Krude Kraftmeierei
Verschwörungstheoretiker im Bürgergewand: Alternative für Deutschland gewährt Einblick in ihr Innenleben

Politik
Kreis Tirschenreuth
16.02.2016
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Waldershof. Sind es Rechtsradikale? Sind es Angsthasen? Oder sind es besorgte Bürger? Am Freitagabend bietet die "Alternative für Deutschland" (AfD) bei ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung in der Region Einblick in ihr Innenleben. Statt Politik gibt es eine krude Kraftmeierei.

Etwa 50 Männer und Frauen, darunter ein knappes Dutzend Waldershofer, wollen im Gasthof "Zur Kösseine" die Thesen der Partei hören. Was sie geboten bekommen, ist eine Mixtur aus Verschwörungstheorien und Größenwahn. Zunächst unterscheidet sich die Veranstaltung wenig von der anderer Parteien. Kreisvorsitzender Roland Magerl stellt die Struktur der Organisation und die Führungsspitze des Kreisverbandes vor, der die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth sowie die Stadt Weiden umfasst.

Danach bittet er zum offenen Stammtischgespräch - und schon entgleitet ihm die Diskussion. Es dauert keine zehn Sekunden, da präsentiert ein älterer Herr aus Waldsassen die erste von vielen "AfD-Exklusiv-Informationen": So werde der abgesagte Faschingsumzug in Mainz bewusst an dem Tag nachgeholt, an dem in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen stattfinden. "Denn da gehen die Leute natürlich am Vormittag zur Wahl. Wenn dann am Nachmittag beim Umzug etwas passiert, dann sind die Stimmen schon vergeben."

"Genau so ist es", stimmt ein Mann zu. Viele weitere nicken und tuscheln. Apropos Faschingsumzüge: Die seien natürlich nicht wegen einer Sturmwarnung abgesagt worden, sondern weil nicht genügend Polizei vorhanden gewesen sei, um die vergewaltigenden Flüchtlinge in Zaum halten zu können.

Die Medien und die etablierten Parteien sind an diesem Abend die roten Tücher. Deren Vertreter bezeichnet ein Mann, der die Diskussion die meiste Zeit an sich reißt, als "Schweinejournalisten" und "Bastarde", die von "linken verkifften Kreaturen" beherrscht würden. Das erste Mal brandet lauter Applaus auf.

Im Minutentakt knallen die Schimpftiraden über das sogenannte Establishment auf die Zuhörer nieder. Egal ob Arbeitgeber, Gewerkschaften, CSU, Grüne, SPD oder die Kirchen. Alle steckten unter einer Decke, wenn es um Flüchtlinge gehe. Ein "Patriot", als den er sich bezeichnet, gibt den anderen AfD-Anhängern das Gefühl, die einzigen "aufrechten Deutschen" zu sein. Die Verschwörungstheorien gipfeln in der These, dass eine Macht - welche auch immer - die Flüchtlinge nach Deutschland lotst, damit hier das Christentum und der Islam aufeinanderprallen. Ziel sei es, dass die Kultur, die Werte und die Identität der Deutschen "in die Mülltonne getreten" werden.

Die Süddeutsche Zeitung vergleicht ein Mann, dem niemand Einhalt gebietet, mit dem nationalsozialistischen Stürmer und Justizminister Heiko Maas bezeichnet er als "größten Hetzer seit Goebbels". Und plötzlich fällt das Wort "Nazi". Ein Raunen und schelmisches Gelächter geht durch den Raum. Natürlich weisen die Redner jegliche Nähe zur Nazi-Ideologie zurück.

Bevor der Abend in einem Stimmengewirr zerfasert, outet sich derjenige, der die Debatte an sich gerissen hat - ein Unternehmer aus der mittleren Oberpfalz -, als Hobby-Demonstrant. Schon 50 Mal sei er bei Pegida in Dresden und andernorts mitmarschiert. (Kommentar)
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