaser, der jedem bei kleinen Reparaturen gerne half und seinen Ruhestand nur ein Jahr genießen konnte. Manchmal fahre auch Manfred Giesl am Haus vorbei. Wenn er seinen Rollstuhl mit einem Quad tauscht. Seit den Schüssen ist er querschnittsgelähmt.

Sorge um den Vater

Winklmanns Tochter Rosemarie Maier weiß noch genau: Es war 23.30 Uhr, als sie zu Hause von Nachbarn erfuhr, "dass beim Wirt geschossen worden war und der Res, mein Lieblingsgroßonkel, tot ist". Dann die Sorge um den Vater, seine Schreie in der Nacht, seine Schreckhaftigkeit, wenn in der Küche etwas zu Boden fiel. "Psychologische Betreuung für meinen Vater haben wir nie erhalten", meint sie bitter. Sie selbst konnte zwei Jahre den Ort der Tat nicht betreten. Jetzt, zehn Jahre nach dem Amoklauf, "hat sich das Dorf verändert", so Rosemarie Maier. Es gibt schon den Zusammenhalt bei Festen und Veranstaltungen, "doch das Spontane im gesellschaftlichen Leben, das ist nicht mehr so wie früher". Die 50-Jährige erschrickt immer noch, wenn sie im Garten arbeitet und ein Radl am Haus vorbeifährt. "Das hat der Meier Hans immer gemacht." Bei der Urteilsverkündung habe er sie "mit dem Rosenkranz in der Hand" angeschaut. Rosemarie Maier hat Furcht vor dem Tag, "an dem er herauskommt".
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