Funde in Kümmersbruck noch bedeutender als gedacht
In Mitteleuropa einzigartig

Alleine die Größe der Anlagen, die Archäologe Dr. Mathias Hensch und sein Team in Kümmersbruck freigelegt haben, ist ganz außergewöhnlich: Hier sitzt der Grabungsleiter in den Überresten eines gewaltigen Ofens zur Eisenverhüttung. Bild: Wolfgang Steinbacher
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Kümmersbruck
15.01.2016
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Dass er und sein Team in Kümmersbruck auf eine Sensation gestoßen sind, hatte Archäologe Dr. Mathias Hensch schon vermeldet. Inzwischen aber steht fest: Der Fund ist sogar noch bedeutender als zunächst gedacht - "etwas, was man bisher in Mitteleuropa so nicht kennt aus dieser Zeit."

Ende vergangenen Jahres hat das Grabungsteam um Dr. Mathias Hensch seine Arbeit im Neubaugebiet Am Bachweg beendet - allerdings nur fürs Erste. Die Funde auf den zunächst untersuchten, künftigen Bauplätzen lassen erahnen, dass rundherum noch mehr Interessantes im Boden verborgen ist. Gut möglich also, dass der Archäologe nach der Winterpause noch einmal aktiv wird.

Dabei ist das bislang Entdeckte schon so bedeutend, dass Hensch versuchen will, die Ergebnisse zum Bestandteil eines Forschungsprojekts zu machen. Er will möglichst bald einen entsprechenden Antrag stellen - in der Hoffnung, damit "bei der deutschen Forschungsgemeinschaft auf offene Ohren" zu stoßen: "Wenn dieses Forschungsprojekt zustande kommt, werden wir uns möglicherweise noch einen zweiten Platz im Raum Amberg-Sulzbach genauer anschauen, von dem wir vermuten, dass es da Ähnliches gegeben haben könnte - allerdings mit dem Schwerpunkt Waffenproduktion", erläutert der Experte.

Ein Blick nach Frohnberg


Er richtet den Blick damit zum Frohnberg bei Hahnbach. Geophysikalische Untersuchungen vor ein paar Jahren hätten gezeigt, dass es sich lohnen würde, auch dort einmal genauer unter die Erde zu schauen. Die Spuren der riesigen Schmiede- und Verhüttungsanlagen in Kümmersbruck bezeichnet Hensch als "etwas wirklich absolut Außergewöhnliches - mit fabrikähnlichen Ausmaßen".

Vergleichbares sei in ganz Mitteleuropa bisher noch nicht entdeckt worden. "Wenn man überhaupt Schmiedegruben aus der Zeit findet, dann nur ganz vereinzelte, kleine Anlagen." Aber noch nie etwas in der Art wie in Kümmersbruck, wo man nachweislich mit mehreren Blasebälgen gleichzeitig agierte. "Das ist wie eine frühe Industrie, wirklich außergewöhnlich", macht Hensch klar.

Historische Potenz


Für den Fachmann zeigen die bisherigen Funde, "welche historische Potenz der Raum hier hat". Umso mehr hofft Hensch, dass die Verantwortlichen künftig im Zuge neuer Erschließungen sensibilisiert sind - insbesondere auf Flächen in Bachnähe. "Da sollte man auf jeden Fall in Zukunft gucken." Sollte es mit dem Forschungsprojekt klappen, wären Bohrungen entlang des Krumbachs denkbar, um zu prüfen, wie weit sich die ehemalige Eisenverarbeitung Richtung Gärmersdorf zieht.

Archäologen haben nach Henschs Worten grundsätzlich das Problem, "dass wir unsere Befunde zerstören, indem wir sie ausgraben. Wir hinterlassen eigentlich verbrannte Erde, aber unsere Dokumentation tritt an die Stelle des nicht mehr vorhandenen Bodendenkmals." Diese Ergebnisse könnten auch noch nachträglich Grundlage für ein Forschungsprojekt sein. Die große Frage dabei sei, ob man dafür Gelder bekomme.

Chance für Forschung


Die deutsche Forschungsgemeinschaft sei dafür ein Ansprechpartner. Sie vergebe solche Projekte allerdings nur "bei ganz außergewöhnlichen Dingen, die man bisher nicht kennt", wie Hensch weiß: "Aber ich denke, dass wir da gute Chancen haben."

Ein Forschungsprojekt wäre in Zusammenarbeit mit der Universität Jena denkbar, wohin der Archäologe gute fachliche Beziehungen hat. "Wir wissen ziemlich wenig über diese Zeit, das ist also entsprechend faszinierend", fasst der Fachmann seine Begeisterung in Worte. "Für den Laien ist das schwer zu begreifen, aber es ist tatsächlich phänomenal, was wir hier in Kümmersbruck sehen."

Im BlickpunktDr. Mathias Hensch ist sehr zufrieden mit der Ausgrabung in Kümmersbruck - und mit der Zusammenarbeit mit dem Bauherrn. Plätze wie diese ermöglichten es Archäologen, mehr herauszufinden "über eine Landschaft, über die man sehr wenig weiß: Gerade über den Raum nördlich von Regensburg haben wir kaum Schriftquellen, aus dieser Zeit um 800 eigentlich gar nicht". Ergebnisse könnte man in einer Ausstellung präsentieren. Eine Betäfelung Am Bachweg könnte dauerhaft an die Funde erinnern.

Hensch sieht sich durch diese Funde in seiner Ansicht bestätigt, dass der Landkreis "einen festen kommunalen Ärchäologen verdient hätte". Dass es ihn in Amberg-Sulzbach bislang nicht gibt sei "ein riesiges Defizit", findet Hensch. Andere Gegenden, die historisch weit weniger interessant seien, hätten eine solche Stelle längst: "Geschichte ist schon sehr viel mehr, als einmal im Jahr Kirchweih feiern." (eik)


Eine Fundgrube, auch zum Thema UmweltbelastungNicht nur mit Blick auf die industrielle Vergangenheit der Region sei die Grabung in Kümmersbruck eine echte Fundgrube, betont Archäologe Dr. Mathias Hensch: Interessant sei sie auch in Sachen Paläoökologie - also der Erforschung der fossilen Organismen und ihrer Umwelt.

Damit seien die Funde vom Bachweg "etwas, was ganz weit ausgreift". Hensch nennt Erkenntnisse aus Ammerthal als Beispiel: Grabungen in den 70er-Jahren hätten gezeigt, dass dort genau zu der Zeit um 800, als in Kümmersbruck in großem Stil Eisen verarbeitet wurde, eine Burganlage entstand. "Dabei hat man Wacholder verbaut: Das tut man nur, wenn man kein anderes Holz zur Verfügung hat", erläutert Hensch. Für ihn ein Hinweis, dass die Gegend damals schon massiv gerodet war, weil man das Holz für die Eisenverarbeitung brauchte.

Die Umweltbelastung zu dieser Zeit sei ebenfalls interessant. "Bei solchen metallurgischen Prozessen fallen jede Menge Schwermetalle an - Arsen, Blei. Alles, was sich im Gestein löst durch die Verhüttung und die Weiterverarbeitung, beeinflusst natürlich auch den Umweltraum."

Hensch und seine Mitarbeiter haben an den einstigen Schmiedeplätzen kaum echte Fundstücke entdeckt: Für den Fachmann ein Zeichen dafür, dass die Arbeiter, als sie die Produktionsstätte aufgaben, alles abgebaut und mitgenommen haben, "weil sie die Sachen wiederverwenden wollten".

Das sei für Archäologen zwar "schade, aber es zeigt auch, dass man alle Ressourcen genutzt hat, die man hatte". Eine weitere Erkenntnis ist die, dass aktuelle Probleme wie Umweltzerstörung durch Abholzung oder vom Menschen hinterlassene Giftstoffe schon damals aktuell waren.
Das ist etwas, was man bisher in Mitteleuropa so nicht kennt aus dieser Zeit.Archäologe Dr. Mathias Hensch zur Bedeutung der Kümmersbrucker Funde
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