Archäologe Dr. Mathias Hensch und die Kümmersbrucker Ausgrabungen
Schon früh industriell

Dr. Mathias Hensch. Bild: e
Vermischtes
Kümmersbruck
27.04.2016
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"Ein spannendes Thema" versprach Dr. Mathias Hensch seinen Zuhörern. Die hatten genau das offenbar auch schon vermutet: Die Ankündigung, dass der Archäologe über die aufsehenerregenden Ausgrabungen Am Bachweg reden würde, lockte viele Besucher ins Rathaus.

"Eisen für den karolingischen König, Reich und Adel" lautete das Thema, das Hensch bei der Regionalgruppe Amberg des Historischen Vereines für Oberpfalz und Regensburg in beleuchtete.

Er referierte über die mittelalterlichen Anfänge des Montanwesens in der mittleren Oberpfalz. Der Archäologe beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der früh- und hochmittelalterlichen Siedlungs-, Herrschafts- und Wirtschaftsgeschichte der Region. Die sei spannend, betonte Hensch, schließlich habe die Montanwirtschaft in der westlichen Oberpfalz über Jahrhunderte Mensch und Natur nachhaltig geprägt.

Obwohl der Raum um die Bergstädte Auerbach, Sulzbach und Amberg gemeinhin als "Ruhrgebiet des Mittelalters" bezeichnet werde, lägen die Anfänge von Abbau und Verhütung der Oberpfälzer Eisenerze und der vor Ort betriebenen Weiterverarbeitung bis zur Eisenproduktion bislang weitgehend im Dunkeln. Und schon ist der Bezug hergestellt zu Kümmersbruck: Dort lagen bis vor zwei Jahren höchst aufschlussreiche Funde unter der Erde - Zeugnisse von mittelalterlicher Eisen- und früherer Metallproduktion.

Siedlungs- und herrschaftspolitische Überlegungen zum frühmittelalterlichen Raum nordwestlich von Regensburg hat Hensch in Wort und Bild im Kontext mit früherer Montanwirtschaft angestellt. Mit Schließung der Gruben am Erzberg in Amberg (1964), St. Anna (1974) und Eichelberg (1977) in Sulzbach-Rosenberg sowie der Grube Leonie im Auerbacher Revier (1984) endete in der Region die Ausbeutung von Eisenerz. Das endgültige Aus der Oberpfälzer Montanwirtschaft kam, als die Maxhütte 2002 dichtgemacht wurde.

Einen Bogen von der Karolingerzeit bis heute spannte Hensch in seinem Vortrag. Er berichtete vom wirtschaftlichen Aufschwung Mitte des 8. Jahrhunderts, über die frühe Montantätigkeit, die ausgebeutete Ressource Holz, die massiven Eingriffe in den Naturraum, über das Eisen und die Herrschaft im früheren Mittelalter. Dabei wurde auch deutlich, dass es auf der mittleren Frankenalb und im Oberpfälzer Bruchschollenland eine weit vor die ersten schriftlichen Nennungen zurückreichende Tradition der Gewinnung und Verarbeitung von Eisenerzen gegeben hat: Schon früh arbeiteten spezialisierte Handwerker im Auftrag früh- und hochmittelalterlicher Herrschaftsträger an der Herstellung hochwertiger Produkte im Rahmen grundherrschaftlicher Strukturen.

Erkenntnisse aus den archäologischen Grabungen in KümmersbruckKümmersbruck war ein Hotspot frühmittelalterlicher Eisenproduktion - das zeigten die Ausgrabungen im Neubaugebiet Am Bachweg. Niemand hatte geahnt, was da über 1000 Jahre in der Erde geschlummert hat. Archäologe Dr. Mathias Hensch zeichnete ein beeindruckendes Bild von der Leistungsfähigkeit des frühmittelalterlichen Montanwesens in der mittleren Oberpfalz, belegt durch die Funde.

Reste eines ursprünglich größeren Verhüttungsplatzes, wohl aus dem späten 7./frühen 8. Jahrhundert, konnten Hensch und sein Team Am Bachweg untersuchen. Rennöfen und Röstplätze entdeckten die Fachleute ebenso wie ein auffallend großes Grubenhaus.

Fundorte waren zunächst ein Areal östlich der Vils und der Staatsstraße 2165, dort, wo jetzt der neue Supermarkt steht. Nur rund 500 Meter östlich davon, am Rande des Neubaugebiets Am Bachweg I, wurden dann im vergangenen Sommer Reste einer Anlage freigelegt, auf dem zur Karolingerzeit spezialisierte Eisenverarbeitung in fast "industriellem Maßstab" betrieben worden sei, berichtete der Experte.

Die Struktur dieses Platzes sei bislang in Europa weitgehend einmalig und lasse sich nur durch eine straffe, grundherrschaftliche Organisation erklären. Deren Träger müsste laut Hensch beim karolingischen Königtum oder bei dem mit ihm agierenden Nordgaugrafen zu suchen sein.

Der Handwerksplatz sei rund 4000 Quadratmeter groß. Der 600 Meter weiter westlich in die Vils mündende Krumbach sei wohl bis in das 19. Jahrhundert deutlich näher am archäologisch untersuchten Gelände Am Bachweg verlaufen. Eine dichte Bebauung des Geländes sei mit größeren Pfostengebäuden, in denen sich zahlreiche Schmiedeplätze und Einbauten befanden, belegt. Unterschiedlich große Essegruben seien gefunden worden, deren Betriebsart sich noch genau habe feststellen lassen. In der Verfüllug der Schmiedegruben entdeckten die Fachleute verglühte Steine, die dem Aufbau dienten oder eine steinerne Einfassung andeuteten.

Tausende Schlackenbrocken und Holzkohlen aus nahezu allen Befundstrukturen zeigten nach Henschs Worten, mit welcher Dynamik hier gearbeitet wurde. Schmiede- und Verhüttungsschlacke bewiesen, dass in unmittelbarer Nähe Verhüttung in großem Maßstab erfolgte. Große Mengen an geröstetem und kleingepochtem Eisenerz sprächen ebenfalls dafür. Aus der Produktplatte der Kümmersbrucker Schmiede lasse sich schließen, dass neben Geschosseisen, Schlüsseln und Schlössern auch Klingen hergestellt wurden, dazu Messer, Äxte und Beile.

Das Ende der Produktion Am Bachweg fällt nach Ansicht des Archäologen aufgrund eines auf das Jahr 886 n. Chr. datierten Stücks Buchenholzkohle wohl in die Regierungszeit König Karls III. Aus ersten Untersuchungen folgerten die Experten, dass der Grund dafür die weitgehende Erschöpfung der Holzressourcen in der Umgebung war.

Mittlerweile ist alles detailliert erfasst, aufgegriffen, katalogisiert, fotografiert und aufbereitet. Die Fundstätte Am Bachweg wird inzwischen ganz profan neu bebaut. (e)
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