Ehrenamtliche über die Bürokratie, mit der Flüchtlinge konfrontiert werden
„Das überfordert jeden“

Sie besprachen bei Kaffee und Kuchen zwanglos, wie die Ehrenamtlichen und die Integrations-Profis vom Landratsamt beziehungsweise der Volkshochschule zusammenkommen können (von links): Dr. Werner Pilz, Gabi Pilz, VHS-Integrationsbeauftragte Irma Axt, VHS-Leiter Manfred Lehner und Maria Schönberger. Bild: Hartl
Politik
Kümmersbruck
14.04.2016
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Dr. Norbert Vogl. Bild: Huber

Das Musterbeispiel von Gabi Pilz ist ein Syrer, 38 Jahre alt, Akademiker, mit gutem Deutsch und Englisch. Seine drei Kinder hat er gleich in den Kindergarten geschickt. Bei ihm läuft alles gut, er bekommt im Januar die Anerkennung, möchte hier bleiben. Aber dann wird es kompliziert.

Denn nun kommen das Jobcenter und die Krankenkasse ins Spiel und damit die frustrierende Suche nach dem richtigen Ansprechpartner. "Die sind alle nett in den Ämtern", sagt Gabi Pilz, "aber es ist einfach zu viel Bürokratie." Also Formulare, Vorschriften, Paragrafen. Und alles im schönsten Behördendeutsch. "Das verstehe ich selbst nicht", sagt die Kümmersbruckerin. "Warum kann man das nicht wenigstens für Flüchtlinge so umschreiben, dass es verständlicher wird?"

Anfangs euphorisch


Es tut der temperamentvollen Frau offensichtlich gut, sich das alles mal von der Seele zu reden. Auch Maria Schönberger, Renate Amrhein und Richard Bäumler haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie alle kümmern sich um die 76 Flüchtlinge, die in Kümmersbruck untergebracht sind. Ein Stamm von etwa 20 Helfern macht dabei mit. Maria Schönberger erzählt von der Anfangseuphorie, mit der man Deutschkurse organisierte, Familien betreute, Fahrräder sammelte, ebenso wie Spielsachen, Kleidung oder Kinderwagen. Das macht der Helferkreis immer noch, aber er ist um einige Erfahrungen reicher, was die Mühen der Ebene betrifft: Bei Analphabeten fallen Fortschritte im Sprachkurs sehr schwer. Wenn man Frauen Deutsch beibringen will, muss man parallel eine Kinderbetreuung anbieten. Für Flüchtlinge ist es oft schwierig, von einem Ort zum andern zu kommen. "Aber die Dankbarkeit der Menschen gibt einem so viel zurück", nennt Maria Schönberger als Grund, trotzdem weiterzumachen. "Die Kinder lachen jetzt wieder", ist es bei Renate Amrhein.

Doch immer wieder kocht der Ärger über die Bürokratie hoch, der die Flüchtlinge und in der Folge ihre Helfer ausgesetzt sind. "Es ist unfassbar, was die Post kriegen", sagt Gabi Pilz. Da geht es um ein Berufspraktikum, den Integrationskurs, die Fahrtkostenerstattung, den Antrag auf Umzug, die Heizkosten, Übersetzung von Zeugnissen. "Bei Formular 500 brech ich zsamm. Ich wollt nur ein paar Stunden Deutschunterricht geben", beschreibt Gabi Pilz die Wirkung dieses Papierkriegs.

Richard Bäumler drängt darauf, erste Flüchtlinge ins Berufsleben zu bringen, hat dafür einen Gartenbaubetrieb an der Hand. Geht aber alles nicht ohne einen Wust an Formularen. Gelten die syrischen Zeugnisse? Reicht das Sprachzertifikat B1, um in der Berufsschule mitzukommen? Und Bäumler denkt weiter: Nur mit sozialem Wohnungsbau könne man die Flüchtlinge auf lange Sicht unterbringen, wenn sie aus den Asylbewerber-Unterkünften ausziehen müssen. "Die akute Wohnungsnot ist das Hauptproblem", pflichtet ihm Dr. Werner Pilz bei.

Alles Klassiker


Den Kümmersbruckern gegenüber sitzen Manfred Lehner, der Leiter der Landkreis-Volkshochschule, und seine Integrationsbeauftragte Irma Axt. "Das sind Klassiker", sagt Lehner über die frustrierenden Erfahrungen der Ehrenamtlichen. "Auf Dauer überfordert das jeden." Deshalb wolle man rund um das Landratsamt Anlaufstellen schaffen, die den Ehrenamtlichen Arbeit abnehmen und schnelle Problemlösungen anbieten (siehe "Koordinator kommt"). Bereits jetzt könne man die professionelle Hilfe von Diakonie und Caritas in Anspruch nehmen. Irma Axt rät beim Ausfüllen von Formularen dringend dazu: "Sonst könnten Sie juristisch verantwortlich sein, wenn dabei Fehler passieren."

Überhaupt drängen Axt und Lehner darauf, bei aller Bereitschaft zur Hilfe auch klare Grenzen zu setzen, nicht rund um die Uhr ansprechbar zu sein, nicht jeden Fahrdienst zu erledigen. Irma Axt, die aus Kasachstan stammt, begründet das mit ihren eigenen Integrations-Erfahrungen: "Wir sind oft hingefallen wie blinde Kätzchen, aber auch wieder aufgestanden. Du musst viel selbst machen, wenn du hier ankommen willst." Die Helfer müssten allmählich loslassen und den Flüchtlingen auch Eigenengagement zutrauen: "Langsam müssen sie selbst gehen."

Koordinator kommtEin gutes halbes Jahr ist das Landratsamt in Sachen Flüchtlinge im Notfallmodus gelaufen. Da in den vergangenen Wochen viel weniger Neuzugänge kamen, gehen die Verantwortlichen nun daran, die frei werdenden Kapazitäten für einen neuen Aufgabenzuschnitt zu nutzen, erklärte Dr. Norbert Vogl, der Leiter der Sozialabteilung am Landratsamt, auf AZ-Nachfrage.

So werde man den Mitarbeiter, der sich bisher um die Notunterkunft in der Berufsschule in Sulzbach-Rosenberg gekümmert hat, demnächst als Koordinator für den Bereich der ehrenamtlichen Helfer in Sachen Flüchtlingsbetreuung einsetzen. Vogl: "Er hat die Kenntnisse, die Verbindungen und den Überblick, wo die Leute und die Probleme sind. Er kann dann auch Tipps geben, wie man Probleme am besten löst." Zudem werde er sich um die Rückgabe der Flüchtlings-Wohnungen an die Vermieter kümmern, wenn diese nach dem Auslaufen der Verträge nicht mehr benötigt werden sollten.

VHS-Leiter Manfred Lehner kündigt daneben eine Informationsveranstaltung des Arbeitskreises Bildung im Bündnis für Migration und Integration an. Die soll alle Fragen behandeln, denen die ehrenamtlichen Helfer der Flüchtlinge immer wieder gegenüberstehen, wenn es um deren Deutschunterricht, die Schulbildung oder die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse in Deutschland geht. Die VHS werde wohl ab Juni eine Bildungskoordinatorin für Flüchtlingsarbeit haben. Für den Herbst rechnet Lehner mit der Stelle eines Job-Begleiters, der Flüchtlingen auf dem Weg in den Beruf hilft. (ll)
Bei Formular 500 brech ich zsamm. Ich wollt nur ein paar Stunden Deutschunterricht geben.Gabi Pilz
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