Kolumne OTon
Trump-Triumph und Clinton-Crash

(Foto: dpa)
Vermischtes
Kreis Tirschenreuth
10.11.2016
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Eigentlich sollte hier jetzt ein OTon stehen, der einen Titel wie „Aus dem Leben eines Lehrersohns II“ oder „Meine Stunden im Stadionknast“ trägt. Aber nach einer schlaflosen Nacht am Smartphone von Dienstag auf Mittwoch schreit die innere Stimme: „Kommentier’ den Trump-Triumph.“

Ich bin beileibe kein Politik-Experte, aber den abstrusen und bisweilen unwirklich anmutenden US-Wahlkampf habe ich natürlich über Monate hinweg interessiert und mehr und mehr kopfschüttelnd verfolgt, so dass sich ein Bild in meinem Kopf verfestigte. Daher ist dieser OTon kein Auszug aus dem Leben eines Jungredakteurs, sondern ein Kommentar.

Die US-Wahl 2016 sorgte bei mir zunächst für ein Déjà-vu: Schon vor der Brexit-Abstimmung ging ich mit dem Satz ins Bett: „Die werden schon nicht so blöd sein.“ Doch auch mein Wachbleiben brachte diesmal keine andere Antwort als: „Doch sind sie.“

Wahl der Qual


Die Amerikaner hatten letztlich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen Rassismus und Chauvinismus (Trump) oder Korruption und Repression (Clinton). Ein polarisierender Multimillionär, der mit seiner Wahlkampf-Rhetorik mehrfach die Grenze gegenseitigen Respekts überschritten hat. Oder ein Clan-Mitglied, das das über Jahrzehnte gefestigte Washingtoner Establishment fortführt.

Das in einer demokratischen Abstimmung herbeigeführte Wahlergebnis ist keine Entscheidung pro Trump, sondern gegen das korrupte Establishment – muss aber nichtsdestotrotz akzeptiert werden. Während viele Europäer, so auch ich, Clinton als das kleinere Übel betrachteten, votierten die Amerikaner genau umgekehrt. Tatsächlich wirft die Trump-Wahl kein gutes Licht auf die Bildung und die Intelligenz der Wählerschaft. Wer mit Fremdenfeindlichkeit, Grenzbau-Plänen und außenpolitischer Abschottung punktet, hat unter normalen Umständen bei einem halbwegs rational denkenden Volk keine Chance. Aber Trump mobilisierte mit seiner überspitzten Wahlkampf-Rhetorik mehr (unzufriedene und Nicht-) Wähler als Clinton mit ihrer einfallslosen und langweiligen „Wir-machen-weiter-wie-bisher“-Sprechweise.

Hoffnung stirbt zuletzt


Schon bei seiner Jubelrede unmittelbar nach dem Wahlsieg schlug Trump gemäßigtere Töne an, in der er betonte, „Präsident aller Amerikaner“ sein zu wollen. Also der ganze Wahlkampf nur Show? Nichts Genaues weiß man nicht. Niemand kann vorhersagen, wie Trump regieren wird, zu inhaltsleer und reißerisch waren seine Aussagen während des Wahlkampfs. Für uns bleibt die Hoffnung, dass die Republikaner über einen qualitativ-hochwertigen Beraterstab verfügen, der den 70-Jährigen im Zaum hält. Und dass führende europäische Regierungen um Angela Merkel und Co. den 45. US-Präsidenten an die Hand nehmen und ihm gegebenenfalls seine Grenzen aufzeigen.

Ich persönlich hoffe zudem, dass dieser Wahlausgang den Deutschen als Warnschuss dient. Schalten wir unseren Verstand ein und erliegen wir nächstes Jahr nicht der Wahlkampf-Propaganda radikaler Gruppierungen à la AfD.

Und mein nächster OTon handelt dann wirklich wieder von seichteren, amüsanteren Themen – etwa Anekdoten aus dem Leben eines Lehrersohns oder warum ich einige Stunden in einem Stadionknast verbringen musste. Wobei: Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man auch über die US-Wahl 2016 herzhaft lachen.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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