Vor 70 Jahren waren die ersten Kreistagswahlen
Wider den "alten Geist"

Ein Kemnather ist Tirschenreuther Landrat: Seit 2008 steht Wolfgang Lippert an der Spitze des Landkreises. 2014 bestätigte die Bevölkerung den Freien Wähler bereits im ersten Durchgang gegen vier Mitbewerber. Bis 2020, also insgesamt sechs Jahre, ist Lippert der Chef in der Mähringer Straße in Tirschenreuth. Vor 70 Jahren dauerte die Amtszeit eines Landrats nur zwei Jahre. Bild: Grüner
Politik
Kreis Tirschenreuth
28.04.2016
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"Nie wieder Politik", hieß es nach dem Niedergang eines Reiches, das 1000 Jahre dauern sollte. Die amerikanische Militärregierung aber dachte anders, setzte alles daran, ein demokratisches Gemeinwesen auf die Füße zu stellen. Dazu gehörten auch wieder Parteien. Und Wahlen. Vor 70 Jahren waren die ersten.

Tirschenreuth. "Überlasst es den Deutschen!" gab die US-Militärregierung schon im Herbst 1945 das Motto vor. Die ersten Parteien (SPD, CDU, später CSU, und KPD) etablierten sich. Von "unten nach oben" sollten die Deutschen sich politisch selbst erneuern - wenn auch unter Aufsicht der Amerikaner. So wurden im Januar 1946 zuerst die Stadt- und Gemeinderäte gewählt, am 28. April, also vor 70 Jahren der Kreistag.

Personalverschleiß


Viele Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. Bernhard Piegsa und Hans Vitzthum haben in Aufsätzen für "Kemnath - 1000 Jahre und mehr" einen gewaltigen "Personalverschleiß" notiert. Da scheint es im Kemnather Land etwas turbulent zugegangen zu sein. "Allein an der Spitze der Kreisverwaltung in Kemnath wechselten sich zwischen April 1945 und September 1946 sechs Landräte ab." Anfangs kommissarisch bestellt, wurden sie später aus der Mitte des Kreistags gewählt und mussten auch noch von der Militärregierung bestätigt werden. Erstmals direkt vom Volk gewählt wurde der Landrat erst 1952. Der erste in Kemnath und auch in Tirschenreuth war Max Kuttenfelder. Sein Nachfolger Dr. Adam Bienlein wurde bereits nach knapp einem Monat abgesetzt. Der Wirtschaftsprüfer lebte in Marktredwitz, bevor er die "Sylvaner Heilquellen" in Groschlattengrün kaufte.

Auch nicht viel länger durfte Willi Reinhold, ein aus Schlesien stammender Bankdirektor, sich des Amtes erfreuen. Er soll angeblich die Entlassung politisch belasteten Personals nicht konsequent genug betrieben haben. Dr. Friedrich Hochmuth löste ihn am 25. August 1945 ab. Vor allem die Fürsorge für die Flüchtlinge und Vertriebenen lag dem Sudetendeutschen am Herzen. Am 5. Juni 1946 wurde Dr. Martin Busch Landrat. Dann kam heraus, dass der Wunsiedler zwar nicht der Partei, aber Gliederungen der NSDAP angehört hatte. Busch blieb aber als rechtskundiger Beamter am Landratsamt und wurde später zum Landrat in Nabburg berufen. Am 11. September 1946 stimmten 17 Kreistagsmitglieder für Hans Metschnabl. Als er das Amt antrat, war er 80 Jahre alt. Seine Gegenkandidaten Karl Stich und Ferdinand Neumann erhielten damals zwei, respektive eine Stimme. Am 31. Mai 1948 entfielen bei der Landratswahl zwölf Stimmen auf den Ökonomierat Christoph Nickl (CSU) aus Roslas. Sein Konkurrent, der Kemnather Bürgermeister Josef Högl (SPD), bekam genauso viele Stimmen und verlor durch Losentscheid das Amt. Am 8. Oktober 1949 stimmten 21 Kreisräte für Ferdinand Neumann (CSU), den Bruder der Therese Neumann von Konnersreuth.

Bei der ersten Direktwahl durch das Volk gingen am 30. März 1952 in Kemnath 14567 Stimmberechtigte zu den Urnen. Drei Kandidaten standen zur Wahl. Georg Schöpf bekam 1552 Stimmen, Ferdinand Neumann 5582 und Alois Sticht 5517. Bei der Stichwahl am 2. Mai stimmte der Kreistag knapp mit 12 zu 11 Stimmen für Ferdinand Neumann. Er wurde am 1. Mai 1958 von Valentin Kuhbandner (SPD) abgelöst. 1970 bis 1971 agierte Alois Sticht (CSU) als geschäftsführender Stellvertreter als Landrat. Von 1971 bis zur Gebietsreform 1972 war Bruno Ponnath (CSU) der letzte Landrat im Kreis Kemnath.

Von Spruchkammer befreit


Der erste Landrat im Landkreis Tirschenreuth war Schulrat Max Kuttenfelder (SPD) aus Waldershof. Er übernahm am 17. Mai 1945 die Amtsgeschäfte. Bei der ersten Sitzung des neugewählten Kreistags im Mai 1946 wurde Hans Fridrich (CSU) gewählt. Die Militärregierung genehmigte ihn aber nicht, "weil er Militarist ist", wie Heimatforscher Adalbert Busl in der Wiesauer Ortschronik schreibt. Da wurde dem Wiesauer sein Heeresdienst von 1923 bis 1945 zur Last gelegt, der NSDAP hatte er aber nicht angehört. Die Spruchkammer Tirschenreuth befreite Fridrich von diesem Vorwurf. Darauf wurde er erneut Leiter des Wirtschaftsamtes und von 1947 bis 1948 politischer Stellvertreter des Landrats. Dagegen hatten die Amerikaner nun keine Einwände mehr. Der Waldsassener Sparkassendirektor Otto Freundl (CSU) zeichnete vom Juli 1946 bis Juli 1948 erstmals für den Landkreis verantwortlich.

Von 1948 bis 1964 war der Mitterteicher Kaufmann Franz Sproß Landkreischef. 1964 hieß der Landrat wieder Otto Freundl. Seine Amtszeit endete mit der Gebietsreform 1972. Danach lenkte der Tirschenreuther Franz Weigl (CSU) die Geschicke des Landkreises. Ihm folgte im Juli 1991 Karl Haberkorn (Freie Wähler). Er war Landrat bis 30. April 2008. Seither ist Wolfgang Lippert (Freie Wähler) der Chef in der Mähringer Straße in Tirschenreuth.

Ergebnis der Kreistagswahl vom 28. April 1946Über das Ergebnis der Kreistagswahl vom 28. April 1946 im Landkreis Tirschenreuth gibt das "Amtsblatt der Militärregierung und des Landrats" Auskunft. Demnach entfielen auf die SPD 4970 Stimmzettel (11 Sitze), auf die KPD 1373 (3) und auf die CSU 13 632 (31 Sitze).

SPD

Margareta Jonass, Ärztin in Mitterteich; Josef Fallier, Bäckermeister in Tirschenreuth; Jakob Heinrich, Heizer in Waldsassen; Franz Wirner, Händler in Fuchsmühl; Georg Jäger, Arbeiter in Wiesau; Ludwig Hüttner, Lagerist in Waldershof; Johann Peuschl, Steinmetz in Friedenfels; Engelbert Wameser, Arbeiter in Bärnau; Georg Brandner, Arbeiter in Groschlattengrün; Karl Hess, Invalide in Plößberg; Ludwig Rupprecht, Zimmermann in Wildenau.

CSU

Baptist Hoffmann, Maurerpolier in Konnersreuth; Johannes Seidl, Pfarrer in Griesbach; Anton Schaller, Bauer in Waldershof; Josef Zahn, Bankier in Tirschenreuth; Ferdinand Meyer, Bauer in Poppenreuth; Hans Trisl, Steinmetz und Landwirt in Wildenau; Otto Heider, Schmiedemeister in Friedenfels; Emil Schiller, Provinzial-Rechnungsführer in Tirschenreuth; Engelbert Schuller, Bauer in Falkenberg; Rudolf Ott, Diplom-Volkswirt in Neualbenreuth; Adolf Koller, Bauarbeiter in Schönfeld; Michael Kraus, Bauer in Hohenwald; Hans Lindner, Bauer in Plößberg; Josef Trißl, Spinnmeister in Tirschenreuth; Michael Kunz, Porzellanarbeiter in Waldershof; Paul Schreiber, Spenglermeister in Mitterteich; Josef Drexler, Sägearbeiter in Waldershof; Ludwig Kraus, Bauer in Hundsbach; Otto Malzer, Bauer in Pechbrunn; Hans Friedrich, Angestellter in Wiesau; Franz Josef Maenner, Verleger in Waldsassen; Baptist Maierhöfer, Bauer in Schönfeld; Hermann Bayer, Angestellter in Mitterteich; Johann Sigl, Bauer in Pleußen; Hans Haberkorn, Bauer in Dobrigau; Andreas Wurm, Arbeiter in Tirschenreuth; Christof Spitzl, Metzgermeister in Tirschenreuth; Willibald Koller, Bauer in Lengenfeld; Anton Rosner, Bauer in Konnersreuth; Josef Berr, Kaufmann in Plößberg; Otto Höfer, Fuhrmann in Wiesau.

KPD

Erich Starke, Porzellanarbeiter in Waldsassen; Alois Glettner, Schachtmeister in Tirschenreuth; Johann Wiesend, Eisenbahner in Mitterteich.

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