Paralympic-Sieger Daniel Scheil über Zeit in Rio
U-Bahn stressiger als Gold

Gleich mit dem ersten Stoß schockte Daniel Scheil die Konkurrenz. Seine 11,03 Meter blieben unerreicht. Doch nicht nur an die Goldmedaille bei den Paralympics in Rio denkt er gerne zurück. Bild: dpa
Vermischtes
Kulmain
01.10.2016
111
0

Ein Goldmedaillengewinner hat's schwer. Etwas über eine Woche ist Daniel Scheil zurück von den Paralympics in Rio. Seitdem fährt er von Ehrung zu Ehrung. Erst in der neuen Heimat Chemnitz, dann bei Berlin und in Weiden. Angesichts dessen, was der Kugelstoßer nach seinem Triumph und bei einer U-Bahn-Fahrt erlebt hat, war Platz eins fast noch die leichteste Übung.

Altensteinreuth/Weiden/Chemnitz. Scheil ist wieder mit dem Auto unterwegs, - von Weiden nach Chemnitz, zum nächsten Termin - als er an die vergangenen drei Wochen zurückgedenkt. Seit der Rollstuhlfahrer in der Nacht zum 11. September die Kugel auf 11,03 Meter gewuchtet hat, "habe ich immer was zu tun".

Schon nach der Siegerehrung im Stadion Maracana ging es Schlag auf Schlag. Pressekonferenz, Dopingkontrolle, Interviews, die ersten Glückwünsche, unzählige Anrufe auf dem Handy und dann die Feier im Deutschen Haus. "Ich habe die ersten zwei Tage gar nicht geschlafen, dann hat es mir das Gestell weggezogen."

In diesen Stunden ist viel auf den 43-Jährigen eingestürzt. Der Moment, als er die Goldmedaille umgehängt bekam, das war für ihn "wie im Film. Das muss man erst verarbeiten, was man geschafft hat." Es gehe einem viel durch den Kopf. Noch in den Ohren sind dem Mitglied des Behinderten- und Vitalsportvereins (BVS) Weiden die Anfeuerungsrufe der 70 000 Zuschauer, die "voll Krawall gemacht haben". Wie diese mit den Athleten mitgefiebert haben, das "war Gänsehaut pur". Trotz aller Emotionen weiß der Neu-Chemnitzer, der bis Mai in Altensteinreuth gelebt hat, noch, dass er bei der Siegerehrung an seine im März verstorbene Mutter gedacht hat, und an seine Freundin zu Hause, die seinen Wettkampf bei Bekannten auf einer Großleinwand mitverfolgt hat und mit ihm "viel hat ausstehen müssen". Nur dadurch, dass "sie voll dahinter steht", habe er es bis nach Rio geschafft.

Dank ihrer Hilfe und der guten Vorbereitung am Olympiastützpunkt in Chemnitz sei er auf den Punkt fit gewesen. Obwohl er ursprünglich mit etwa 16 Konkurrenten und einem Vorentscheid gerechnet hatte, ging es am Wettkampfabend gleich ins Finale. Dort startete Scheil im ersten Durchgang als fünfter von acht Kugelstoßern. "Gleich im ersten der drei Versuche habe ich einen rausgehauen, was mir normalerweise nicht so gelingt. Das hat wohl die Konkurrenz beeindruckt", erzählt der 43-Jährige.

Dazu gehörte auch der Algerier Larmel Kardjena auf Platz eins in der Startliste, der sich als ärgster Konkurrent entpuppen sollte. Doch bei diesem "ging nichts mehr". Weiter als 10,94 Meter kam der Nordafrikaner auch im zweiten Durchgang nicht. Und Scheil, der wieder als Fünfter an der Reihe war, hat sich "schon gedacht, dass keiner mehr weiter stoßen wird". Mit dem Bewusstsein, dass ihm die Goldmedaille nicht mehr zu nehmen ist, gelangen ihm nochmal 10,96 Meter.

Sponsor im Publikum


Was danach folgte, war nur noch Freude. Erster Gratulant war sein Trainer Christian Balke aus Weiden, dann ging es zur Ehrenrunde, bei der er seinen Weidener Sponsor Bernd Urban und dessen Sohn fahneschwenkend im feiernden Publikum entdeckt hat.

Die restlichen Tage bis zum Rückflug verbrachte der ehemalige Fußballer des SVSW Kemnath meistens im Stadion, um die anderen deutschen Athleten anzufeuern. Einen Termin hatte er auch mit dem ARD. Ein Fernsehteam wollte mit ihm testen, wie behindertengerecht die brasilianische Metropole ist. Bei der Fahrt an die Copa Cabana "habe ich dann die U-Bahn kurz lahm gelegt", denkt Scheil lachend zurück. Ihm sei das Handy zwischen Waggon und Bahnsteig auf die Gleisen gefallen. Um es hochzuholen, musste der ganze Verkehr gestoppt werden.

"Ich würde es nicht mehr machen", lautet Scheils Urteil zu den öffentlichen Verkehrsmittel in Rio. "Überall Fallen, keine Fahrstühle", das sei sehr anstrengend gewesen. Und der Lift in der U-Bahn-Station sei nur am Geländer befestigt gewesen. Gut eine Stunde habe es gedauert, bis er wieder Sonnenlicht sah. Ein Lob hat er für die Küche im olympischen Dorf. "Das Essen war hervorragend. Für jeden Geschmack und jede Religion war etwas dabei."

Ende Oktober möchte Scheil in die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft im Juli 2017 in London einsteigen. Im Februar geht's daher nach Doha (Katar) zu einem Trainigslager und einigen Wettkämpfen. Zuvor stehen in den nächsten Wochen Ehrungen in Berlin und in der Bayerischen Staatskanzlei in München auf dem Programm, und eventuell noch Urlaub mit der Freundin, "damit sie auch mal von zu Hause rauskommt". In den nächsten Tagen will er auch die restlichen Glückwünsche auf seinem Handy, "das zwei, drei Tage lang nicht sillgestanden" und in der U-Bahn heil geblieben ist, beantworten.

Selbst, wenn ihn der Sport, neben Kugelstoßen auch Diskus und Speerwerfen, überall hin in die Welt führt, "dem BVS Weiden bleibe ich auf jeden Fall erhalten", verspricht er. Fünf bis sechs Mal im Monat kehre er in die Oberpfalz zurück, wo er in 25 Jahren viele Leute kennengelernt habe. Und vielleicht "komme ich einmal wieder ganz hierher".

Ich würde es nicht mehr machen.Daniel Scheils Urteil über eine Fahrt in Rios öffentlichen Verkehrsmitteln
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.