Andreas Schillinger bei der Tour de France
"Ich zähle nicht die Haferflocken beim Müsli"

Andreas Schillinger. Bild: hfz
Sport
Kümmersbruck
30.06.2016
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Neben der Bayernrundfahrt und Paris-Roubaix gehört die Tour de France zu seinen Lieblingsrennen: Andreas Schillinger, noch 32 Jahre jung, wird in diesem Jahr seinen 33. Geburtstag zwischen Carcassonne und Montpellier feiern. Im Sattel.

Amberg. Seit Mittwoch befindet sich Schillinger in Paris. Der Radprofi aus Haselmühl trifft sich dort mit seinen acht Kollegen vom Team Bora Argon 18 und bereitet sich auf den Start der Tour de France vor. Mit dem Bus geht's in die Normandie, wo am Samstag, 2. Juli, die erste Etappe des bekanntesten Rennens der Welt beginnt. In einem Interview spricht er über seine dritte Tour, seinen Sohn - und über "Hungerhaken".

Wie war die letzte Woche?

Andreas Schillinger: Die war schon richtig turbulent. Bis zum Sonntag, 19. Juni, war ich in Slowenien. Dann habe ich per Telefon erfahren, dass ich zur Tour fahren darf. Zeitgleich mein Ticket für die Hotelreservierung bekommen, für den Montag. Da war Pressekonferenz in Düsseldorf mit Teamvorstellung. Das hat die ganze Woche über den Haufen geworfen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich gleich nach Düsseldorf muss.

Haben Sie denn damit gerechnet, dass Sie wieder dabei sind?

Schillinger: Nicht direkt. Aber ich habe mich so vorbereitet, als ob ich mitfahre. Wer dann mitgenommen wird, ist schwer zu sagen. Es kommt darauf an, in welche Richtung das Team tendiert.

Sie sind zum dritten Mal bei der Tour dabei. 2014 haben Sie das Ziel in Paris erreicht, vergangenes Jahr mussten Sie aussteigen. Ihr größter Wunsch für dieses Jahr?

Schillinger: Natürlich das Ziel erreichen. Aber wenn einer von uns einen Etappensieg einfahren könnte, wäre das klasse. Unser Augenmerk liegt weniger auf der Gesamtwertung.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Tour?

Schillinger: Ich werde hauptsächlich als Helfer dabei sein. Sam Bennett, unser Ire, ist ein Sprinter. Er hat gute Chancen auf einen Etappensieg. Aber da muss es optimal laufen.

Was macht ein Helfer?

Schillinger: Meine Aufgabe für Sam ist, ihn bis 1000 Meter vor dem Ziel in Position zu bringen. Er hat noch einen zweiten Helfer, Shane Archbold, seinen Anfahrer. Shane soll ihn in die erste Reihe bringen und den Sprint forcieren, damit Sam freie Fahrt hat.

Wie bringen Sie einen Sprinter in Position?

Schillinger: Das ist ein richtiger Kampf. Man schaut, dass er so lange wie möglich erholt im Windschatten fahren kann, relativ erholt. Da kämpfen alle, die vorne fahren, gegen den gleichen Wind. Optimal ist es, wenn er erst 200 Meter vor dem Ziel die Nase in den Wind stecken muss.

Was heißt Windschatten? Wie viele Meter sind Sie von ihm entfernt?

Schillinger: Das ist ganz, ganz eng. Ich fahre vorne, Shane hinter mit, dann Sam.

Wer gibt das Tempo vor?

Schillinger: Das Feld. Es ist immer eine Bewegung von außen nach innen. Die Fahrer versuchen, außen vorbeizufahren und drücken dann nach innen. Wenn ich innen fahre, muss ich so stark sein, dass ich die Fahrer, die von außen drücken, auch draußen halte. Dass sie mich nicht überholen. Sonst bin ich eingebaut und habe keine Chance, den Sprint zu fahren.

Bei solchen Kämpfen sind Stürze vorprogrammiert ...

Schillinger: Da passiert genug. Vor allem in der ersten Tour-Woche werden wir sehen, dass es extrem nervös und extrem hektisch ist. Auf den ersten zwei Etappen fahren wir direkt an der Küste in der Normandie, da spielt der Wind eine große Rolle.

Wie haben Sie sich vorbereitet für ein solches Rennen?

Schillinger: Die Jahre teilen sich bei mir immer in zwei Hälften ein. Bis Mitte April liegt der Fokus zu hundert Prozent auf den Klassikern. Dieses Jahr war ich zuerst in Katar, dann vier Wochen am Stück in Belgien. Jeden zweiten, dritten Tag bin ich ein Rennen gefahren. Da braucht's für den Kopf eine kleine Pause. Nach der Aserbeidschan-Rundfahrt ging's ins Trainingslager in den Bayerischen Wald, das mache ich gerne. Da kann ich abschalten und mich zu hundert Prozent aufs Training konzentrieren.

Bekommen Sie von Ihrem Team einen Trainingsplan?

Schillinger: Nein. Den erstelle ich für mich selbst. Es gibt jemanden im Team, der unser Training überwacht. Trainieren wir zu schnell, zu hart, zu wenig. Das kann man alles mittlerweile super auslesen. Sollte da etwas schieflaufen, würden wir ein Feedback bekommen.

Wie sind Sie in Form?

Schillinger (lacht): Ich denke, ganz gut. Aktuell habe ich keine Rückmeldung bekommen. Also mache ich nicht so viel falsch.

Bei der Tour 2016 gibt es neun flache Etappen, neun Bergetappen, eine wellige plus zwei Zeitfahren. Was liegt Ihnen als ehemaliger deutscher Meister im Bergfahren?

Schillinger: Bergetappen waren noch nie mein Fall. Bei den deutschen Meisterschaften sind die Anstiege vielleicht fünf Minuten lang. Bei der Tour ziehen sich die Anstiege über eine Stunde hin. Die Jungs, die da vorne mitfahren, die sind so klein und so schmächtig, die hält man - wenn man sie im normalen Leben treffen würde - höchstens für 12 oder 13 Jahre alt. Da bin ich zu groß und zu schwer.

Wie groß sind Sie?

Schillinger: 1,89 Meter und ich wiege 73 Kilogramm.

Und die anderen?

Schillinger: Christopher Froome, der Vorjahressieger, ist 1,82 m und hat so 66 Kilo. Der kann Watt fahren, die bringe ich nicht aufs Pedal.

Das heißt, nur wer kleiner und leichter ist, hat eine Chance auf den Gesamtsieg?

Schillinger: Zumindest, was die Bergetappen betrifft. Man sieht es bei Nairo Quintana. Der ist extrem klein und wiegt nur 56 Kilo. Bei einer gewissen Steigung muss er sieben Watt pro Kilogramm weniger leisten. Jetzt wiegt der Kerl 18 kg weniger als ich, da kann man sich ausrechnen, was der weniger an Watt fahren muss. Da kann ich 550 Watt fahren, da lacht er mich immer noch aus.

Jetzt sind Sie aber total schlank ...

Schillinger: Nicht wirklich. Bei der Tour sind einige Hungerhaken dabei. Das ist schon Wahnsinn. In der Klassiker-Saison bin ich einer der Schmächtigeren. Aber kommt man zu einer großen Rundfahrt, ist der Typ an Rennfahrern ein ganz anderer. Das sind zwei verschiedene Welten.

Wie ernähren Sie sich?

Schillinger: Ich zähle jetzt nicht die Haferflocken beim Müsli. Wir haben bei der Tour eine Köchin dabei, die uns jeden Tag das Essen macht. In der Früh esse ich ein spezielles Müsli mit wenig Zucker und wenig Fett. Direkt nach der Etappe ist so ein Zeitfenster von einer Stunde, wo die Köchin etwas vorbereitet hat. Mal Nudeln mit Lachs oder Thunfisch.

Direkt nach der Etappe können Sie etwas essen?

Schillinger: Manchmal nicht. Aber der Körper arbeitet da noch und ist sehr gut aufnahmefähig. Ich denke nicht daran, ob ich Hunger habe oder nicht. Man muss sich dazu zwingen.

Am Abend dann gar nichts?

Schillinger: Doch, aber das kann sehr spät werden. Meistens ist zuerst eine Massage an der Reihe, zum Muskel auflockern. Dann ist es neun, halb zehn. Dann gibt's noch eine Kleinigkeit zu essen.

Kommt ihr bei der Tour dazu, Fußball zu schauen? Die Europameisterschaft?

Schillinger: Ganz ehrlich: Ich habe noch kein einziges Spiel gesehen.

Sind Sie kein Fußballfan?

Schillinger: Ich schaue mir ab und zu den FC Bayern an, wenn sie Champions-League spielen. Auch mal bei der WM oder EM. Aber ich finde es zeitweise übertrieben. Wenn ich das Heute-Journal anschalte, und das erste Thema ist: Jogi Löw hat sich irgendwo gekratzt. Dann denke ich mir: Haben wir keine anderen Probleme auf dem Planeten?

Was ist für Sie das Schlimmste bei der Tour de France?

Schillinger: Da sind zwei Etappen dabei, da geht es direkt vom Start weg 1000 Höhenmeter hoch. Ein Kampf von Kilometer null an.

Und das Schönste?

Schillinger: Wenn man die Champs-Élysées reinfährt. Wenn alles vorbei ist, und die Anspannung einfach weg ist.

Haben Sie Angst vor Anschlägen während der Tour?

Schillinger: Speziell nach dem Attentat am Brüsseler Flughafen rattert es schon im Kopf. In Brüssel war ich ein paar Tage vorher. Die Sicherheitsvorkehrungen werden dieses Jahr extrem hoch sein. Man macht sich schon Gedanken. Ich kann mich verrückt machen - oder auch nicht.

Sie haben vor kurzem bei unserer Rubrik "Kein Wort zum Sport" als Schlussbemerkung geschrieben, dass Sie sich bald auf Nachwuchs freuen ...

Schillinger: Ja. Seit letzten Freitag bin ich Papa. Gerade noch rechtzeitig.

Herzlichen Glückwunsch! Ein Junge oder ein Mädchen? Und warum rechtzeitig?

Schillinger: Ein Junge. Lucas. Ja, die letzte Woche war heftig. Wenn Lucas später gekommen wäre, würde ich keine Tour fahren. Ich wollte unbedingt bei der Geburt dabei sein. Dann hatten wir noch Richtfest. Wir bauen in Amberg ein neues Geschäft.

Das Geschäft in Haselmühl gibt es dann nicht mehr?

Schillinger: Wir ziehen im August um.

Übernehmen Sie dann die Firma?

Schillinger: So ist der Plan. Aber ein paar Jahre will ich noch fahren. Nächstes Jahr geht Bora in die Welt-Tour. Wir haben eine erstklassige Mannschaft. Es hat zwar lange gedauert, aber so langsam komme ich dahin, wohin ich wollte.

Und das wäre?

Schillinger: Die Welt-Tour. Erste Liga. Wir fahren dann alle Rennen. Von der Tour down under in Australien Ende Januar bis zur Lombardei-Rundfahrt im Oktober fahren wir jedes Radrennen. Wir sind dann nicht mehr auf die Wildcards angewiesen.

Haben Sie dann mehr Rennen nächstes Jahr?

Schillinger: Auf jeden Fall. Unser Kader muss auch größer werden. Jetzt sind wir 20 Fahrer. Wir werden auf 26 oder 30 aufstocken. Der Aufwand wird auch viel größer.

Wenn mein Sohn Lucas später gekommen wäre, würde ich keine Tour fahren. Ich wollte unbedingt bei der Geburt dabei sein.Andreas Schillinger


Wenn ich das Heute-Journal anschalte, und das erste Thema ist: Jogi Löw hat sich irgendwo gekratzt. Dann denke ich mir: Haben wir keine anderen Probleme auf dem Planeten?Andreas Schillinger
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