Ersticktes Gerücht neu befeuert
Hauptsache es klingt glaubhaft

Panikmache per Facebook: links der längst zurückgenommene Elternbrief der Kümmersbrucker Grundschule, der vor "einem Fremden" warnt, der Kinder anspreche, rechts die Situation anheizende Kommentare. Bild: Piehler
Vermischtes
Kümmersbruck
23.03.2016
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Soziale Netzwerke verändern das Miteinander mehr, als viele glauben mögen. Mutmaßungen werden zu Gewissheiten, alltägliche Befürchtungen zu konkreten Ängsten. Die Folgen sind nicht absehbar. Ein aktuelles Beispiel.

Ein Facebook-Posting in der Gruppe "Mein Amberg", abgeschickt in der Nacht auf Montag, geht an 4413 Mitglieder raus. Es zeigt einen abfotografierten Elternbrief der Kümmersbrucker Grundschule, der darauf hinweist, dass "Kinder auf dem Schulweg von einem Fremden angesprochen worden sind". Ein Nutzer kommentiert (Zitat im Original): "Passt auf eure Kinder auf !!! Ist heute zu tage so eine Kranke Welt! Lasst uns unsere Zukunft Schützen! Weiter Teilen erwünscht!"

An dieser Geschichte ist nichts, aber auch gar nichts dran. "Das haben wir ausermittelt", sagt der Sprecher der Amberger Polizei, Peter Krämer. Wer allerdings einen mit seinem Pkw umziehenden oder nach einer Bäckerei fragenden Mann als Verdächtigen ansieht, für den ist dieses Posting von großer Wichtigkeit. Und dann gab es auch noch den Mann, der einen der wenigen Schneetage in diesem Winter naiverweise zum Anlass genommen hatte, auf der Straße einen Buben anzusprechen und zu fragen, ob er jetzt nicht Lust auf eine Schneeballschlacht hätte.

Elternbrief zurückgezogen


Die Rektorin der Kümmersbrucker Grundschule, Eva Hampel, hat den Elternbrief, der auch im Namen des Elternbeiratsvorsitzenden verfasst wurde, in vollem Umfang zurückgezogen. Näher äußern möchte sie sich dazu nicht und verweist auf die Polizei. Ein Blick auf das Datum des Schreibens lässt vermuten, dass hier - aus welchen Motiven auch immer - eine nicht mehr ganz frische Geschichte noch einmal hochgekocht wird. Der Rundbrief der Schule stammt vom 28. Februar. Der jetzige Facebook-Eintrag hat derweil einen der üblichen Brandbeschleuniger im Netz gefunden, der provokativ nachfragt, dass zwar "jeder Dreck" im Internet verbreitet werde, solche, die Sicherheit aller und womöglich auch eigenen Kinder betreffenden Informationen aber nicht.

Krämer spricht von einer fatalen Situation für die Polizei. "Wir sind auf der Hut und nehmen alles ernst. In diesem Fall können wir ganz klar Entwarnung geben." Das wolle offenbar aber nicht jeder zur Kenntnis nehmen. Vor vielleicht einem Vierteljahr seien diese Gerüchte aufgekommen und hielten sich seither im Raum Kümmersbruck, Ebermannsdorf und Ensdorf hartnäckig.

"Wir sind da mit der entsprechenden Manpower rangegangen", versichert der Polizeisprecher. Das Ergebnis falle äußerst zweispältig aus. Auf der einen Seite könne guten Gewissens in dieser Sache komplett Entwarnung gegeben werden. Auf der anderen sei den Ermittlern einmal mehr bewusst geworden, wie unhinterfragt und hemmungslos inzwischen Gerüchte in Tatsachen umgemünzt würden. "Da wurden die Kfz-Kennzeichen völlig unbescholtener Leute weitergegeben" oder Lehrer hätten Kinder mit total abstrusen, beängstigenden Geschichten zur Vorsicht gemahnt.

Extreme Positionen


Am Ende stünden erfahrungsgemäß eher tief verunsicherte bis verängstigte Mädchen und Buben, statt ein unbestritten stets angebrachtes, gesundes Misstrauen. Völlig verschreckt, das haben laut Krämer die Nachforschungen in einem der drei Fälle ergeben, sei beispielsweise ein Bub weinend und aufgelöst davongelaufen, nur weil ihn aus einem Auto heraus ein Mann nach dem Bäcker im Dorf gefragt habe.

Das Phänomen Helikopter-Eltern sei natürlich auch den Ermittlern bekannt, doch bisher sei es nur selten in dem Ausmaß zutage getreten wie jetzt. Eine der befragten Mütter habe rundheraus darauf bestanden, dass Männer grundsätzlich keine ihnen nicht bekannten Kinder ansprechen dürfen.

Helikopter-ElternAls Helikopter-Eltern werden in der Regel überfürsorgliche Eltern bezeichnet, die sich wie ein Beobachtungs-Hubschrauber ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um sie zu überwachen und zu behüten. Ihr Erziehungsstil ist geprägt von einer nahezu zwanghaften bis krankheitswertig paranoiden Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes oder Heranwachsenden. (zm)
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