LTO-Inszenierung von Wirtshaus im Spessart
Harte Zeiten für ehrbare Räuber

Die Comtesse (Sophia Scherm) und ihr Räuberhauptmann (Holger Popp) haben sich gefunden. Doch es droht Ungemach. Bild: Tobias Schwarzmeier
Kultur
Leuchtenberg
19.06.2016
377
0
 
"Ach, das könnte schön sein. Ein friedlicher Bürger. Sein ehrbares Leben. So ganz auszukosten ... Bei dem die Pistolen und Patronen verrosten." Zitat: Rupp Grünbauer und Tamara Hirschmann als Räuberpärchen. Bild: Tobias Schwarzmeier

Das kann nicht gut ausgehen. Ein tiefer dunkler Wald, um den sich Räubergeschichten ranken, und eine junge Comtesse, die in einer zwielichtigen Spelunke absteigen muss. Was als Moritat beginnt, wird zum Lustspiel. Denn die junge Dame ist keineswegs hilflos und mischt das Räubergesindel kräftig auf.

Das macht auch das Landestheater Oberpfalz (LTO) mit der bekannten und etwas angejahrten Vorlage des "Wirtshaus im Spessart". Basierend auf dem Film-Hit von 1958 mit Liselotte Pulver und der späteren Musical-Fassung krempeln Regisseurin Marlene Wagner-Müller und der musikalische Leiter Holger Popp den Stoff von Franz Grothe und Curt Hanno Gutbrod komplett um.

Aus der bekannten Geschichte - die Grafentochter Franziska fällt unter die Räuber, tauscht mit einem Handwerksgesellen die Kleider, wird als "Franz" in die Bande aufgenommen und verliebt sich in den Räuberhauptmann - wird bei den Burgfestspielen Leuchtenberg eine volkstümliche Operette.

Ach, das könnte schön sein. Ein friedlicher Bürger. Sein ehrbares Leben. So ganz auszukosten ... Bei dem die Pistolen und Patronen verrosten.Rupp Grünbauer und Tamara Hirschmann als Räuberpärchen


23 spielfreudige Darsteller und Sänger in 61 Rollen, viele zusätzlich eingebettete Musik-Passagen und eine opulente Ausstattung - Kostümbildnerin Evi Schwab greift sehr tief in den Fundus - machen die Premiere am Samstag zu einem kurzweiligen, nostalgischen Erlebnis.

Wie die früheren Versionen lebt auch die Leuchtenberger Fassung von einer starken Protagonistin. Sophia Scherm - mit einer schauspielerisch wie gesanglich bärenstarken Leistung - poltert, trotzt und schmeichelt in bester Lilo-Pulver-Tradition und hält das Spieltempo hoch.

Detaillierte Charaktere


Auch Popp lehnt seine stimmige Interpretation des Räuberhauptmanns nahe am unerschütterlichen Gentleman-Filmdarsteller Carlos Thompson an - allerdings ohne dessen grauenhaften Akzent zu übernehmen. Spaßige Dialekte bleiben ohnehin den Nebenfiguren vorbehalten. Die rund zweistündige Spielzeit kommt Wagner-Müller und ihren Assistentinnen Evi Wagner und Verena Forster entgegen, zwischen den schmissigen Gesangseinlagen die Figuren deutlich tiefer auszuformen.

Allen voran die des Knoll (glänzend Rupp Grünbauer), eines "kaum bescholtenen Bürgers aus (erst-)bester Familie", der "schluckzessive" den Ausstieg aus der Räuberbande plant, zuvor aber noch die Comtesse und ihren biederen Verlobten, Baron von Sperling (Helmut Schindler), in die Falle lockt. Grünbauer bleibt in einer Paraderolle nicht nur die berühmte Ballade "Ach, das könnte schön sein" vorbehalten, sondern auch urkomische Szenen. Etwa wie er den betrunkenen Baron im Bollerwagen heimbringt und ihm zwischendurch das Fläschchen gibt.

Auch Stadtbühnenchef Reinhard Kausler als zackiger, aber völlig verpeilter Obrist, Johanna Gradl als temperamentvolles Räuberliebchen, Peter Hösl als furchtsamer Pfarrer oder Tobias Schäffler als Geselle in Frauenkleidern ernten ihre verdienten Lacher. Der Wechsel von Slapstick und kreativen Wortspielchen - mit dem Höhepunkt, als sich drei Pärchen themenübergreifend die Bälle zuwerfen - tut sein Übriges.

Doch auch die ernsten Ansätze der Vorlage bleiben erhalten. Das in der Literatur über Jahrhunderte romantisierte Bild des "edlen Räubers" in rechtlosen Zeiten wird kultiviert und mit etwas Sozialkritik garniert. Wer hier die Bösen sind, ist offen. Der Räuberhauptmann als Gutmensch und seine träge Truppe - mit Ausnahme des intriganten Korporals (herrlich aufbrausend: Gerhard Kühner) - könnten beim ausbeuterischen Graf Sandau (auch Kühner) noch so einiges lernen. Und auch die Kirche arbeitet effektiv mit dem "Geschäftsmodell Angst".

Als zum glücklichen Ende der Erzähler (Tobias Schmauß) den begeisterten Zuschauern schließlich mit Augenzwinkern verkündet, dass es heute keine Räuber mehr gibt, erntet er den letzten von vielen Lachern an einem gelungenen Theaterabend.
___

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.