Zwei Projekte fürs gesunde Altern
Ziel ist der bewegte Mann

Kleine Übung - große Wirkung: Jede Form der Bewegung hilft weiter. Oft reicht es schon, den Stuhl als Stütze zu benutzen, um ein Bein zu schwingen.
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Kümmersbruck
13.04.2016
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Wer sich mehr bewegen will, muss dafür nicht unbedingt schwitzen: Die Kümmersbrucker Senioren-Gruppe "Standfest und aktiv im Alter" trainiert auch im Sitzen - und hat viel Spaß dabei. Bilder: Steinbacher (5)
 
Übungsleiterin Christine Fleischmann wünscht sich Neuzugänge für ihre Gruppe "Standfest und aktiv".

Beim ersten Treffen konnte auf dem wackligen Balancekissen noch keiner freihändig stehen. Jetzt ist das kein Problem mehr. Die bewegten Senioren von Kümmersbruck bringt eher etwas anderes aus dem Gleichgewicht: Die Sorge um ihre Gruppe - denn die könnte dringend ein paar mehr Mitstreiter vertragen.

Zu sechst sind sie im Schnitt, heute sind sie aber nur fünf. Die Jüngste ist Anfang 70, die Älteste Ende 80. Das sieht man aber nicht, wenn das Quintett zwischen Hantel, Balancekissen und Stepbrett munter durch den Gemeindesaal zirkelt. Etwas anderes fällt dagegen sofort auf: Hier sind nur Frauen aktiv. Das ist ganz typisch bei älteren Semestern.

Sitzen, das neue Rauchen


Deshalb hoffen die Zaungäste von Gesundheitsamt, Volkshochschule, Seniorennetzwerk und Universität Bayreuth, die den Damen heute werbewirksam zusehen, dass sie noch ein paar Neuzugänge auf die Gruppe "Standfest und aktiv im Alter" aufmerksam machen können. Vielleicht sogar ein paar Männer. Für die gibt es sogar noch ein zweites Projekt: Kümmersbruck ist neben Sulzbach-Rosenberg einer von zwei Standorten der Forschungsaktion "Action for Men" unter Regie der Unis Regensburg und Bayreuth, die gezielt Männer über 50 anspricht.

Über den englischen Titel sind nicht alle Beteiligten ganz glücklich. Eigentlich ist der Name aber auch egal. Wichtiger ist der bewegte Mann. Den gibt es ab einem bestimmten Alter nämlich immer seltener. Und das ist ungesund: Sitzen ist das neue Rauchen, warnen Fachleute schon seit geraumer Zeit. Aber das scheint zu vielen Männern noch nicht richtig vorgedrungen zu sein.

Das Ziel: Fitter alt werden


Das sei schon jetzt ein Problem, sagt Gesundheitsamtsleiter Dr. Roland Brey. Und es werde sich weiter verschärfen, weil die Gesellschaft bekanntlich immer älter wird. Für die Betroffenen ist das zwar an sich erfreulich. Für Dr. Brey und andere Fachleute stellt sich angesichts dieser Entwicklung aber die Frage: "Was kann man tun, damit die Menschen nicht nur älter, sondern auch fitter werden?" Wobei die längst beantwortet ist: "Körperliche Aktivität ist einer der wichtigsten Bestandteile für gesünderes Älterwerden", wie es Dr. Brey ausdrückt. Also ist die eigentliche Frage die: Wie bringt man Menschen, vor allem Männer, dazu, im Alter aktiv zu bleiben? Oder es überhaupt erst einmal zu werden?

Der Draht zur Zielgruppe


Möglichkeiten dafür gebe es schon viele im Landkreis, ist sich die Runde einig. Aber irgendwie scheint man damit die Zielgruppe nicht zu erreichen. Eine von vielen Aufgaben für das neu gegründete Seniorenmosaik der Gemeinden im Naturpark Hirschwald: Auf bestehende Angebote aufmerksam machen, neue Gruppen aufbauen und vorhandene gemeindeübergreifend vernetzen - Projektleiterin Barbara Hernes hat da einiges zu tun. Gut, dass sie selbst eine bewegte Frau ist, als Übungsleiterin und Referentin für Sport für Ältere beim Landessportverband. Sie hat schon einen wichtigen Ansatzpunkt entdeckt: Sie will Seniorenheime ansprechen und auch versuchen, Fahrdienste zu organisieren. Viele Ältere hätten keine Gelegenheit, alleine zu einem Kurs hinzukommen.

"Das Interesse ist da"


Dr. Brey hält regelmäßig Vorträge übers gesunde Altern durch Bewegung. Seine, für ihn "schon ein bisschen überraschende", Erfahrung: "Das Interesse ist da, aber der Schritt, da mache ich mit, ist noch zu groß." Brey sieht auch bei Älteren einen Trend zum Fitnessstudio - allerdings wohl nicht in kleineren Gemeinden. Für ihn ist klar: "Wir müssen versuchen, diese Gruppe in Schwung zu bringen."

"Action for Men": Bewegte Männer 50+"Bis zum 50. Lebensjahr sind viele Männer sportlich sehr aktiv", sagt Dr. Helmut Strobl von der Universität Bayreuth, der das Forschungsprojekt "Action for Men" (neu in Kümmersbruck und bereits etwas länger in Sulzbach-Rosenberg) wissenschaftlich begleitet.

Problematisch werde es ab 50+, weiß der Fachmann - "wenn Fußballspielen nicht mehr geht, weil die Knie kaputt sind". Denn Männer stehen auf Wettkampf: Andere Sportformen, etwa Yoga oder Pilates, sprächen sie "nicht so an". Hier liegt für Strobl der Ansatz des neuen Projekts: Es soll neue, lokale Angebote entwickeln, die auch Männer jenseits der 50 bewegen. Und es soll helfen, bereits Vorhandenes "zu bündeln und sichtbar zu machen".

Dr. Brey sieht zwei Gründe, die manchen vielleicht davon abhalten, aktiv zu werden: "Viele haben da falsche Vorstellungen im Kopf." Sie glaubten, es gehe um klassischen Sport, der sehr anstrengend sei und bei dem man schwitzen müsse. "Das trauen sie sich nicht zu." Dabei gebe es viele andere Möglichkeiten, aktiv zu sein, bei denen jeder mitmachen könne.

"Dreh- und Angelpunkt ist die Bewegung", das hat Kümmersbrucks Bürgermeister Roland Strehl verstanden - als Chef einer Gemeinde, die sich "immer mehr zum Zentrum aktiver Seniorenpolitik entwickelt: Da kommst du an Seniorensport nicht vorbei." Strehl ist zuversichtlich, dass das neue Projekt funktioniert und auch die Vereine mit einsteigen - alleine schon aus Eigeninteresse: "Die können nur überleben, wenn sie neue Mitglieder gewinnen." Wichtig sei es, dafür Ehrenamtliche ins Boot zu holen, sonst wären solche Angebote "nicht bezahlbar".

Möglichst viele für "Action for Men 50+" zu interessieren, ist Ziel einer Infoveranstaltung am Dienstag, 18. April, in Kümmersbruck: Aus diesem Treffen "soll ein Arbeitskreis entstehen", der dann tatsächlich Bewegung in die Sache bringt.


Standfest und aktiv im AlterSeit 2012 gibt es die Reihe "Standfest und aktiv im Alter" unter Regie der Volkshochschule Amberg-Sulzbach. Wie deren stellvertretender Leiter Herbert Amann berichtete, hatte die Idee dazu Dr. Ellen Freiberger vom Institut für Biomedizin des Alterns der Uni Erlangen. Auf ihre Initiative wurden Kursleiter ausgebildet, nach einem Konzept der Uni Erlangen-Nürnberg und der evangelischen Hochschule.

In Kümmersbruck, Sulzbach-Rosenberg und Schnaittenbach wurden dann drei Gruppen "Standfest und aktiv im Alter" ins Leben gerufen. Da die Teilnehmer eingangs und ein halbes Jahr nach dem ersten Kurs-Zyklus gestestet wurden, war im Februar 2013 ein wissenschaftliches Fazit möglich. Amann sprach von "durch die Bank positiven Ergebnissen - körperlich, aber auch psychisch". Auch die Teilnehmer äußerten sich entsprechend: "Die Leute waren begeistert." Amann nannte als Beispiel eine 83-Jährige, die vorher Mühe gehabt habe, sich zu bewegen. Diese hätte nach dem Kurs problemlos zehnmal hintereinander aufstehen und sich wieder hinsetzen können, ohne sich dabei abzustützen.

Grund genug für die Verantwortlichen, die Gruppen weiterlaufen zu lassen. Es kam sogar noch eine vierte in Hahnbach dazu, die derzeit allerdings pausiert, weil die Leiterin andere Verpflichtungen hat. Auch in anderen Gemeinden habe man solche Gruppen etablieren wollen, berichtete Amann - dazu sei man an Vereine herangetreten: "Leider ohne Resonanz."

Übungsleiterin Christine Fleischmann, die die Kümmersbrucker Gruppe betreut, hätte gerne mehr Teilnehmer. Anfangs sei das Interesse größer gewesen, berichtet sie - weil damals gerade das Kümmersbrucker Hallenbad wegen des Umbaus geschlossen wurde. "Jetzt ist es wieder offen, da wollten sie wieder ins Wasser" - was die Gruppe schrumpfen ließ. Dafür Neuzugänge zu gewinnen, sei "ein Kampf", gesteht Fleischmann - "und die, die noch da sind, haben Angst, wir hören auf, weil zu wenige kommen".

Insofern sind alle Interessierten willkommen, jeden Mittwoch von 10 bis 11 Uhr im Kümmersbrucker Gemeindehaus - wenn das Wetter passt, auch im Freien. Hier sind die Teilnehmer mit viel Spaß und verschiedenen Geräten (vom Walkingstock bis zum Balancierkissen) aktiv. Sie lernen aber auch, ganz einfach mehr Bewegung in ihren Alltag einzubauen. (eik)
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