Michael Altinger klärt sein Publikum imaginäres Kaff auf
Strunzenöd auf Theuerns Bühne

Kabarettgröße Michael Altinger war in Theuern - allerdings, so sagte er, nur physikalisch, sein Kopf weile immer noch in Strunzenöd. Bild: e
Kultur
Kümmersbruck
11.04.2016
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"Fangen wir gleich an, damit wir zügig zum Ende kommen" - so begann's und das Publikum im proppenvollen Saal des Kulturschlosses war sofort mit dabei. Strunzenöd - bis Samstagabend in Theuern ein unbekanntes, weil imaginäres Kaff. Gehen wir mal davon aus, dass es in Niederbayern liegt.

Thuern. (e) In Strunzenöd, da ist die Welt in Ordnung, da gibt's kein Navi, das den Weg weist. Dort fragt man noch wildfremde Menschen nach der Straße, ohne vorher per Facebook Kontakt aufgenommen zu haben. In Strunzenöd, da gehen die Uhren normal, da diskutiert zum sonntäglichen Frühschoppen der Greindlbauer mit der Lisa und dem alten Vater noch über den schwulen Asthmatiker, seit der in Russland war. In Strunzenöd, da haben die Kinder noch kein 600-Euro-Smartphone, das sein muss, weil sie ja sonst nichts bekommen. Dort müssen sie kein Handy haben, "weil es könnte ja sein, dass sich Kinder durchs Draufschauen dann erst recht verletzen".

Und in Strunzenöd gibt es einen schweigenden Grinser. Der heißt wohl Michael Altinger, "mit 18 ein ungeschliffener Diamant oder einfach der Depp in Strunzenöd", sagte er über sich. Respekt habe er noch gehabt vor Menschen über 40, lässt der 46-Jährige in sein frühjugendliches Seelenleben blicken. Es war so einfältig, den ganzen Tag mit der Gitarre herumzulaufen in der irren Hoffnung, dass irgendwer irgendwo am Lagerfeuer sitzt, und er dazu Country-Lieder singen kann.

Ohne Sky-Abo


Das hatte durchaus was Reales. Damit sprach er vielen aus der Seele, die sich in der vom Internet bestimmten Welt nach einem guten Buch sehnen, die sich erinnern können, als eine Armbanduhr ausreichte, um einen Termin auszumachen. Als niemand vor Entsetzen aufstöhnte, wenn der Gegenüber einräumen musste, nicht im Besitz eines Sky- oder Maxdome-Abos zu sein. Die gute alte Zeit feierte Urständ.

Altinger, eine bayerische Kabarettgröße, war in Theuern - allerdings, so sagte er, nur physikalisch, sein Kopf weile immer noch in Strunzenöd, ließ er dem "zahlenden Volk" wissen. Und das war angesprochen von Altingers Auftritt. Der hielt, was man sich von ihm versprochen hatte und erwarten durfte. Einst im Ensemble der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, kam er in Theuern zum zweiten Mal satirisch, witzig, kein Blatt vor den Mund nehmend und unkalkulierbar daher. Man weiß nie so genau, welche Rakete die nächste in seinem satirischen Feuerwerk sein wird. In Theuern traf er auch auf "anständige und wunderschöne Leute, na ja, bis auf zwei, drei vielleicht, auf das beste Publikum - von Theuern".

Schwachsinnig, inhaltsleer


Das war reichlich, auch von weit her, angereist, um Altingers Bühnentätigkeiten zu genießen. Sie durften das Interview miterleben zwischen dem Fernsehmoderator und dem Fußballer Richie aus Schweinbach. Köstlich, welchen "Schwachsinn der Fußballer Richie auf ebenso schwachsinnige und inhaltsleere Interview-Fragen" zum Besten gibt: "Lieber schaue ich mir fünfmal die Werbung von Seitenbacher an."

Am Beckenboden


Das Auditorium klopfte sich auf die Schenkel, als Altinger davon berichtete, im Schwimmbad fast sein feuchtes Grab gefunden zu haben, weil er "Beckenbodengymnastik" im Wortsinn genommen habe, Altinger erzählte von Sitting Bull am Flughafen. Und immer wieder bezog er seine Band mit ein, die bestand aus Martin Julius Faber mit Keybord und Gitarre. (Altinger über ihn: "Wir kennen uns seit der Schule, und wenn er nicht schläft, redet er permanent").

500 Euro Obolus


Tante Antonia und Hans-Peter aus Strunzenöd nahm er aufs Korn, die Körperentschleunigung, will heißen, eine Stunde lang nur atmen, was aber nur möglich ist, wenn man den Obolus von 500 Euro entrichtet. Angst habe er, so ließ er wissen, vorm Chinesen, "denn das sind emsige Leute, die flechten noch Weidenkörbe auf dem Weg zur Arbeit".

Die Triebhaftigkeit seiner eigenen Brut, wie er sie nannte, wollte er durch den Kauf von einschlägigen Hochglanzmagazinen mit den Abbildungen üppig bestückter Frauen in die richtigen Bahnen lenken, die er, wegen des Reizes des Verbotenen, in LP-Hüllen auf der Toilette versteckte. Dort seien sie peinlicherweise von den Falschen entdeckt worden.

Michael Altinger hat in Theuern alle Register seines kabarettistischen Könnens gezogen. Bis 2010 war er Autor und Darsteller in der BR-Sendung "Die Komiker", seit 2013 steht er für die Sendung "Schlachthof" vor der Kamera. Nach einer Zugabe wurde er mit großem Applaus entlassen - nach Strunzenöd.
Mit 18 ein ungeschliffener Diamant oder einfach der Depp in Strunzenöd.Michael Altinger über Michael Altinger
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