Kapitän auf der Schul-Titanic

Lehrer durch und durch: Als Hauptreferent des 54. Amberger Seminars entließ Michael Felten (rechts) sein Auditorium nicht in die Passivität, einem wohlfeilen Vortrag zuzuhören. Das ist er sich schuldig, indem er die Lehrerpersönlichkeit in den Mittelpunkt von Lernprozessen rückt.
Lokales
Kümmersbruck
23.11.2014
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Der Musiktherapeut Reinhard Horn ist Stammgast der Amberger Seminare. Seine Workshops verbreiten am Ende allseits gute Laune. Die haben Lehrer offenbar bitter nötig, machte auch das Hauptreferat der vielbeachteten Fortbildung deutlich.

(zm) Sie heißen Amberger Seminare, es gibt sie zum 54. Mal, sie finden zum Teil landesweit Beachtung und sind seit Jahrzehnten Kümmersbruck als Veranstaltungsort treu. Einen besseren didaktischen Erfolg kann sich der Lehrersohn Roland Strehl als Bürgermeister der Amberger Nachbargemeinde kaum vorstellen, machte er in seinem Grußwort deutlich. Doch Schonraum Schule als Heile-Welt-Projektion, davon sieht Ursula Schroll den Unterrichtsalltag weiter entfernt denn je.

Die Neumarkter Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) ließ sich auch von hochrangigen Ehrengästen ihrer Zunft nicht einschüchtern und beklagte unter dem Szenenapplaus von Kollegen am Samstag, als Lehrer im Schultagalltag "regelrecht verheizt" zu werden. Ständig neue Anforderungen bei einer permanent dünner werdender Personaldecke würden die Pädagogen vor schier unlösbare Aufgaben stellen. "Wir sind Erzieher, Psychologen, Sozialarbeiter, Streetworker, Entertainer, Familientherapeut und Vater- oder Mutterersatz", beschrieb Schroll den Unterrichtsalltag. Und aus einer Mail eines Kollegen an sie zitierend, kam sie am Samstag bei erneutem Applaus zu dem Schluss: "Das sind Hilferufe. Hier kann man nicht einfach die Lehrer alleine lassen!"

Von wegen Randfigur

Das sagt auch der Kölner Gymnasiallehrer und Hochschuldozent Michael Felten. Er trat am Samstag als Hauptreferent der zweitägigen Fortbildung, die mindestens 800 Teilnehmer anzog, auf. Der Pädagoge unterrichtet die in Bayern undenkbare Fächerkombination Mathematik und Kunst. Dieser Umstand zog sich unverkennbar durch Feltens Vortrag, indem er nüchterne wissenschaftliche Fakten in anregend illustrierende (Sprach)Bilder packen kann. Felten zeichnet die Erkenntnisse des neuseeländischen Wissenschaftlers John Hattie nach und erteilt deshalb pädagogischen Konzepten, die den Lehrer an den begleitenden Rand von Lernprozessen drängt, eine klare Absage.

Felten rückt die Lehrerpersönlichkeit mit ihren individuellen Charakterzügen sowie berufsnotwendigen Autoritätsansprüchen als Vorbild in den Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens und damit auch des Lernens. Ebenso will der Gymnasiallehrer nicht an dem wesenhaften Ziel von Schule, Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, rütteln.

Die Macht des Drittels

Felten denkt, spätestens seit 2013 hier "einen Paradigmenwechsel" in der breiten Diskussion der Schulpädagogik erkennen zu können. Nicht zuletzt wegen Hattie, der die Lehrerpersönlichkeit mit rund 30 Prozent der das Unterrichtsgeschehen bestimmenden Faktoren festmacht. Das ist gemäß dieser Erkenntnisse nach den 50 Prozent der außerschulischen Sozialisation von Schülern (Familie, bisherige soziale Biografie) der am zweitwichtigsten prägende Einfluss eines schulischen Unterrichts- und Lernprozesses.

Damit verlangt Felten allerdings seinen Kollegen sehr viel ab. "Verlegenheitspädagogen", wie es Schroll zuvor beschrieben hatte, dürften den persönlichen Einsatz, den die Lehrerrolle nach Hattie erfordert, kaum aufbringen wollen und können. Auch solche Lehrerzimmer-Gespräche ließ der Referent in seinen Vortrag einfließen. (Zitate)
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