Altes Handwerk neu belebt

Die Vorlagen stammen aus dem Nachlass von Bruno Schneider aus Annaberg-Buchholz und entstanden um die Jahrhundertwende. Mit viel Geduld und Zeit entstehen edle Accessoires.
Lokales
Krummennaab
14.01.2015
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Edle Unikate - auf Wunsch "maßgeschneidert". Das bietet die Thumsenreutherin Claudia Flügel-Eber - und das in einem Handwerk, das außer ihr in Bayern wohl niemand mehr beherrscht.

Vor Jahren hat Claudia Flügel-Eber die Perlenstrickerei entdeckt. Das Handwerk hat sie nicht mehr losgelassen. Seither fertigt sie Kropf- und Armbänder passend zu Dirndl oder Tracht. Aber auch Perlenbeutel, schicke Opern-Täschchen oder auch - ganz modern - Handytaschen stellt sie her. Bis zu 100 Stunden arbeitet sie, um diese Stücke aus Tausenden winziger Perlen zu schaffen. Die in Thumsenreuth aufgewachsene Wahl-Regensburgerin ist wahrscheinlich die letzte Perlenstrickerin Bayerns. Auch deshalb haben sich schon Fernsehsender für sie interessiert - ein Beitrag vom November findet sich in der Sat1-Mediathek unter dem Stichwort: Perlenstrickerin. Die Hotelfachfrau und Steuerfachgehilfin fertigt dabei nach Maß - passend für bestimmte Anlässe oder Kleidungsstücke.

Fürs Handwerk begeistert

Als Claudia Flügel aufgewachsen, begeisterte sie sich früh für handwerkliche Arbeiten. "Es macht mir einfach großen Spaß. Ich mag es, wenn durch meine Fantasie und Arbeit etwas entsteht." Mit neun Jahren verdiente sie ihr erstes Taschengeld, indem sie selbst gemachten Schmuck "verkaufte". Seither hat sie sich mit allen möglichen Techniken beschäftigt: Sie begeistert sich für Schmuck aus Glasperlen, Filzen oder Makramee, auch Gobelin hat sie schon probiert. Besonders reizen sie die verschiedenen Handarbeitstechniken - sie probiert alles aus, um zu erfahren, ob sie diese Methoden auch beherrschen könnte.

Begonnen hat ihre Liebe zur Perlenstrickerei auf einem Flohmarkt. Vor einigen Jahren entdeckte sie dort einen kleinen ramponierten Perlenbeutel. "Ich hab daran herumgebastelt, viel recherchiert und gelesen." 2010 begann sie dann selbst mit der Perlenstrickerei. Inzwischen hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Anhand alter Vorlagen fertigt sie ständig neue Stücke. "Serienproduktion" gibt es aber nicht. Klar, dass solche Kunstwerke ihren Preis haben. Nebenbei arbeitet sie stundenweise bei einem Filmausstatter, wo sie unter anderem Ausstellungen mit vorbereitet. Überhaupt hat sie ein Faible für Kurioses und alte Sachen wie Kleinmöbel. "Durch die Staubschicht hindurch kann ich den Schatz entdecken." Was andere auf dem Sperrmüll entsorgen, bringe sie lieber wieder zum Glänzen.

Eigenes Geschäft

Claudia Flügel-Ebers Liebe ist die Perlenstrickerei. Dabei strickt und webt sie aus Tausenden winzigen Glasperlen ihre Stücke, die sie dann in ihrem Ladengeschäft "Carakess" in Regensburg, Unter den Schwibbögen, zum Kauf anbietet. Als Vorlagen dienen Muster aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Für die Muster kann die 42-Jährige auf einen Schatz zurückgreifen: Über eine Zeitungsannonce suchte sie vor Jahren nach "alten Perlentaschen und colorierten Fassvorlagen". Daraufhin meldete sich ein Berliner Ehepaar, das vor Jahrzehnten einen Teil des Nachlasses des Unternehmers Bruno Schneider aus Annaberg-Buchholz erworben hatte. Die Oberpfälzerin kaufte den "Perlenschatz", der rund 130 handcolorierte Originalvorlagen auf vergilbtem Papier aus der Zeit vor 1900 beinhaltet.

"Bruno Schneider webte unter anderem Beutel oder Zierstücke für Behältnisse, aber auch Etuis, Schmuck, Broschen, Puppentaschen und sogar Perlenbilder", schwärmt Claudia Flügel-Eber. "Muster-Maler entwarfen die Vorlagen, Perlfasserinnen zogen Perle für Perle auf einen Faden, Strickerinnen verarbeiteten den Faden von der Spule." Damals arbeiteten die Perlenstricker mit von Hand gezogenen und geschnittenen Glasperlen. Die Autodidaktin nutzt moderne, industriell hergestellte Delica- und Rocailleperlen, die überwiegend aus Japan kommen.

Alt und Neu verbinden

Die Kunsthandwerkerin hat zudem einige von Bruno Schneiders Muster in PC-Vorlagen umgewandelt und verkauft sie. Einige Muster verarbeitete sie zu eigenen Schmuckstücken. "Ich sehe es als meine Aufgabe an, mit diesem großen Erbe etwas Vernünftiges anzufangen. Das darf nicht vergessen werden." Die Ehefrau und Mutter eines Sohnes will Alt und Neu verbinden und so die Schönheit der alten Modelle bewahren. So schöne alte Dinge dürften einfach nicht in Vergessenheit geraten. "Ich bewahre Altes, indem ich es ins Moderne übersetze", sagt sie.

Die Wahl-Regensburgerin sagt, sie lerne dazu, probiere aus und sei glücklich damit. Zeit und Geduld spielen eine große Rolle: Weben, Häkeln, Fädeln und Stricken mit Glasperlen ist millimetergenaue Arbeit. Eines ihrer Lieblingsstücke - ein edler Hingucker - ist eine Handytasche, die die Künstlerin nach einem Jugendstilmuster aus den 1920er Jahren webte. Weltweit gibt es laut Claudia Flügel-Eber nur drei Stück davon: eines gehört ihrer Mutter, eines ihr selbst. Die Handytasche bietet sich auch für den Opernbesuch an. Rund 10 300 Perlen hat sie dafür verwendet - und unglaublich viele Arbeitsstunden. Wer neugierig geworden ist, sollte im Ladengeschäft "Carakess" in Regensburg vorbeischauen oder das Internet nutzen. (Hintergrund)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.carakess.de www.sat1bayern.de/news/20141104/die-letzte-perlenstrickerin/
Weitere Beiträge zu den Themen: Thumsenreuth (576)Januar 2015 (7958)
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