Wirtshaus „Beim Daddy“ wird abgerissen
Byebye, „Daddy-Haus“

Die Fassade des "Daddy-Hauses" enthält Asbest und muss dringend beseitigt werden. Bilder: ak (4)
Vermischtes
Kulmain
22.08.2016
168
0
 
Auch das frühere Lebensmittelgeschäft im Kellergeschoss muss noch weg.

Der Stromanschluss am Dachständer ist bereits abgeklemmt und das Brauereischild am ehemaligen Wirtshaus "Beim Daddy" abmontiert. In den nächsten zwei Wochen fällt das Anwesen in der Hauptstraße 26 endgültig der Abrissbirne zum Opfer.

Eines der zentral gelegensten Wirts- und Wohnhäuser in der Ortschaft wird abgerissen. Das sogenannte "Daddy-Haus" gleich neben der Kirche muss wegen des sogenannten Leerstandmanagements weichen. Die Gemeinde hat im Mai 2014 das Anwesen erworben und erhielt im Rahmen der Städtebauförderung die Fördermittelzusage für den Kauf, Abriss und Neugestaltung der entstehenden Freifläche im Ortszentrum.

Verfall unaufhaltsam


Das seit rund vier Jahren leerstehende Gebäude litt unter dem Leerstand und verfiel. Mit dem Förderprogramm "Ort-schafft-Mitte" des Freistaats versuchte die Kommune, für die Achse "Haus-des-Gastes", "Daddy-Haus" und Speckermühlplatz Fördermittel zu erhalten. Erst beim zweiten Versuch punktete die Verwaltung mit der Gesamtkonzeptplanung für das Städtebauprogramm für diese Maßnahme bei der Regierung der Oberpfalz. Im Gemeindeentwicklungskonzept stellte der Ort im Stärke-Schwächen-Profil und bei der Bestandsanalyse Sanierungs- und Entwicklungsbedarf im Ortskern fest. Ein wichtiger Punkt dabei war die Umnutzung oder Beseitigung des "Daddy-Hauses".

Nach Erhalt der Fördermittelzusage erwarb die Kommune das Anwesen. Bei der Abwägung der städtebaulichen Entwicklungschancen und des Gebäudebestandes entschied man sich, das Gebäude abzureißen und im Ortszentrum eine Freifläche für Rast, Aussicht und und Feste zu gestalten. Die Möglichkeit, das Haus zu sanieren und als Wohnhaus zu nutzen, verwarf Kulmain wegen der Kosten. Zudem sprachen die Lärmbelastung durch den Verkehr, die Hanglage und die schwierigen Zufahrtsverhältnisse dagegen.

Neue Ziele wurden deshalb der Abriss und das Schaffen eines öffentlich begehbaren Aussichtspunktes. Damit rückt die Pfarrkirche weiter in den visuellen Mittelpunkt. Die Außenmauern des Haupt- und Nebengebäudes entlang der Nord-, Ost- und Südseite sollen in einer Höhe von rund 90 Zentimeter als Grundstücksabgrenzung erhalten bleiben. Auch der Treppenaufgang im Haus bleibt, ebenso wie die Steinmauer an der West- und Nordseite.

Die Gemeinde legt Wert darauf, die unter dem Gebäude und dem ehemaligen Wirtshausgarten liegenden Felsenkeller mit Zugang von der Hauptstraße zu erhalten. Vorgesehen ist, die Flächen möglichst ebenerdig zu erhalten und die Restflächen den Anliegergrundstücken anzupassen.

Viel Arbeit


Die beiden Felsenkeller müssen an wenigen Stellen ausgeräumt, ausgemauert und von losen Steinen befreit werden. Die überdeckten Lüftungsschächte werden wieder geöffnet, um das alte Kellerklima wiederherzustellen. Für die Keller ist eine LED-Beleuchtung geplant. Eisengitter verschließen sie.

Die Freifläche darüber dient als Aussichts- und Rast-Ort. Der Platz erhält einen Strom- und Wasseranschluss. Die Asphaltflächen und Bodenplatten der Abrissgebäude werden entfernt und bekommt einen Rasen. Derzeit wird die asbesthaltige Fassade abgebaut. Der Abriss beginnt ab Mitte nächster Woche und dauert bis Ende August. Das Anwesen war ein Wohnhaus und ist rund 150 bis 200 Jahre alt. Im Grundsteuerkataster Kulmain aus dem Jahr 1842 ist ein Hinweis, dass Anna Schraml das Haus am 12. November 1841 kaufte.

Geschichte des Hauses


Wahrscheinlich ist, dass 1834 ein Brand das Gebäude, 23 Häuser und 29 Scheunen samt Pfarrkirche, Pfarrhof, das Goebelsche Schlösschen und das Schulhaus zerstörte. Um die Geschichte des Namensgebers des Daddy-Hauses etwas zu beleuchten, sei gesagt, dass Andreas Kreuzer am 25. August 1897 auf dem Anwesen als Sohn des Metzgers und Flaschenbierhändlers Michael Kreutzer und seiner Ehefrau Barbara zur Welt kam. Er war Händler und heiratete 1929 die Schreinertochter Hildegard Rauch.

Sie wanderten nach Amerika aus, kehrten aber zehn Jahre später, kurz vor Kriegsbeginn, wieder zurück und kauften das Daddy-Anwesen. Vorbesitzer war Hans Kreutzer, der dort mit seiner Frau einen Lebensmittelladen betrieb. Zudem verkaufte das Paar mit einem VW-Bus Lebensmittel in den umliegenden Orten. Andreas Kreuzer hatte zwar keinen Führerschein, aber gute Englischkenntnisse. So fungierte er in den Nachkriegsjahren als Dolmetscher.

Bekannt wurde "Beim Daddy" als Wirtshaus. Ende der 40-er bis in die 70-er Jahre war das Lokal nach einem Umbau im Kulmainer Wirtshauslebens nicht mehr wegzudenken. Dort wurden lange Nächte gefeiert. Die neu eingerichtete Bar im Dachgeschoss war ein Muss für Kulmainer Burschen und ihre Liebschaften. Als einer der ersten besaß das Café Kreuzer ("Beim Daddy") einen Fernseher.

Durchzechte Nächte


Mancher feierte am Sonntagmorgen die "Henkelmesse" (Frühschoppen) beim "Daddy" anstatt in der Kirche. Lina Seitz war damals Bedienung im Café Kreuzer, arbeitete im Laden und lebte bei der kinderlosen Familie Kreuzer. Sie fuhr auch den VW-Bully. Viele Geschichten, Streiche und Späße der Wirtshausbesucher ranken sich um das "Daddy"-Wirtshaus, an die sich vor allem die älteren Ortsbewohner noch erinnern.

1978 verstarb Andreas Kreuzer im Alter von 81 Jahren in Kulmain, seine Ehefrau Hildegard 1995 in Kemnath. Christine Meyer erwarb 1981 das "Daddy-Haus" und führte die Gastwirtschaft als Bierstube weiter. Nach ihrem Tod 2005 schlief das Wirtshausleben zusehends ein und Tochter Hannelore Hawkins veräußerte "Beim Daddy" 2014 an die Gemeinde. Künftig werden nur mehr die Außenmauern und eine Hinweistafel auf das ehemalige Wirtshaus erinnern.

Übrigens: Der Name "Beim Daddy" kommt von der Anrede von Hildegard Kreuzer an ihren Mann, den sie immer "Daddy", zu Deutsch "Papa" nannte. Ein Überbleibsel aus der USA-Zeit, das mehr als eine Generation überdauerte.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.