Bergweh
Martina Götz als Sennerin auf der Bindalm

Bei gutem Wetter bewirtete Sennerin Martina Götz rund 70 Gäste auf der Bindalm im Herzen des Nationalparks Berchtesgaden. Bild: hfz (2)
Freizeit
Luhe-Wildenau
19.01.2016
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Butter herstellen gehört zu den täglichen Aufgaben einer Sennerin.

Luftige Höhe, sattgrüne Wiesen und Einsamkeit haben Martina Götz auf der Bindalm umgeben. Vier Monate war sie Sennerin in Berchtesgaden. Seit Oktober ist sie wieder zurück, mit dem Herzen ist sie aber immer noch dort.

Es war schon immer ein Lebenstraum der 51-jährigen Neudorferin, auf einer Alm zu arbeiten. "Meine Familie hat auch gewusst, dass ich weg bin, sobald sich die Chance bietet." Nachdem es 2014 nicht gut mit ihr gemeint hat, machte sie sich im Mai auf in die Berge.

Dazu hat sie aber nicht den üblichen Weg eingeschlagen. Normalerweise bewerben sich Senner-Anwärter beim Almwirtschaftlichen Verein, der geeignete Kandidaten an die Bergbauern vermittelt. Mit 51 Jahren liegt die Neudorferin aber deutlich über dem Altersdurchschnitt. "Deshalb hat der Verein gemeint, ich soll mich lieber direkt bei den Bauern bewerben."

Lange suchen musste sie nicht: Ein Urlaub in Berchtesgaden genügte, und der richtige Hof war gefunden. Bei einer Wanderung mit ihrem Mann war sie mit einem Bauern ins Gespräch gekommen, der für den anstehenden Sommer eine Sennerin für die Bindalm, inmitten des Nationalparkes Berchtesgaden, suchte. "Ich war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Nicht alles im Leben


Neu ist die landwirtschaftliche Arbeit für Götz nicht. Sie hat schon früher auf dem schwiegerelterlichen Hof mitgeholfen. Danach arbeitete sie 35 Jahre als Metzgereiverkäuferin. Sie war zwar zufrieden, aber nicht glücklich. "Mir schwirrte immer im Kopf herum, dass es doch noch ein anderes Leben geben muss." Das lernte sie im Sommer 2015 endlich kennen. Von Mai bis Oktober mistete sie täglich den Kuhstall aus, brachte die Tiere auf die Weide, molk sie, zentrifugierte anschließend die Milch und stellte Butter oder Käse her. Das Alm-Leben ist schön, aber auch hart, wie sie jetzt weiß. "Es zehrt schon an den Kräften, jeden Tag um halb vier aufzustehen und bis abends zu arbeiten und nebenher Gäste zu bewirten."

Bei gutem Wetter musste Götz bis zu 70 Mountain-Biker und Wanderer mit Brotzeiten versorgen. Dabei bekam sie manchmal Unterstützung von der Alt-Sennerin. "Die 81-Jährige war meine Vorgängerin und hat 39 Sommer auf der Alm verbracht."

Bevor neue Sennerinnen in die Berge entlassen werden, bekommen sie einen Schnellkurs im Melken, in der Tierhaltung oder in der Käseproduktion. Auf alles vorbereitet war Götz trotzdem nicht. "Ich weiß noch, wie mir zum ersten Mal die Kühe ausgerissen sind und ich sie aus Österreich zurückholen musste." In dem Moment habe ihr auch der Kurs nicht weitergeholfen.

Das Bergfieber hat mich endgültig gepackt.Martina Götz, Sennerin auf der Bindalm

Minimalismus



Die Almhütte stammt aus dem 16. Jahrhundert und besteht nur aus einer kleinen Stube. Ein Bett, ein Schrank, eine Essecke und ein Holzofen - mehr stand der Neudorferin nicht zur Verfügung. "Trotz der primitiven Ausstattung habe ich nichts vermisst." Mit der Stromversorgung und dem Telefonanschluss sei ihre Alm, im Vergleich zu anderen Berghütten, sogar ziemlich luxuriös gewesen. Weil sie die erste fremde Sennerin auf der Bindalm war, habe der Bauer für sie mehr Platz geschaffen und den Heuboden ausgebaut. Für Götz nicht selbstverständlich: "Als Auswärtige bist du da schon etwas Besonderes."

So, wie der Sennerin in den vier Monaten ihre Familie gefehlt hat, sehnt sie sich jetzt nach der Alm und den Kühen "Glück", "Biene", "Hanni" und "Lotte". Andere haben Heimweh, sie beschreibt ihr Gefühl als "Bergweh". Sie vermisst das Weite, Satte und Luftige. "Körperlich bin ich zwar hier, aber geistig immer noch in den Bergen." Ein paar ihrer Kleidungsstücke habe sie nach ihrer Heimkehr noch nicht einmal gewaschen, um sich an den Geruch der Alm erinnern zu können.

Rückkehr im Sommer


Zu der Bauernfamilie in Berchtesgaden hat die 51-Jährige immer noch Kontakt. Den ersten Advent haben sie und ihr Mann sogar auf deren Hof verbracht. Für die neue Sennerin ist das aber nur ein kleiner Trost. "Das Bergfieber hat mich endgültig gepackt", schwärmt sie. Wie sie dieses Jahr ihren Sommerurlaub verbringt, weiß die Frau deshalb schon genau: als Sennerin auf der Bindalm.>

Berufsbild SennerinDas Geschlecht des Alm-Personals unterscheidet sich je nach Bundesland. Wie in dem Buch "Die schönsten Almen Österreichs: Brauchtum & Natur - Erwandert und erlebt" steht, arbeiten in Tirol und Vorarlberg hauptsächlich Männer auf den Almen. In den restlichen Bundesländern dagegen ist der Großteil weiblich. Das ist unter anderem auf die Anfänge der Schweizer-Käse-Erzeugung in Vorarlberg vor 140 Jahren zurückzuführen. Wegen des Gewichtes der Käselaibe ersetzten viele Bergbauern weibliche Arbeitskräfte durch Männer. Im Berchtesgadener Land dagegen waren Frauen stärker vertreten, wie Martina Götz bemerkt hat. "Es hat 40 Sennerinnen gegeben, aber nur vier Senner." Bei schweren Arbeiten seien die Männer kräftemäßig natürlich klar im Vorteil. Weniger wegen der Käselaibe, sondern wegen des Kessels. "Der wiegt um die 40 Kilogramm und muss mehrmals am Tag herumgeschleppt werden", gibt die Oberpfälzerin zu. Allerdings gewöhne man sich schnell daran, mit der Zeit werde der leichter. (esm) Bild: hfz
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