Ein Saal zum Verlieben

Edeltraud "Edel" Weyh-Preßler (links) und Tochter Linda. Die dritte und vierter Generation der Weyh-Dynastie sorgen gemeinsam dafür, dass es im Saal brummt. Bilder: sbi
Lokales
Kulmain
09.10.2015
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"Der Saal", so nennen die Kulmainer den WS-Club. Dieser Ehrentitel zeigt schon, welche Rolle die letzte Discothek im Kemnather Land für die Menschen spielte und spielt. Für Generationen war er am Wochenende Heimat - besonders für Familie Weyh. Sie betreibt die Gaststätte in vierter Generation.

Mittwochvormittag, gerade kommt eine Lieferung Klopapier. "An was man nicht alles denken muss! Spülmittel, Zitronen und Eis für die Getränke", Edeltraud "Edel" Weyh-Preßler sieht nach, was noch alles fehlt fürs Wochenende. Ganz ungewohnt leer und leise wirkt der Saal, so ohne Gäste, Musik und Diskolichter.

1928 baute Joseph Weyh das Haus, als klassische Gastwirtschaft, einst feierte ein junger Pfarrer Primiz in dem Saal. "Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an die Zeit der Bälle: Lehrer-, Polizei-, Bauern- oder besonders der Jägerball waren legendär", erzählt Eugen Weyh, Sohn von Joseph Weyh. Während des Krieges war der Saal geschlossen. Fast 250 Flüchtlingen bot er in dieser Zeit Obhut.

1961 übernahmen der heute 83-jährige Eugen und dessen Frau Herlinde dann Metzgerei, Gastwirtschaft und Saal. Schließlich folgte 1978 der Umbau zur Diskothek. Tochter Edel erinnert sich: "Ach, wen wir schon alles da hatten: Pepitas, Waterloo und Robinson, À la Carte, die Manolitos, Münchner Freiheit, Peter Kent oder sogar Precious Wilson um nur einige zu nennen." Von letzterer stammt beispielsweise das Lied "I can't stand the rain" in Originalfeder. "Von der war mein Vater ja besonders angetan. Wir buchten sie, als sie noch nicht so bekannt war. Aber schon da zahlten wir eine enorme Gage."

Beliebt waren auch die Hypnoseshows mit Don Alfredo. "Der war damals aus dem Fernsehen bekannt. Unglaublich, was der mit den Leuten gemacht hat", schwärmt die 49-Jährige. Unter Hypnose legte er zum Beispiel eine Dame aus dem Publikum auf Glasscherben und stellte sich dann auf sie drauf. Als er sie aufweckte, stand sie auf, streifte sich ohne einen Kratzer am Rücken die Scherben ab und tanzte weiter. Auch das Oktoberfest im Saal, welches am 24. Oktober ab 20 Uhr erstmals wieder mit einer Band stattfindet, war immer ein Erfolg. Das Publikum feierte die Teilnehmer von Masskrugstemmen und Knödelwettessen.

Flippers im Stau

Aber nicht immer verliefen die Abende reibungslos. "Einmal hatte Eugen die Flippers gebucht, aber die ließen ganz schön auf sich warten. Plötzlich bekamen wir einen Anruf: Sie wären noch auf der Autobahn im Stau und fragten, ob sie überhaupt noch kommen sollten. Die Gäste waren schon unruhig, die hatten sich natürlich alle gefreut", erklärt Edel. Um alle bei Laune zu halten, kaschierte der Chef selbst als DJ die Überbrückungszeit. Am Ende schaffte es die Gruppe dann aber doch noch zum Auftritt nach Kulmain.

Einige Abende bleiben wohl auch einmalig. Wie die Bettfedern-Party, bei der mit einer Kanone Bettfedern auf die Tanzfläche geblasen wurden. Das Publikum tobte, Putzfrau Resi Lang auch: "Wenn ihr das noch einmal macht, kündige ich!"

2005 übernahm Edel Weyh-Preßler den WS-Club von Vater Eugen. Ihre beiden Kinder helfen ihr bei der Auswahl der DJs und Gastauftritten, die Zeit, in der Kapellen spielten, ist vorbei. Durch die zahlreichen Umbauten veränderte sich der Saal nicht nur optisch. "Von Gilette Abdi oder Le Shuuk habe ich vorher noch nichts gehört. Es gibt so viele Trends", sagt Edel. Viele auch heute bekannte Musikgrößen machten in den letzten Jahren Halt in Kulmain:

"Wir hängen uns rein"

Der ehemalige MTV-DJ Markus Kafka, Marcapasos, Niels Van Gogh, Gestört aber Geil oder Playmate und DJane Victoria Metzker drehten schon an den Plattentellern. Edel verrät: "In den Verträgen stehen schon irre Sachen. Anfangs hatten wir bedenken, dem nachkommen zu können. Da haben wir uns zum Beispiel Sorgen gemacht, wie wir Viktoria Metzker im 'angemessenen Gefährt' vom Flughafen abholen."

In den letzten Jahren schloss um den WS-Club herum eine Diskothek nach der anderen. "Es ist schon ein Kampf, der einen aufarbeitet, ein anfälliges Geschäft. Gerade hier auf dem Land. Wir hängen uns da wirklich überdurchschnittlich rein", erklärt Edel, warum der Saal Bestand hat. "Wenn du eine Disco betreibst, dann heißt das nicht nur Samstagabends auf- und Sonntagmorgens zusperren. Wir arbeiten die ganze Woche, wollen den Leuten etwas bieten", pflichtet Tochter Linda bei. Die 25-Jährige und ihr Bruder Sascha, der vor allem in den vergangenen Jahren einige Großevents organisierte, bringen sich in dem etwas anderen Familienbetrieb gerne ein.

Den Saal nutzten auch viele DJs als Sprungbrett, wie Alexander Sollfrank der als Alex Estévez heute auch überregional einen Namen hat. Immer noch ist er "Haus-DJ" im WS-Clubs. Seine Kontakte zu DJ Kollegen und Ideen schätzt die Clubbetreiberin sehr. "Wir wollen dem Elektro-Hype und den DJs aus der Umgebung mit der Veranstaltungsreihe "Tanzzwang" eine Plattform bieten und sie unterstützen", sagt Linda Preßler. Mit den legendären Ü30 vs. U30-Partys kommen schließlich die Generationen zusammen: Nicht nur hinter den Kulissen, wenn der 83-Jährige Eugen Weyh die Autos am Parkplatz einweist und Enkelin Linda hinter der Theke steht, sondern auch, wenn die Zwanzigjährigen ihre Onkel und Tanten auf die Tanzfläche zerren.

Die haben sich teilweise dort kennengelernt, früher bei den Flippers, heute bei Alex Estévez. Auch Edel Weyh-Preßler lernte ihren Mann Uwe, der heute eine Hausarztpraxis in Kulmain betreibt, in den Hallen des Saals kennen und lieben: "Als 18-Jähriger finanzierte er sich sein Medizinstudium durch das Auflegen als DJ. Der war gar nicht mal so schlecht damals", lacht Edel.
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