Lokalbahn von Neusorg nach Fichtelberg hätte 125-jähriges Bestehen feiern können
Nächster Halt: Große weite Welt

Bilder aus der Anfangszeit der Lokalbahn Neusorg-Fichtelberg sind nur schwer zu finden. So ist es ein Glücksfall, dass wenigstens vom Bahnhof Ebnath ein Foto erhalten geblieben ist. Es muss vor 1967 entstanden sein. Die lächelnde Dame heißt Victoria Scharf und war in Ebnath unter dem Namen "Messner-Viti" bekannt. Sie verkaufte Fahrkarten.
Vermischtes
Kreis Tirschenreuth
27.12.2015
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Es gab die Zeit der guten alten Eisenbahn. Die Reise mit den rustikalen Zügen war weniger bequem als heutzutage, aber sie führte auch direkt ans Ziel: Selbst kleinere Orte waren per Schiene erreichbar. Ja, ja, es war einmal ...

Ebnath/Neusorg. Am Sonntag, 20. Dezember, hätte die Lokalbahn von Neusorg nach Fichtelberg ihr 125-jähriges Bestehen feiern können (wir berichteten). Jedoch war bereits am 30. Mai 1976 das Aus für den Personenverkehr gekommen. Und auch Güterzüge fuhren seit dem 31. Dezember 1984 nicht mehr auf dieser Route. Heute kann der größte Teil des Streckenverlaufes nur noch mit dem Fahrrad bewältigt werden.

Als in Bayern die Schienenverbindungen zwischen den größeren und kleineren Städten weitgehend funktionierten, bemühten sich viele ländliche Gebiete ebenfalls darum, an die große weite Welt angeschlossen zu werden. Viele der an der Fichtelgebirgsbahn von Nürnberg über Pegnitz nach Marktredwitz gelegenen Ortschaften träumten damals von "ihrem" Bahnhof.

Zeit der großen Träume


Das bayerische Lokalbahngesetz von 1882 ermöglichte den verstärkten Ausbau sogar von Nebenstrecken. Damals hatte man auch in Fichtelberg große Träume: Es war beabsichtigt, die Strecke von Neusorg über Ebnath und Brand nach Fichtelberg bis Bischofsgrün weiterzuführen; allein die geologischen Verhältnisse verhinderten dies zunächst.

Die Grafen von Castell erklärten sich jedoch schließlich bereit, Grund für den Bahnbau unentgeltlich abzutreten. Das Bezirksamt Kemnath gab bekannt, einen Teil der Baukosten zu übernehmen. Am 30. April 1888 fiel der formelle Startschuss für die knapp 15 Kilometer lange Strecke. Nach gut zwei Jahren war sie fertiggestellt, und das ohne Bagger und Lastkraftwagen - von einer solch schnellen Bauausführung kann man heute nur träumen. Die Gesamtkosten betrugen 814 688 Mark. Viel technischen Aufwand gab es nicht; einzig die Brücke über die Gregnitz, hinter dem Bahnhof Ebnath in Richtung Fichtelberg gelegen, war ein sehr aufwendiger Akt.

Rampe für Granit


Bereits ein Jahr vor der Inbetriebnahme der Nebenbahn musste der Bahnhof Neusorg das erste Mal erweitert und umgebaut werden. Grund war der geplante Güterverkehr: Die Granitwerke Blauberg hatten eine Laderampe für Granitsteine beim noch zu errichtenden Bahnhof Ebnath beantragt, die für den Abtransport der Steine für den Nord-Ostsee-Kanal benötigt würde. Die Haltestellen Brand, Unterlind und Fichtelberg waren ebenfalls für die Güterabfertigung eingerichtet.

Ein Jahr nach der Eröffnung der Nebenbahn wurde in Neusorg eine weitere Laderampe errichtet - und zwar aus einem wichtigen Grund: Da jeder Ort nicht nur einen Pfarrer, sondern auch mindestens einen Lehrer hatte und diese öfter versetzt würden und umziehen müssten, wäre eine derartige Einrichtung vonnöten, so die Begründung. Außerdem käme zu den Kirchweihtagen auch ein Karussell in die Ortschaften, das mit der Bahn angeliefert würde.

Bekannt gegeben worden war die Eröffnung der Bahnlinie im "Gesetz- und Verordnungsblatt der Generaldirektion der Königlich Bayerischen Verkehrsanstalten": "Am 20. Dezember 1890 wird die der Betriebsleitung Neusorg unterstellte Lokalbahn Neusorg-Fichtelberg vorerst in provisorischer Weise eröffnet. Bei allenfalls eintretenden namhaften Betriebserschwernissen in Laufe des gegenwärtigen Winters bleibt eine zeitweise Einstellung des Verkehrs vorbehalten."

Als die Lokalbahn ihren Betrieb aufnahm, hatte Ebnath etwa 800 Einwohner. Die Häuser lagen nahe der Naab und im Umgriff der Kirche. Die Bahn umfuhr den Ort etwas abseits in östlicher Richtung.

Vom Erfolg überrascht


Die Kalkulation ging seinerzeit von einem wesentlich geringeren Fahrgast-Aufkommen aus, als es schließlich der Fall sein sollte. Denn ein regelrechter Boom setzte ein. In den ersten Jahren fuhren im Schnitt rund 25 000 anstelle der errechneten 15 000 Personen mit. Ganz anders verhielt es sich beim Gütertransport. Hier blieben die tatsächlichen Kosten meist hinter den Berechnungen zurück. Hauptgüter waren Holz, Glaswaren, Granitsteine, Kohle, Sand und Pottasche.

Der erste "Agent" des Bahnhofs in Brand hieß Christof Pürner. Er war von der Eröffnung bis 1908 dort beschäftigt. Am 1. Januar 1962 übernahm als letzter Bahnhofsvorsteher Hermann Pfreundtner aus Ebnath die anfallenden Aufgaben. Dann wurde der Bahnhof nur noch sporadisch durch Aushilfskräfte besetzt.

Über den Bahnhof Unterlind wurde vor Kurzem bereits im "Neuen Tag" berichtet. Die Endstation Fichtelberg lag 650,75 Meter über dem Meeresspiegel und war damit der höchst gelegene Bahnhof im Fichtelgebirge. Fichtelberg erhielt einen Wasserkran, der zum "Betanken" der Dampflokomotiven benötigt wurde, sowie einige Jahre später eine Lokomotiv-Remise und ein Wohnhaus, um Fahrpersonal eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten.

Keine Dienstwohnung


Den Betriebsdienst übernahmen zwei Lokomotiven, vier Personenwagen der zweiten und dritten Wagenklasse, ein Post- und Packwagen sowie zwei Gepäckwagen. Die Bahnhofsgebäude von Ebnath, Brand und Unterlind waren baugleich; es gab dafür Normen der Staatsbahn. Um die Betriebskosten so gering wie möglich zu halten, wurden die Stationen von Ortsansässigen geleitet. So konnte auf Dienstwohnungen verzichtet werden.
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