Faszination unter Tage
Höhle mit eigener Hausnummer

Forschergeist und Entdeckerlust: Damit begründet Oliver Endres, warum er so gerne in Höhlen geht.
Vermischtes
Kümmersbruck
08.07.2016
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Sie sehen aus wie Mini-Schwammerln oder winzige Blüten, sind aber weder das eine noch das andere, sondern Tropfsteine im Kleinformat.

Oliver Endres' Augen leuchten. Dass er eine kindliche Freude empfindet, gibt er unumwunden zu. Die Nachricht, dass in Kümmersbruck eine Höhle durch Zufall entdeckt wurde, elektrisierte ihn. Seit er drin war, ist er noch viel mehr von ihr fasziniert.

Oliver Endres ist in einer Facebook-Gruppe für Höhlenforscher. Und da postete jemand, dass durch Zufall eine Höhle in Kümmersbruck entdeckt wurde und diese jetzt verfüllt werden sollte. Der Hohlraum hatte sich bei Bauarbeiten in der Amberger Straße in Kümmersbruck Ende Mai als Loch aufgetan. Die Nachricht elektrisierte Endres.

Problemlos genehmigt


"Was? Ausgerechnet in meiner Heimatgemeinde?!": Der Engelsdorfer war hin und weg. Und er wollte unbedingt rein in die Höhle, bevor sie für immer von der Bildfläche verschwinden würde. Schnell fand er für dieses Vorhaben drei Gleichgesinnte. "Wir mussten beim Architekturbüro und dem Besitzer des Geländes um eine Genehmigung anfragen." Diese bekam die Gruppe problemlos.

"Ab fünf Meter ist es eine Höhle und somit katasterwürdig", weiß der 39-Jährige. Diese Hürde hat die Kümmersbrucker Höhle schon genommen. "Sie ist acht Meter lang, zwei Meter breit und drei Meter tief", fasst der Engelsdorfer die Ergebnisse der Vermessung zusammen. "Und sie hat sogar eine Hausnummer", sagt er grinsend und nennt die Adresse: Amberger Straße 12.

Bernhard Nerreter aus Nürnberg, Vorsitzender des Landesverbands der bayerischen Höhlen- und Karstforscher, war ebenfalls mit von der Partie. Erstaunt war er schon ein bisschen: "Wir sind in der Gegend um Amberg und Kümmersbruck ja nicht unbedingt mit Hohlräumen gesegnet." Das Alter der Höhle zu bestimmen, sei sehr schwierig. Sie könne sehr alt sein, aber auch sehr jung. "Das können ein paar Tausend Jahre sein, oder ein paar Hundertausend." In einem ist er sich sicher: "Millionen Jahre alt ist sie definitiv nicht."

In der Höhle fanden die Experten eine Reihe von Versteinerungen aus der Jura-Zeit. "Vor 220 bis 240 Millionen Jahren gab es das Jurameer, da kamen kalkreiche Individuen wie Schwämme und Korallen vor", erklärt Nerreter. In der Höhle stieß das Quartett auf Fossilien aus dieser Zeit. Zum Beispiel Belemniten, im Volksmund auch Teufelsfinger genannt. "Das sind Reste von früheren Tintenfischen", erläutert Nerreter. Entdeckt wurden in Kümmersbruck außerdem Brachiopoden, "die schauen ähnlich aus wie Muscheln".

Tropfsteine im Kleinformat


Auf seinem Smartphone scrollt Oliver Endres durch eine Flut von Bildern. Endlich findet er die Aufnahme, die er gesucht hat. Es sieht aus, als hätte er Mini-Schwammerln fotografiert. Oder kleine Blüten. "Das sind Pilzsinter", weiß Bernhard Nerreter und erklärt, worum es sich dabei handelt: "Das sind Tropfsteine im Kleinformat." Höchst interessant war es auf alle Fälle, da sind sich Bernhard Nerreter und Oliver Endres einig. "Das ist immer spannend", sagt der Landesverbands-Vorsitzende über neu entdeckte Höhlen. "Es könnte schließlich mal was sein, was für die Wissenschaft wichtig ist." Die Kümmersbrucker Höhle wird zwar verfüllt, auf Papier bleibt sie erhalten: Als Dokumentation samt Plan und Beschreibung, mit Grundriss, Längsschnitt und zahlreichen Fotos.

Faszination HöhleHöhlen faszinieren Oliver Endres aus Engelsdorf. Warum er so gerne in die Unterwelt geht, begründet er mit kindlicher Neugier, Forschergeist und Entdeckerlust. "Da wird einem die Menschheitsgeschichte bewusst", sagt er fast schon ehrfürchtig und verweist darauf, dass Höhlen vor zigtausenden von Jahren den Menschen wie dem Neandertaler Lebens- und Schutzraum waren.

Endres weiß, dass 90 Prozent der Menschen darin Platzangst bekommen. Er gehört zu den 10 Prozent, die sich dort wohlfühlen. "Höhlen sind für mich heimelig." Besonders schön findet er es, wenn die Höhlengänger für ein paar Minuten ihre Lampen ausmachen. Komplette Dunkelheit, absolute Ruhe: "Da sitzt man drin, vielleicht 30 Meter in der Erde, in einer Höhle, die Millionen von Jahre alt ist und nicht einstürzt." Höhlen hätten etwas Umhüllendes an sich, man sei im Schoß von Mutter Erde. (san)
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