Buch über das Leben von Gerd Schönfelder
Wahnsinn, was alles möglich ist

Gerd Schönfelder präsentiert stolz das Buch, das sein Leben beschreibt. Bild: fph
Vermischtes
Kulmain
10.11.2016
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Das Leben des Gerd Schönfelder steht nun in einem Buch. Damit möchte der vielfache Paralympicssieger aus Kulmain anderen Menschen Mut machen.

Eine Sehnsucht wird sich nicht erfüllen für diesen Mann. "Ich würde gerne Klavier spielen", vertraute er sich einem Reporter an. "Aber ich kann keine Noten lesen." Das könne man doch lernen, würde derjenige einwenden, der den Sehnsüchtigen nicht sieht. Doch dem fehlt ein Arm. Und der zweite trägt gerade mal zwei Finger, von denen einer früher eine Zehe war.

Die Finger gehören dem bekanntesten Behindertensportler Deutschlands, dem 46 Jahre alten Gerd Schönfelder aus Kulmain. Und dem hilft nicht nur der schwarze Humor über das hinweg, was andere Schicksal nennen würden.

Schicksal - so lautet der Zwischentitel in einem gerade erschienenen Buch, das das Leben des Gerd Schönfelder beschreibt. Sein Schicksal war es, dass er am 11. September 1989 in Hersbruck auf einen anfahrenden Zug aufspringen wollte. Er wollte früh von der Arbeit zu Hause sein, um einem Nachbarn noch dabei zu helfen, ein neues Bad in seiner Wohnung zu bauen.

Schönfelder beschreibt in dem Buch, das Detlef Vetten verfasst hat und im Verlag "Die Werkstatt" erschienen ist, einiges selbst, auch seinen Unfall. Er schafft es nicht, den Zug zu entern. "Das Ende das Bahnhofs kommt rasend näher... und dann zieht es mich rein. Der Arm hängt noch in Fetzen am Körper." Den Arm können die Ärzte nicht retten, aber den Menschen. Er schwebt mehrere Tage zwischen Leben und Tod. Und er "macht noch weiter, wenn die anderen schon aufgeben", beschreibt Vetten den Willen des Oberpfälzers. Entsetzten Besuchern hält er entgegen: "Jetzt macht's euch amal keinen Kopf. Die Füße sind ja noch dran." Und einen entscheidenden Schub nach vorn gibt ihm in der Klinik das erste Bier, ein fränkisches Helles.

Zukunft hingebogen


Die folgenden Monate beschreibt Vetten, dessen Vater Horst einer der bekanntesten deutschen Sportjournalisten war: "Er hat sich geschüttelt, nach vorne geschaut, seine Zukunft für sich hingebogen." Unter anderem eben mit dem Zeh, der ihm in einer fast zehnstündigen Operation an die kaputte linke Hand angepflanzt worden ist. Mit der kann er nun wieder greifen, ins Leben eingreifen.

Und weil er schon immer ein guter Sportler war - Fußballer und Skifahrer vor allem - stutzt Schönfelder, als er beim Zeitunglesen mit der Mutter auf das Stichwort Behindertensport stößt. Dabei ist beim ersten mühsamen Joggen "alles noch so weit weg". Aber der Mann ist ein Modellpatient - und stößt bald zur Nationalmannschaft der behinderten Skifahrer. Erste Reaktion: "Leck mich am Arsch! Lauter Kaputte!" Mit denen wird er wenig später "die ramponierte Piste hinunter kanonenkugeln", wie es Vetten formuliert. Am Ende der Karriere, die so beginnt, stehen 16 paralympische Goldmedaillen und 14 Weltmeistertitel. Der Paralympicssieg 1998 in Nagano ist Schönfelder trotz gerissenem Kreuzband gelungen. Da wird er seinem Spitznamen wieder gerecht: "Stier von Kulmain". Doch 20 Jahre Leistungssport haben den Mann schon verändert. "Das Jungenhafte ist geblieben, aber jetzt ist Gerd kein Jungspund mehr, sondern verkörpert den Typen des kühnen Eroberers." Da greift Detlef Vetten schon mal tief ist die Kiste mit den Superlativen. Schönfelder selbst beschreibt den Wandel mit seiner veränderten Weltsicht: "So etwas wie vordergründiges Neidischsein hat sich verloren."

Vaterfreuden nach Gold


Auch als Sportler hat sich Gerd Schönfelder verändert, zwangsläufig, dem Alter geschuldet. 1992 in Albertville war er der Letzte, der die Party verlässt. Vor Vancouver 2010 muss er 12 000 Kilometer mit dem Rad schrubben und 18 Stunden pro Woche in den Kraftraum gehen, um sein letztes paralympisches Gold zu holen - um wenig später per Telefon aus der Heimat das höchste private Glück zu erfahren: "I bin Vatter worn." Die Mutter der mittlerweile zwei Kinder heißt übrigens Christina und beschreibt ihren Gatten so: "Er ist sehr angenehm gewesen, kein Angeber und auch kein Verdrückter."

Und weil das so ist, macht Gerd Schönfelder auch nach seiner aktiven Zeit das, was Karriere heißen könnte. Er ist durchaus ein Medienstar, was ihm manch unerwartetes Erlebnis schenkt. Kurz vor dem Endspiel der Fußball-WM 2002 ruft das Bundeskanzleramt bei ihm an und fragt, ob er zu diesem Ereignis nach Tokio fliegen will. Der Mann will natürlich - und geht nach dem Spiel früh um sieben mit den geschlagenen deutschen Fußballern heim. Im Flugzeug deckt ihn die Kanzlergattin fürsorglich zu. Was er offenbar brauchte. "Einen sauberen Zinterer hab ich gehabt", erinnert sich Schönfelder.

Der hat viele Journalisten, eben auch den Buch-Autoren Vetten kennen und schätzen gelernt - und diese ihn. So kommt es weiterhin bisweilen zu Einladungen wie der als Gastkommentator rund um ein Spiel der Fußball-Champions-League beim Sender Sky. Nicht minder schätzen ihn Sportfirmen als Repräsentanten. Mit einer großen bayerischen Autofirma entwickelt Gerd Schönfelder Fahrhilfen für Behinderte. Leuten aus der Wirtschaft beschreibt er bei Vorträgen "den Wahnsinn, was alles möglich ist". Und an 50 bis 100 Wintertagen steht der Mann auf Skiern, als einer der Co-Trainer des Nationalteams der Behinderten.

Und jedem aus diesen Kreisen, der es wissen will, beschreibt er, wie er sein Leben meistert. Schon immer hat er das alles mal aufschreiben wollen, war auch schon von Zuhörern gefragt worden, ob seine Geschichte nicht nachzulesen sei. Nun hat er Autor Vetten wieder getroffen, den er vor vielen Jahren beim Skifahren in Kanada kennengelernt hatte.

Vor wenigen Wochen hat der nun das Buch vorgelegt, für das er und Gerd Schönfelder schon einiges Lob eingeheimst haben - von Fernsehmoderator Johannes B. Kerner bis zu Leuten von der Sporthilfe. Am wichtigsten war dem Kulmainer aber das Urteil seiner Frau, "die wahnsinnig viel und wahnsinnig schnell liest." Und so hat sie wohl auch wahnsinnig schnell zum x-ten Male von ihrem Mann erfahren: "Es ist noch nicht vorbei, auch wenn Schlimmes passiert. Ich möchten einfach anderen Menschen Mut machen."

Jetzt macht's euch amal keinen Kopf. Die Füße sind ja noch dran.Gerd Schönfelder
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