Nach Schließung der Hallenbäder in Tirschenreuth und Bärnau fällt in vielen Schulen der Schwimmunterricht aus
Seepferdchen im Trockentraining

"Eine Fünf in Mathe kann ich ausgleichen. Wenn ich nicht schwimmen kann, bin ich ertrunken." Schulamtsdirektor Rudolf Kunz
Sport
Kreis Tirschenreuth
12.02.2016
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"Nur schwimmen ist schöner", wirbt die bayerische Wasserwacht. "Seepferdchen für alle", fordert die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft. Das klingt für viele Landkreisbürger derzeit eher wie Hohn. Sie sitzen auf dem Trockenen.

Tirschenreuth/Bärnau. Zwei Hallenbäder weniger sind in diesem Winter in Betrieb. In Tirschenreuth muss die angerostete Konstruktion der Decke erneuert werden - Fachleute bescheinigten Risse im Stahl und letztendlich Einsturzgefahr. In Bärnau wurden neben baulichen Defiziten Schimmelpilze in der Raumluft und Schadstoffe in der Holzdecke festgestellt. Den Schwimmern stehen seit September nur noch die kreiseigenen Bäder in Kemnath und Waldsassen sowie das städtische in Mitterteich zur Verfügung.

"Es ist wirklich ein Drama", kommentiert Rudi Kunz diese Entwicklung vor allem aus der Sicht des Schulsports. In vielen Schulen fällt das Schwimmen aus, statt dessen steht normaler Sportunterricht im Stundenplan. Der Schulamtsdirektor weiß, dass nur einige Grundschulen ersatzweise in weiter entfernte Bäder fahren. Zum Beispiel kommt für die Bärnauer, Plößberger, Mähringer oder Tirschenreuther Schüler momentan kein Schwimmunterricht in Frage.

Schwimmen fällt oft aus


"Das ist ja auch eine Kosten- und Organisationsfrage", weist Kunz auf die eingeschränkten Kapazitäten der übriggebliebenen Bäder hin. Und wenn man die Zeiten für die Busfahrt, das Umziehen und Fönen abzieht, bleibt von einer Doppelstunde nicht mehr viel übrig.

Von den ausgefallenen Schwimmwettbewerben in beiden Bädern will Kunz gar nicht reden. "Wir haben Schwimmen in allen Schulen in den Stundenplan integriert, Lehrer haben teilweise den Schwimmschein gemacht, es gab Kurse zur Hilfsqualifikation der Begleitpersonen", verweist er auch auf das Engagement der Eltern, wie zum Beispiel in Falkenberg.

Besonders traurig findet der Leiter des Arbeitskreises Sport in Schule und Verein die Entwicklung im besonders stark sanierungsbedürftigen Bärnauer Bad. "Die Schwimmhalle war für die Grundschule immer ein großes Plus", erinnert er sich an seine eigene Zeit dort als Lehrer. "Wir hatten den Anspruch, dass jeder Schüler nach der vierten Klasse das Seepferdchen oder sogar das bronzene Schwimmabzeichen hat."

Sehr schade findet der Tirschenreuther Schulamtsdirektor, dass in Bärnau derzeit auch die Kurse der Wasserwacht ausfallen. "Es ist der Hammer, wie vielen Kindern Heinrich Schicker schon das Schwimmen beigebracht hat. Da kamen die Leute bis aus Waldthurn nach Bärnau."

Natürlich gibt es auch Kinder, die mit Sport allgemein oder Schwimmen im Speziellen nicht viel am Hut haben - und sich über den Ausfall freuen. Aber für Rudi Kunz hat der entsprechende Unterricht durchaus seine Berechtigung. "Für mich ist Schwimmen ein Kulturgut. Außerdem: Eine Fünf in Mathe kann ich ausgleichen. Wenn ich nicht schwimmen kann, bin ich ertrunken." Nach gehäuften Badeunfällen werde beklagt, dass immer mehr Menschen nicht gut genug schwimmen können. "Aber vor Ort ist es oft nicht mehr möglich, es zu lernen."

Hoffnung auf Sommer


Der Schulamtsdirektor hofft, dass der Ausfall der Bädersaison sich auf einen Winter beschränkt. Darauf verlassen sich auch viele Vereine. Wohl am meisten freut sich German Helgert darauf, dass die Freibäder bald aufsperren. Der hauptverantwortliche Trainer des Schwimmclubs Tirschenreuth hat die Übungseinheiten der Mannschaften seit September notdürftig auf Waldsassen und Mitterteich umgeleitet: "Wir haben große Probleme. Tatsächlich bleiben schon Kinder aus, vor allem die jüngeren."

Aktive noch motiviert


Wenn man sieht, dass der Nachwuchs teilweise schon um 6.30 Uhr in Tirschenreuth abfahren muss, ist das auch zu verstehen. "Wir kooperieren beim Training mit dem TV Waldsassen, nutzen Randzeiten und die Dienstsportzeiten der Polizei", ist Helgert dankbar für die Unterstützung. Das schmale Mitterteicher Hallenbad mit seiner nur 20 Meter langen Bahn nutzen eher die Jüngeren des Schwimmclubs. Bisher kompensiert der Verein den Ausfall des Hallenbads mit der hohen Motivation der Aktiven. "Wenn es aber im September nicht klappt mit der Öffnung des Tirschenreuther Hallenbads, sehe ich schwarz", sagt Helgert.

Eine Fünf in Mathe kann ich ausgleichen. Wenn ich nicht schwimmen kann, bin ich ertrunken.Schulamtsdirektor Rudolf Kunz


Ausweichen auf andere BäderAuch viele Leute ohne Vereinsbindung, die das regelmäßige Training brauchen oder einfach gern schwimmen, vermissen "ihre" Hallenbäder. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als in andere Orte auszuweichen - mit entsprechenden Anfahrtswegen. Bademeister Andreas Kraus stellt in Mitterteich zwar keine rasante Steigerung der Besucherzahlen fest, aber durchaus etliche bislang unbekannte Gesichter. Zum Beispiel Gymnasiasten, die sich hier ebenso wie in Waldsassen auf das Sport-Abi vorbereiten. "Wir merken schon, dass jetzt mehr Besucher von auswärts die öffentlichen Schwimmzeiten nutzen", stellt der Waldsassener Bademeister Thomas Mauersberger fest. Für mobile Badegäste, die eine etwas längere Anfahrt nicht scheuen, sind auch die Bäder in Kemnath, Weiden und Marktredwitz eine Alternative - oder von Bärnau aus das nächste in Tachov. (as)
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