Der Erbendorfer Christian Malzer schreibt über mittelalterliche Schriftkultur
Die Archäologie der Buchkunst

Christian Malzer hat bereits in vielen Vorträgen, unter anderem in Wien, über sein Buch referiert. Das Buch hat sich schnell zu einem sehr begehrtes Fachwerk entwickelt und ist in Oxford ebenso zu finden wie in den USA und in vielen europäischen Universitätsbibliotheken. Bild: ubb
Kultur
Kreis Tirschenreuth
24.03.2016
150
0

Die Zisterzienserabtei Waldsassen ist ein offenes Kloster mit einer anschaulichen Historie. Dennoch birgt ihre Geschichte noch viele Geheimnisse. Der Historiker Christian Malzer hat jetzt einige davon gelüftet.

Waldsassen. In der Verfilmung von Umberto Ecos Bestseller "Der Namen der Rose" irren Sean Connery und sein Novize auf der Suche nach seltenen Büchern durch die Gänge einer mittelalterlichen Klosterbibliothek. Diese Protagonisten haben Konkurrenz bekommen: Auch die Oberpfälzer Zisterzienser beherrschten die Kunst des Schreibens. Nachgelesen werden kann das im Buch des Historikers Christian Malzer.

"Wie leicht ist es heute, mit einem Mausklick einen Fehler zu korrigieren", erklärt der 32-Jährige lachend. Der Historiker hat nachgeforscht, wie es früher war. "Jeder falsche Buchstabe musste mühselig vom Pergament abgeschabt werden. Der Beschreibstoff war teuer, Löcher darin wurden vernäht oder umschrieben. Alte Texte wurden teils abgeschabt und die Seiten neu beschrieben. Die mittelalterlichen Mönche waren Meister des Recyclings."

Da fällt dem kundigen Leser doch sofort Umberto Ecos Klassiker "Der Name der Rose" ein. Wie war das mit diesen schreibenden Mönchen im italienischen Bergkloster? Aber nein, soweit muss gar nicht ausgeholt werden. Die Quelle der Erkenntnis über die hohe Kunst des Schreibens liegt sehr nah: Auch im Kloster Waldsassen wurde fleißig geschrieben und gesammelt. Zwar hatten bereits die Benediktiner im frühen Mittelalter Bibliotheken aus mehreren Hundert Handschriften zusammengetragen, aber erst die Zisterzienser nutzten Schriftlichkeit für eine gezielte, ganz Europa umfassende Ordensreform. Mit der Gründung von Waldsassen erreichte diese Reformbewegung um 1133 auch die heutige Oberpfalz. Aus dem Kloster hat sich eine umfassende Sammlung von Farbrezepten aus dem 15. Jahrhundert erhalten.

Hier setzt das Buch an und entführt den Leser fachkundig in die Welt der mittelalterlichen Schreibstuben. Der gebürtige Erbendorfer Christian Malzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität München, hat sich dem Thema vor einem Jahr mit seinen damaligen Regensburger Studenten angenommen. Das Ergebnis war eine aufwendige Ausstellung mit Exponaten, die das reichhaltige Spektrum der Schriftproduktion in den vier Zisterzienserklöstern Waldsassen, Walderbach, Seligenporten und Pielenhofen belegten. Das als Begleitwerk zur Ausstellung erschienene Buch ist von internationalem Interesse und war schnell vergriffen. Malzers Buch gehört jetzt unter anderem zu den Beständen der Universitätsbibliotheken Oxford und Princeton in Amerika, Schweizer und Wiener Nationalbibliothek haben es erworben.

Aufgrund des ungebrochenen Interesses wurde in diesen Tagen eine zweite, leicht erweiterte Auflage vorgestellt. Der aufmerksame Leser erfährt darin viel Wissenswertes über die Buchherstellung, aber auch spannende Geschichten rund um die uralten Schriftstücke. "Unter Skelett-resten verborgen oder durch Buchflüche geschützt, versuchten die Zisterzienser ihre Bücher etwa in Walderbach oder Waldsassen zu bewahren", erzählt Malzer. Genutzt habe es oft wenig, da die vier Klöster und ihre Bibliotheken und Archive mehrfach aufgelöst wurden.

Aus den Frauenklöstern Pielenhofen und Seligenporten haben sich daher kaum mittelalterliche Texte erhalten. Im Vorfeld der Veröffentlichung war deshalb eine umfassende Recherche nach den über ganz Europa verstreuten Schriftstücken nötig. Fündig wurde Malzer unter anderem in Polen, England und Österreich. In Erlangen lagert eine Sammel-Handschrift mit medizinischen Rezepten aus dem 13. Jahrhundert, die in Waldsassen aufgeschrieben wurden. "Hier", sagt Malzer, "sind die Arbeitsschritte sehr schön ablesbar." Dabei arbeiteten die Klosterbrüder äußerst modern. Der Autor spricht von Arbeitsteilung, Lektorat und vom Bemühen um ein "Corporate Design", um ein einheitliches Schriftbild zu schaffen.

Für den Wissenschaftler selbst bieten selbst kleinste Textreste und Werkzeugspuren auf den Seiten wichtige Anhaltspunkte. Malzer vergleicht seine Arbeit mit einer "Archäologie des Buches". Die Mönche und Nonnen selbst fanden ihr Wirken übrigens nicht immer so toll. Sie stöhnten unter der Last, klagten über Nierenschmerzen und dass der ganze Körper leiden müsste.

Vor gut zwei Wochen hat Malzer sein Werk in Wien vorgestellt. Auf der Jahrestagung des Europäischen Zisterzienserinstituts hörten seinen Vortrag Italiener, Deutsche, Polen, Österreicher und Tschechen. Die Ausstellung, die Auslöser zum Buch war, könnte vielleicht auch im Stiftland einmal gezeigt werden, vorausgesetzt, die wertvollen Exponate dürfen ein weiteres Mal ausgeliehen werden. "Meine ehemaligen Studenten würde es sicher freuen, ihre Ergebnisse ein zweites Mal präsentieren zu können", sagt Malzer.

Christian Malzer: Mittelalterliche Schriftkultur. Schriftlichkeit und Buchproduktion in den Oberpfälzer Zisterzienserklöstern bis zu ihrer Aufhebung im 16. Jahrhundert, Amberg 2. Auflage 2016 - 172 Seiten - ISBN: 978-3-9817968-1-0, Herausgeber ist die Provinzialbibliothek Amberg. Dort ist das Buch auch erhältlich, Preis: 8,90 Euro
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.