Theatergruppe am Stiftland-Gymnasium greift heikles Thema auf
Schwere Kost eine Delikatesse

Nur mit schwarzem Humor kommen die Akteure der bedrückenden Thematik des Abends bei. Mit ihrem Theater hat die Gruppe um Martina Schmelzer jedenfalls wieder ein brandaktuelles Stück auf die Bühne gebracht. Bild: hfz
Kultur
Kreis Tirschenreuth
20.04.2016
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Wie weit darf die Wissenschaft gehen? Wo liegen die moralischen Grenzen beispielsweise der Gen-Technologie? Die Aufgabe der Kunst ist es oft nicht, die Fragen zu beantworten, sondern vielmehr die zentralen Fragen zu stellen und Denkanstöße zu liefern. Das tut auch das Stiftland-Gymnasium

Tirschenreuth. Und so bekamen die zahlreichen Zuschauer bei den beiden Aufführungen der Theatergruppe der Mittel- und Oberstufe unter der bewährten Leitung von Oberstudienrätin Martina Schmelzer auch keine billigen Antworten präsentiert. Vielmehr wurde dem Publikum eine harte, schwer verdauliche Kost serviert, die allerdings hervorragend zubereitet war und eine ästhetische Delikatesse darstellte, die wunderbar bitter schmeckte. Dabei brannte die Gruppe ein wahres Feuerwerk an Ideen ab, um der eher erdrückend ernsten Thematik und Handlung etwa durch schwarzen Humor beizukommen.

Die Kernhandlung, ein Festtagsessen der Familie des Gentechnikers Theo Klein, bei dem nach und nach die erschreckenden Geheimnisse um deren Mitglieder gelüftet werden, wird immer wieder unterbrochen durch Projektionen, Albträume, Rückblenden und Vorschauen, die anfangs den Zuschauer vielleicht verwirren, sich dann aber wie die Einzelteile eines Puzzles zu einem düsteren Gesamtbild zusammenfügen.

Am Ende wird klar, dass die scheinbar so harmonische Familie nichts weiter ist als eine große Lüge: Theo (nomen est omen) Klein unterliegt der Hybris, Gott spielen zu wollen, um herauszufinden, ob die Wurzeln von Gut und Böse in den Genen liegen. Zu diesem Zwecke hat er - wie sich im Verlauf des Stückes herausstellt - seine Söhne im Labor hergestellt: Die Sportskanone Rudi hat er aus Hitlers Finger geklont, sein zweiter "Sohn", der Künstler Felix, ist ein jüngeres Duplikat seiner selbst. Tochter Uschi ist das Produkt eines Seitensprunges der dem Schönheits- und Jugendwahn verfallenen Mutter Ulla. Auch an ersterer hat die moderne Ausgabe von Dr. Frankenstein herummanipuliert, um sie vor einer tödlichen Erbkrankheit zu bewahren.

Als niemand diese grausige Wahrheit glauben will, führt Theo als ultimativen Beweis weitere Klone von Rudi und Felix vor, die sich alle gegenseitig in eine schwere Identitätskrise stürzen. Schließlich zerbricht die ganze Familie an dieser fürchterlichen Realität.

Uschi verlässt das Elternhaus für immer und Rudi greift als Ultima Ratio zur Gewalt. Mit einer Waffe bringt er Theo dazu, sein Geständnis, welches seinen Ruf als Wissenschaftler ruinieren wird, zu unterschreiben. Und ganz am Ende richtet er die Pistole auf ihn und drückt ab. Hier wird die Handlung angehalten, als würde man die Pause-Taste bei einem Film drücken. Das Stück endet offen - ein gelungener Kunstgriff dieser Inszenierung, die damit eine kathartische Lösung des Konflikts vermeidet und den Zuschauer nachdenklich aus dem Theater entlässt.

Diese düstere Haupthandlung wird durch einige skurrile und grotesk komische Szenen, wie die Beschaffung von Einsteins Hirn oder den Diebstahl von Hitlers Finger, aufgelockert, die den Zuschauer mittels Comic Relief aus seiner Schockstarre erlösen. Aus einem homogen auf einem hohen Niveau agierenden Ensemble einzelne Leistungen hervorzuheben, verbietet sich in Anbetracht der sehr überzeugenden Darbietungen aller Schauspieler. Das schlichte, aber effektvolle Bühnenbild sowie der geschickte Einsatz von Musik und dramaturgischen Kunstgriffen machten die Inszenierung überdies zu einer runden Sache.

Der anhaltende Beifall am Ende beider Aufführungen war der verdiente Lohn für eine engagierte, couragierte und eindrucksvolle Präsentation sowie für den Mut der Gruppe, ein heikles Thema, das eine Vielzahl an ethischen Fragen aufwirft, auf einer Schulbühne anzugehen.
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