Daddys letzte Sperrstunde

Lokales
Kulmain
07.11.2014
20
0

Frühschoppen, Frauen, Fußball - die drei prägenden "F" des ehemaligen "Cafés Kreuzer". Wegen der Ortssanierung verschwindet dieses Stück Kulmainer Wirtshausgeschichte aus der Dorfmitte. Was wohl Daddy dazu sagen würde?

Im Daddy-Haus ist kein Leben mehr, es steht leer, die Zimmer sind verwaist. Wäre da nicht noch das Wirtshausschild "Bierstüberl" an der Außenwand, würde nichts mehr auf den einst beliebten Treffpunkt im Herzen Kulmains hinweisen. Wegen der Neugestaltung der Ortsmitte, muss das Haus demnächst weichen, um den Blick auf die Kirche freizugeben. Das Gotteshaus soll wieder im Mittelpunkt stehen.

Etliche Privilegien

Daddy, das war einmal ein magisches Wort. "Gema zum Daddy. Trink ma a Halbe", das war eine Art geflügeltes Wort. Den Daddy kannte im Ort und rund herum jeder. Woher kam der Name? Die ehemalige Gemeinderäte Albert Gößner, Michael Schindler oder Richard Prößl können sich noch gut an Daddys beste Jahre erinnern. Alle schwärmen noch von der Zeit bei Daddy, der mit bürgerlichen Namen Andreas Kreuzer hieß. Er hatte viele Privilegien im Ort, war Jäger.

Kreuzer bewies auch außergewöhnlichen Weitblick: Albert Gößner erinnert sich, dass Andreas Kreuzer 1939 mit Ehefrau Hilde in die USA ausgewandert ist. Nach Kriegsende 1945 kehrte er in seinen Heimatort zurück. 1946 erwarb er, mit dem in Amerika verdienten Geld, das über hundert Jahre alte Gebäude, richtete im Kellergeschoß einen Lebensmittelladen und darüber das "Café Kreuzer" ein. Wegen seines Amerikaaufenthalts, verpassten die Kulmainer dem geschäftstüchtigen Wirt bald den Spitznamen Daddy.

Einen Führerschein besaß Daddy nicht. Deshalb engagierte er Hans Schöpf aus Zinst. Er hatte einen Kleinlastwagen mit Holzvergaser, der nicht nur Daddys Waren, sondern auch Personen transportierte. Daddy, so sagt man, war der Einzige im Ort mit Englisch-Kenntnissen. Oft fungierte er in den Nachkriegsjahren als Dolmetscher, etwa als amerikanische Soldaten einen Kulmainer verprügelten. Daddy musste vermitteln.

Damals gab es drei Frühschoppenlokale in Kulmain: Daddy, Weyh und Wiesend. Ersterer hatte den anderen einen Standortvorteil voraus - die Nähe zur Kirche. "Die eine Hälfte ging in die Kirche, die andere gleich zum Frühschoppen", blickt Richard Prößl zurück. "Die andere Hälfte kam dann nach". Ins Schwärmen geraten er und Michael Schindler, wenn sie ans Essen beim Daddy denken. Hilde war eine sehr gute Köchin. "Sie machte das beste Rehragout und den besten Rehbraten. Einen besseren habe ich nie mehr gegessen", schwärmt Michael Schindler.

Fußball im TV

In Erinnerung blieb auch Lina Seitz. Sie hatte als Bedienung eine durchschlagende Idee und richtete im Dachgeschoss Kulmains erste Bar ein. Dorthin strömten in den Tanzpausen des Weyhsaals die Pärchen. "Die Kulmainer Burschen haben sehr acht auf ihre Mädchen gegeben. Da gab es schon mal Gerangel", erinnert sich Schindler. Er muss es wissen. Der Ebnather hat nach Kulmain eingeheiratet.

Albert Gößner sind die Fußballspiele der drei Frühschoppenlokale in Erinnerung. Bei Daddy war die Fußballwelt zu Hause. Es hatte als einziges Lokal einen Fernseher und bei Fußballübertragungen strömten alle zu ihm. Nach Daddy Tod führte seine Gattin das Café Kreuzer als Wirtshaus weiter. 1981 übernahm es Christine Meyer aus Grafenwöhr, die es schließlich an die Gemeinde veräußerte. Die will es nun abreißen. Davon betroffen wäre auch der einstige Gemüseladen. Für Bürgermeister Günter Kopp besteht noch Klärungsbedarf mit der Fachstelle. Klar ist: Die beiden, von der Straßenseite 13 Meter in den Sandstein getriebenen Keller möchte er erhalten. Ein eigener, kleinerer Keller gehört zum ehemaligen Gemüseladen. Dort wird zudem ein Brunnen vermutet.

Eine Asphaltfläche schützt die Keller derzeit vor Nässe. Die wird wie das übrige Areal aber bald zu einer Grünanlage. Die detaillierte Gestaltung ist noch offen, betont Günter Kopp. Bis alles geklärt ist, wird Daddy noch über der Hauptstraße thronen. Von dort hatten die Gäste des kleinen Biergartens das Geschehen auf der Durchgangsstraße bestens im Blick.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2014 (8194)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.