Auf Polyester-Wolke sieben

Flink und mit Bedacht hangeln sich die Kletterer an den bunten Polyester-Griffen im DAV-Kletterzentrum Regensburg entlang. Bilder: spi (2)
Vermischtes
Lappersdorf
28.11.2014
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"Klettern ist kein Kraft-, sondern ein Techniksport", erklärt Betriebsleiter Albert Wolf die Bewegungen eines Besuchers, die auf den ersten Blick wie Verrenkungen aussehen.

Karabinerhaken klappern an der Wand, Seile winden sich durch die Luft. Hunderte kugelige bunte Griffe verteilen sich wie Windpocken über die steilen Wände. Mit viel Geschick hangeln sich die Kletterer daran entlang. Plötzlich lässt einer los.

Bevor die Sportler die rund 14 Meter hohen Wände des DAV-Kletterzentrums in Lappersdorf (Landkreis Regensburg) erklimmen, müssen sie sich sichern. "Man klettert immer zu zweit: Einer davon bleibt am Boden", erklärt Betriebsleiter Albert Wolf. Beide tragen Hüftgurte. Daran befestigen sie mit speziellen Knoten die Enden des Seils, das sie vorher an der Decke durch einen Karabiner gezogen haben.

"Falls der Kletterer abrutscht, kann der andere ihn über das Seil mit seinem Eigengewicht auffangen", berichtet Wolf. Vor dem Aufstieg sei es wichtig, einen gegenseitigen "Partnercheck" zu machen. "Die Sportler überprüfen, ob alle Knoten und die Karabiner richtig sitzen." Um Halt an den bunten Polyester-Griffen zu finden, reiben die Kletterer ihre Hände vorher mit weißem Magnesium-Pulver ein. Trotz Schweiß rutschen sie dadurch kaum noch ab. "Die Griffe und auch die Holzverkleidung sind angeraut. Sie fühlen sich wie feines Schmirgelpapier an", beschreibt Wolf.

Auch die Schuhe sind speziell fürs Klettern angefertigt. Sie lassen sich biegen und haben eine feste Sohle, die hohe Reibung erzeugt - besonders an den Fußballen. "Man klettert ja nicht mit der Spitze, oder der Ferse", weiß der Betriebsleiter. "Viele Profis schwören darauf, besser klettern zu können, wenn die Schuhe eine Nummer zu klein sind." Wolf lacht. "Aber die Neueinsteiger bekommen bei unseren Schnupperkursen Schuhe, die ihnen passen."

"Klettern befreit"

Rund 50 000 Besucher kommen im Jahr und toben sich an den rund 2740 Quadratmetern Kletter- und Boulderfläche aus. "Bouldern ist wie Klettern ohne Seil - nur nicht so hoch", betont Wolf. "Unter den schiefen Wänden liegt eine große Matte. Auf die lässt man sich beim Bouldern einfach fallen."

Eine Wand erklommen zu haben, sei immer wieder mit Glücksgefühlen verbunden, beschreibt Wolf seine Sportart. Seit seinem 14. Lebensjahr ist er selbst leidenschaftlicher Kletterer. "Es ist so befreiend. Man vergisst alles dabei", schwärmt er. Seine Augen weiten sich vor Freude, Lachfalten bilden sich. "Und es ist geil, wenn man eine harte Route ausgetüftelt und geschafft hat." Damit es auch den Stammkunden in der größten Kletterhalle Ostbayerns nicht langweilig wird, müssten immer wieder neue Routen an den Innen- und Außenwänden des Hauses entworfen und geschraubt werden. Mit einer Hebebühne fahren die Routenbauer an den Wänden entlang. "Rund zwei Stunden brauchen sie, um die Griffe für eine Route anzubringen." Zwischen 20 000 und 30 000 Euro koste allein das Umschrauben der Routen.

Farbe zeigt Schwierigkeit

Wie bei den Skipisten gebe es leichtere und schwere Routen. "Unten an der Kletterwand steht auf einem Zettel, welche Farbe für welchen Schwierigkeitsgrad steht", sagt Wolf.

Einmal pro Jahr werden die Polyestergriffe, Karabinerhaken, Seile und die Statik überprüft. "Der Gutachter schaut, ob scharfe Kanten vorhanden oder Teile locker sind."

Die Griffe würden sogar zwei bis dreimal im Jahr ausgetauscht. "Ein Argument dafür ist die Sauberkeit", erklärt Wolf. "Durch das Magnesium und den Schweiß werden sie irgendwann schmutzig und es fühlt sich nicht mehr angenehm an."

Muss ein größerer Griff ausgetauscht werden, koste ein neuer 25 Euro. In dem Kletterzentrum hängt also ein Vermögen an den Wänden. "Man glaubt es gar nicht, aber dafür gibt es einen riesigen Markt", betont Wolf. "In Deutschland stellen bestimmt 20 Unternehmen diese bunten Polyester-Griffe her - in allen Formen."

Eine andere größere Investition sei noch für den Boden geplant. "Ich möchte einen sogenannten Fallschutzboden einbauen", meint Wolf. "Auf den ersten Blick unterscheidet er sich nicht von anderen Böden. Unter der harten Platte werden viele Kartons gestapelt." Rutscht ein Kletterer ab und stürzt in die Tiefe, breche die Platte und die Kartons puffern den Aufprall. "Dieser Boden ist extrem teuer, aber bei der Sicherheit unserer Besucher sind wir pingelig."

Bislang sei noch kein schwerwiegender Unfall passiert, Wolf fürchte jedoch den Tag, an dem es soweit sei. "Als Betreiber kann ich noch so sehr auf die Sicherheit achten, macht ein Kletterer den Knoten nicht richtig oder passt nicht auf, ist es passiert."
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