Gewissen eingetütet
Handel setzt immer öfter auf die Umwelt-Tasche

Geschäftsführer Reinhard Seer vom "Jäger & Turba-Modeland" setzt auf die robusteren Plastiktüten. Diese seien leichter zu handhaben und würden die hochwertige Ware besser schützen. Bild: pbls

Sie sind federleicht und dennoch ein massives Problem: Plastiktüten liegen der Natur Jahrhunderte "im Magen". Deshalb werden viele Geschäfte für die Umwelt aktiv.

Tirschenreuth. 11 700 Plastiktüten werden laut dem Umweltbundesamt jede Minute in Deutschland verbraucht. Das führt zu 2,3 Kilo Verpackungsmüll im Jahr - pro Einwohner. Bis sich eine Tüte zersetzt, dauert es 100 bis 500 Jahre. Jetzt packt der Handel das Übel an der Wurzel - und den Verbraucher am Gewissen.

Plastiktüten kosten etwas und das macht sich für die Umwelt bezahlt. Die Müller-Filiale in Tirschenreuth beispielsweise verlangt seit gut einem Jahr 10 Cent. "Anfangs waren die Kunden schon überrascht", erinnert sich Filialleiterin Beate Ries. Viele seien jedoch verständnisvoll.

Und wer noch etwas mehr für die Natur tun will, greift zur Umwelt- oder Mehrwegtasche. Die kosten zwar einen Euro, verkaufen sich aber gut. Auch Beate Ries empfindet die Umstellung sehr positiv und die neuen Taschen optisch gelungen.

Der Geschäftsführer von "Jäger & Turba-Modeland", Reinhard Seer, setzt noch auf die Kunststoff-Version. Aus mehreren Gründen. Die seien einerseits deutlich günstiger als Papiertüten und "von der Handhabung her zehn mal praktischer". Mit den gezackten Rändern hat Seer schlechte Erfahrungen gemacht. "Da war es nur schwer möglich, die Ware einzupacken." Außerdem könne hochwertige Bekleidung doch sicherer in einer robusten Tasche transportiert werden. Dr. Dieter Gürster, Apotheker der Marienapotheke, wird wahrscheinlich auf Papiertüten umsteigen. "Wir wollen die Kunden sensibilisieren, dass das Zeug jeden überlebt." Holger Paschedag, Geschäftsführer des Modehauses Zeitler in Mitterteich, bietet den Kunden Papier- und Plastiktüten an. Grundsätzlich würden jedoch die Tüten aus Papier genutzt. Nur bei kleinen Artikeln kämen die aus Plastik zum Einsatz.

Mit gutem Beispiel voran geht auch der DM-Drogeriemarkt in Tirschenreuth. Schon seit Mitte vergangenen Jahres sind keine kostenlosen Plastiktüten mehr erhältlich. Als "ganz unterschiedlich" schätzt Filialleiterin Vanessa Neidhardt die Reaktionen der Kunden ein. Einige hätten es toll gefunden, dass DM jetzt so umweltbewusst denke. Andere wären nicht begeistert gewesen, keine kostenlosen Tüten mehr zu bekommen.

"Sowohl Stofftaschen als auch Permanent-Tragetaschen können die Kunden wieder zurückbringen", beschreibt Vanessa Neidhardt den besonderen Service. Reißt bei den Taschen beispielsweise ein Henkel, werden sie zurückgenommen. Der Kunde bekommt dann sein Geld zurück oder Ersatz. Die Filialleiterin findet den Verzicht auf kostenlose Tüten gut. "Ich glaube schon, dass es auf Dauer etwas bringt", ergänzt sie. Auch die noch zweifelnden Kunden würden der Aktion früher oder später zustimmen.

Kunden sensibilisieren


Der Bioladen "Frohnatur" in Tirschenreuth nutzt keinerlei Plastiktüten. "Frohnatur" bietet den Kunden Papiertüten und besondere Taschen an. Die Netz-Mehrwegtaschen aus Kunststoff zum Tragen von Gemüse sind sogar waschbar. Hanfbeutel sind für den Transport von Brot erhältlich, Das Sortiment des Bioladens enthält auch kompostierbare Tüten. Laut Inhaberin Margit Mayr werden die Mehrwegtaschen jedoch eher weniger gekauft. Die meisten Kunden hätten einen Einkaufskorb dabei oder wählten Papiertüten. Eine Aktion, um den Kunden die Problematik ins Bewusstsein zu rufen, sei geplant.

HintergrundDer Umschwung auf kostenpflichtige Tüten ist in einer EU-Richtlinie begründet. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, den Verbrauch von Plastiktüten einzuschränken. Davon sind sehr dünne Tüten, die zum Beispiel für Obst benutzt werden, nicht betroffen. Allerdings sind auch Papier- und Stofftaschen nicht uneingeschränkt umweltfreundlich. So benötigt die Herstellung von Papiertüten fast doppelt so viel Energie wie die von Plastiktüten. Auch bei der Wiederverwendbarkeit gibt es Probleme. Papiertaschen sind oft nicht so robust und reißen leichter. Baumwolltaschen sind erst umweltfreundlich, wenn sie rund 30 Mal verwendet wurden. 1700 Gramm CO2 werden bei der Herstellung einer Stofftasche freigesetzt. Im Vergleich dazu sind es bei Plastik "nur" 120 Gramm und bei Papier 60. Ab 1. April dieses Jahres sollen 60 Prozent der Plastiktüten etwas kosten. Wie viel darf der Einzelhandel aus Wettbewerbsgründen selbst festlegen. (pbls)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.