Daniel Scheil als Kugelstoßer bei den Paralympics
„Die Kugel raushauen“

Die Vorbereitung ist gut gelaufen, nun steht einem erfolgreichen Wettkampf bei der Paralympics in Rio nichts mehr im Wege. Daniel Scheil ist optimistisch, dass er mit Edelmetall nach Hause kommt.
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Kulmain
24.08.2016
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Die Vorbereitung ist gut gelaufen, nun steht einem erfolgreichen Wettkampf bei der Paralympics in Rio nichts mehr im Wege. Daniel Scheil ist optimistisch, dass er mit Edelmetall nach Hause kommt.

Der Countdown läuft. Am kommenden Mittwoch hebt Daniel Scheil in Frankfurt Richtung Rio de Janeiro ab. Er ist einer von 148 Athleten, die bei den Paralympischen Sommerspielen für Deutschland starten. Dass er überhaupt im Flugzeug sitzt, weiß der Kugelstoßer jedoch erst seit Monatsanfang, obwohl er mit zu den Medaillenkandidaten zählt.

Altensteinreuth/Chemnitz. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte bereits am 1. August die Ergebnisse der Nominierungs-Kommission bekanntgegeben. Bis dahin sei die Teilnahme nur "zu 80 Prozent sicher" gewesen, erklärt Scheil. Die vom nationalen Verband vorgegebene Norm von 10,65 Metern hatte er geschafft und zur Jahresmitte hin nochmals bestätigt. Das war für die Teilnahme an den Spielen vom 7. bis 18. September zwar noch keine Garantie, doch nach den Gesprächen mit den Block- und Bundestrainern sei er schon davon ausgegangen, auf der Liste zu stehen. "Sie wissen, wie die Leistungen sind, und der Verband schaut schon darauf, dass Kandidaten mit Medaillenchancen nicht zu Hause sitzen".

Acht Jahre im Rollstuhl


Dabei ist Kugelstoßen - zumindest bis vor kurzem - nicht seine stärkste Disziplin. Bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft 2015 in Berlin schleuderte der ehemalige Fußballer des SVSW Kemnath, der seit einem Hinterwandinfarkt und anschließendem Koma vor acht Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen ist, den Speer auf die Weltrekordweite von 26,96 Meter. Vor zwei Jahren holte der Athlet des Behinderten- und Vitalsportvereins (BVS) Weiden mit Speer und Diskus den Europameistertitel. Doch beide Disziplinen sind in Rio nicht vertreten. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) verkürze oder erweitere von Mal zu Mal das Programm. So werden nach Rio die Planungen für Tokio in vier Jahren beginnen.

Daher mussten Speer und Diskus zurückstecken, um sich komplett aufs Kugelstoßen zu konzentrieren. "Ich will eine Medaille holen, wenn ich schon mal dabei bin." Und diesem Ziel ordnet Scheil alles unter. Dafür ist er sogar im Mai von Altensteinreuth nach Chemnitz gezogen, um sich am Olympiastützpunkt vorzubereiten. Dort gebe es die besseren Trainingsbedingungen, "alle Großen, auch die nichtbehinderten, bereiten sich dort vor".

Im Trainingslager


Seit Ende Juli befindet sich der 43-Jährige in der sächsischen Stadt im Trainingslager. Das bedeutet "von Montag bis Sonntag drei Mal am Tag Training". Dazu füllen Physiotherapie, Schwimmen, Kraft- und Technikeinheiten, Ausdauer- und Schnellkraft-Übungen den Trainingsplan auf. Erst in den ein bis eineinhalb Wochen vor dem Wettkampf, der am 10. September um 17.30 Uhr Ortszeit (in Deutschland 22.30 Uhr) beginnen soll, werde das Pensum verkürzt, um auf den Punkt "einen Top-Level zu erhalten".

Dafür sieht sich der Kugelstoßer auf einem guten Weg. "Ich habe mich nochmals verbessert." Seine Bestweite schraubte er auf mittlerweile 11,34 Meter. "Ich bin gut drauf und guter Dinge. Ich werde mein Bestes geben, dann kann ich mir nichts vorwerfen, wenn einer stärker ist." Einen Podestplatz hat er fest im Blick, da er viel Zeit und Geld investiert hat.

Zumindest aus Russland wird ihm keiner eine Medaille streitig machen können. Dessen Athleten hat das IPC wegen des Vorwurfs des flächendeckenden Dopings von den Paralympics ausgeschlossen. Den Schritt begrüßt das deutsche Kadermitglied, immerhin habe das Land "unterschrieben, dass es alles einhält, was das IPC vorschreibt". Auch im Behindertenleistungssport sei man an Dopingtests gebunden. Der Neu-Chemnitzer bedauert allerdings, "dass andere, die nichts gemacht haben, dann nicht dabei sind. Aber irgendwo muss man ja ansetzen".

Legendäres Stadion


Im legendären Maracana-Stadion wird er es mit zirka 16 Kontrahenten zu tun haben. Jeder absolviert zunächst drei Stöße, wobei die besten Acht ins Finale einziehen, beschreibt Scheil den Ablauf. Als ärgste Gegner sieht er einen Algerier und einen Australier. "Aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate können einen guten Stoß machen." Nur weil Russland nicht dabei sei, dürfe man die anderen Nationen nicht vernachlässigen: "Die schlafen auch nicht."

Nach der Ankunft in Rio nach einem 12-Stunden-Flug werden sich Scheil und sein Betreuer Christian Balke sowohl wegen der Temperaturen als auch wegen der Zeitumstellung eine Woche akklimatisieren müssen. Bis zum Wettkampf sei nur Sport geplant und nicht viel Zeit für etwas anderes. Eine Ausnahme macht er aber für die Eröffnungsfeier ("Da gehe ich jedenfalls hin"), auf die er sich besonders freut. Der 43- Jährige hat noch die Bilder von den Spielen vor vier Jahren in London im Kopf, als 80 000 Menschen den Athleten zujubelten. "Die Atmosphäre wird auch im Maracana gut sein. Das sauge ich auf und werde es in den Wettkampf mitnehmen, um dann was rauszuhauen."

Sollte ihn das beflügeln und zu einer Medaille tragen, wird im Deutschen Haus gefeiert. Bis zum Rückflug am 19. oder 21. September will er sich etwas anschauen, "schließlich bin ich zum ersten Mal in Rio". Und er will sehen, wie sich die Triathleten und Kanuten schlagen.

Zurück in Deutschland ist zunächst "ein bisschen Urlaub" und am 1. Oktober ein Besuch bei seinen Weidener Sportskameraden geplant, ehe die Vorbereitungen für die WM 2017 in London beginnen. Eventuell gibt es noch Empfänge und Interviews. Möglicherweise findet sich zu Scheils Sponsor, einem Weidener Sanitätshaus, noch ein weiterer Gönner. Zwar erhält er finanzielle Unterstützung durch die Sporthilfe, "aber das ist nicht die Welt". So ist er froh, "wenn es am Jahresende auf Null hinausgeht".

Menschen inspirierenSeit den Winterspielen 2014 in Sotschi erhalten behinderte und nichtbehinderte Sportler die gleiche Prämie, berichtet Daniel Scheil. So gebe es auch für ihn für eine Goldmedaille 20 000 Euro, 15 000 für Silber und 10 000 für Bronze. Trotz des möglichen Geldregens könne er von seinem Sport nicht leben. Aber das Finanzielle ist bei ihm zweitrangig. "Der Sport macht Spaß und füllt mein Leben aus." Mit seinen Leistungen möchte er die Menschen, die ein ähnliches Schicksal haben, inspirieren. "Es gibt viele Leute, die sich dann hängen lassen." Ihnen möchte er einen Weg aufzeigen. (luk)


Die Sache mit den SchnürsenkelnÜber seine Nominierung für Rio hatte sich Scheil sehr gefreut. Was in Brasilien auf ihn zukommen werde, habe er zwar schon realisiert, doch erst bei der Einkleidung für die Paralympics in Hannover am 13. August habe er gemerkt, dass sich Spannung aufbaut. Zwei große Koffer voll Wäsche und Schuhe hat er dort bekommen. Was die 148 deutschen Athleten anzuziehen haben, ist genau vorgegeben. Ob bei der An- und Abreise, der Eröffnungsfeier, bei Siegerehrung oder Interviews - für alles gibt es eine Vorschrift: "Die Sponsoren wollen eben ihr Zeug sehen." Der 43-Jährige wird daher sonst nur mit kleinem Gepäck reisen und nur die eigene Unterwäsche und die Zahnbürste mitnehmen. Wie bei den Olympischen Spielen befinden sich in seinen Koffern auch die roten Schuhe, mit denen sich - meistens - die erfolgreichen Athleten bei Fernsehinterviews zeigen. Wer genau hinauschaut, entdeckt, dass die Schnürsenkel mitunter unterschiedliche Farben haben - Gold, Silber und Bronze. (luk)


Ich will eine Medaille holen, wenn ich schon mal dabei bin.Daniel Scheil
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