Gesprächsrunde über Helikopter-Eltern
Der Schrei nach Schokolade

Vermischtes
Kümmersbruck
02.05.2016
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Wie geht Erziehung richtig? Dieser Frage stellten sich Experten aus Schulen, Kindergärten und dem Jugendamt. Den Zuhörern wurde bald klar: Viele Eltern sind verunsichert.

"Die Eltern sind sehr verkopft und vertrauen nicht mehr ihrem Bauchgefühl." Susanne Dolles war Teilnehmerin einer Gesprächsrunde über Helikopter-Eltern in der Aula der Dreifaltigkeits-Mittelschule. Die Leiterin des Kindergartens St. Walburga in Lintach hat schon viele Eltern kennengelernt: "Nichts Menschliches ist uns fremd", scherzte sie. Experten aus Kindergarten, Schule und Jugendamt diskutierten vor etwa 20 Zuhörern das Phänomen "Helikopter-Eltern".

Siegfried Kratzer moderierte die Diskussion. "Überbehütung führt zu Unsicherheit und Unselbstständigkeit", sagte der Vorsitzende des Evangelischen Bildungswerks zur Einleitung. "Das reicht bis ins Erwachsenenalter. Doch wo ist das richtige Maß?" Podiumsteilnehmer Sebastian Sonntag ist Psychologe. Er berichtete von Fällen, die er derzeit betreut: Zwei junge Männer hätten mit den Spätfolgen einer überbehüteten Kindheit zu kämpfen. Beide seien Einzelkinder und das Zentrum des Lebens der Eltern gewesen. "Einer ist nie zu Fuß in die Schule gegangen", sagte Sommer. Die jungen Männer hätten nach der Schule keinen Beruf gefunden. Einer schaffe es nicht, eine Bewerbung zu schreiben.

Probleme als Erwachsener


Podiumsteilnehmer German Grützner erzählte von ähnlichen Erfahrungen: Der Sozialpädagoge arbeitet für das Kreisjugendamt. In einem Fall hätte eine Mutter ihren Sohn in krankhafter Weise an sich gebunden, so Grützner. "Ich glaube, er wird später nicht in der Lage sein, einen Beruf auszuüben."

Die Rektorin der Dreifaltigkeitsschule, Gisela Prüll, erzählte, wie Eltern ihre Kinder bis an die Tür der Schule brächten. Manche begleiteten sie bis vor das Klassenzimmer, um ihnen die Schuhe auszuziehen. "Und der Trennungsschmerz ist riesengroß", so Prüll. "Bei vielen Eltern geht's aber auch in die andere Richtung, da werden die Kinder vernachlässigt." Eine Zuhörerin warf ein, sie sei immer verunsichert darüber, wie sie ihr Kind erziehen solle. Diese Unsicherheit kennt Susanne Dolles aus ihrem Erziehungsalltag. "Die Verunsicherung hat zugenommen", lautete ihre Erfahrung.

Dem kann auch Doris Etzold zustimmen. Die Leiterin der Kinderkrippe in Ammersricht meinte, die Empfindlichkeit der Kinder hänge von den Eltern ab. Wenn die Eltern von Anfang an gute Rahmenbedingungen setzten, werde es leichter.

Grützner kritisierte, die Gesellschaft schütze heutzutage die Familie nicht mehr. Häufig sei das Ergebnis seiner Therapiesitzungen, dass die Eltern selbst von irgendetwas tyrannisiert würden. Laut Prüll litten die Kinder sehr stark darunter, perfekt sein zu müssen. Dolles meinte, es gehe nicht nur darum, den Kindern die Grenzen zu zeigen, sondern seine eigenen Grenzen zu kennen: "Es geht um Klarheit und eine Linie in der Erziehung." Dazu ergänzte Sonntag: "Wenn das Kind im Supermarkt auf dem Boden liegt und schreit, dass es Schokolade will: Schauen Sie ihm in die Augen und sagen Sie ,nein'. Das Kind wird schreien, aber es wird wissen, es ist geborgen."

Selbstständig leben können


Selbstständig sein Leben meistern zu können sei das wichtigste Ziel der Erziehung, meinte Dolles. Und Etzold ergänzte: "Man sollte sich auch mal die Zeit nehmen und sich die Kinder anschauen. Die machen es manchmal besser als die Erwachsenen."

Nach zwei Stunden beendete Podiumsleiter Siegfried Kratzer das Gespräch. "Ich danke Ihnen, es war für viele sicher ein Gewinn", sagte er. Johann Bauer hatte für seine Gäste noch kleine Geschenke dabei. Manche Zuhörer und Podiumsteilnehmer stellten sich danach noch zusammen und unterhielten sich über die neu gewonnenen Erkenntnisse.
Überbehütung führt zu Unsicherheit und Unselbstständigkeit.Siegfried Kratzer
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