Zwischen Verehrung und Verteufelung

Mangelndes Selbstbewusstsein gehört sicher nicht zu den zahlreichen Vorwürfen, die der "Kurpfuscherin" Hohenester (Claudia Lohmann, Zweite von links) gemacht werden. Doch gerade dies droht ihr zum Verhängnis zu werden. Bild: Tobias Schwarzmeier
Vermischtes
Leuchtenberg
23.05.2015
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Jahrhundert elektrisiert die "Doktorbäuerin" Amalie Hohenester mit ihrer Kunst die Massen. Die Schulmedizin läuft Sturm, die Obrigkeit greift ein und noch heute lockt der Stoff die Menschen ins Theater - so wie am Donnerstag als Volksstück "Die Kurpfuscherin" auf der Burg Leuchtenberg.

"Erfolg macht kluge Menschen dumm und verantwortungslos": Wie Recht er doch hat, er, der Gerichtsarzt Dr. Martin. In Zwiesprache mit der "Doktorbäuerin" Amalie Hohenester versucht er jene darauf aufmerksam zu machen, wo ihre Grenzen liegen, wo ihre eigentliche Berufung zu finden ist. Doch es nützt nichts - erst als es bereits zu spät ist, sieht Amalie ihr eigenes Scheitern, ihr eigenes Versagen. Mit der viel beklatschten Premiere des Volksstückes "Die Kurpfuscherin" von Hans Fitz sind am Donnerstagabend die Burgfestspiele Leuchtenberg durch das Landestheater Oberpfalz (LTO) eröffnet worden.

"Kranke Leute gesund zu machen ist doch kein Verbrechen", rechtfertigt sich Hohenester (eine äußerst facettenreich aufspielende Claudia Lohmann) am Amt für ihr Handeln. Und sie kann Erfolge en masse vorweisen: Sie heilt alle, die in ihre Praxis kommen, mit Kräutern, Tees, Säftchen und guten Ratschlägen. Ein Blick auf die entsprechende Menge "Eigenurin gezapft vom Morgenstrahl" genügt, um die richtige Diagnose zu stellen - humorvoll und geschäftstüchtig, naturbegabt, mit einem Blick für den Menschen, deren Charaktere, Krankheiten, Schwächen und Wehwehchen.

Herrliche Hypochonderin

Selbst eine so hochgestellte Persönlichkeit wie die Hofdame Bernhardine (Sofia Mindel als herrliche Hypochonderin) begibt sich in Begleitung ihres Arztes, des Gerichtsarztes Dr. Martin (Holger Popp als Idealbesetzung schlechthin), zu ihr. Es kommt natürlich wie es kommen muss: Schließlich wird die hohe Behörde aufmerksam auf die "ärztliche" Tätigkeit von Amalie, denn der ortsansässige Arzt Dr. Hierl (Georg Dippold), der die eigene Patientenschar dahinschwinden sieht, zeigt sie wegen Kurpfuscherei an.

Auch der Galan der Hofdame, Graf Rambaldi (Reinhard Kausler), sowie der Assessor Dr. Mais (Tobias Schäffler als Paragrafenreiter par excellence) und Ritter von Grundner (Peter Hösl) sind beim Anklagen und Verteufeln ganz kräftig mit dabei. Alles aber ergreift Partei für die Bäuerin - selbst Dr. Martin, der ihre Gabe, mit Hilfe von Naturheilmitteln den Menschen zu helfen, anerkennt. Den spannenden und auch humorvollen Kampf zwischen den Parteien bringt Regisseurin Marlene Wagner-Müller (Assistenz: Verena Forster) mit ihrer Inszenierung bestens auf die Bühne - garniert mit zahlreichen gelungenen Gesangseinlagen.

Aller künstlerischen Freiheit zum Trotz nähert sich das Volksstück dem Leben der echten Amalie Hohenester, einer der schillerndsten Persönlichkeiten im Bayern des 19. Jahrhunderts. Noch nie hatte eine Frau aus dem Volke - schon zu Lebzeiten - für solche Schlagzeilen gesorgt wie sie. Nie war eine Persönlichkeit - noch vor dem Tode - von so vielen Legenden und mysteriösen Geschichten umrankt wie sie.

Großes Kompliment

Ob das Stück eine mehr oder weniger verhüllte Rechtfertigung der "intuitiven" Heilpraxis und der Naturverfahren ist, mag der Zuschauer selbst entscheiden. Die Verulkung der Schulmediziner, aber auch der Beamten und Akademiker, lassen darauf schließen. Doch gerade der kluge und noble Gerichtsarzt führt in seinen Aussagen offensichtlich vor Augen, dass der Schritt zur "Quacksalberei" und zur "Pfuscherei" eben nicht sehr weit sei.

Neben den Akteuren auf der Bühne gebührt auch den Verantwortlichen im Hintergrund ein großes Kompliment: Eva Schwab für die Kostüme, Pascal Seibicke für die Bühne, Linde Hammer und Martina Meier für die Maske, Marco Bäumler für die Technik. Die musikalische Leitung obliegt Holger Popp, als Instrumentalisten agieren Alois Fischer, Erwin Kiener, Reinhold Maß und Felix Puckschamel.
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