"Ich wollte am liebsten sterben"

Stolz präsentiert Nicole Horn ihr im Februar erschienenes Buch. Auf 124 Seiten schreibt sie über ihre Lebensgeschichte und Borderline. Bild: Götz
Lokales
Luhe-Wildenau
17.04.2015
72
0

Im Alter von 13 Jahren boxt sich Nicole Horn selbst ins Gesicht und versucht sich das Handgelenk zu brechen. Es sind Hilferufe eines Mädchens, das sexuell missbraucht und geschlagen wird. Heute lebt die mittlerweile 42-Jährige mit dem Borderline-Syndrom und spricht ganz offen über ihre Geschichte. Sie veröffentlichte im Februar sogar ein Buch.

All die Probleme, mit denen Horn in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte, wurzeln in ihrer Kindheit. Als sie zwischen 9 und 14 Jahre alt ist, durchlebt sie die Hölle. Sie erleidet sexuelle Übergriffe durch einen Bekannten des Stiefvaters. Der Stiefvater selbst schlägt das Mädchen. "Irgendwann haben die Misshandlungen aufgehört", erzählt Horn heute. Als Kind hat sie nie mit jemandem über ihre Qualen gesprochen. Erst als Horn 19 ist, weiht sie ihren damaligen Freund und heutigen Ehemann ein. Zu ihrem Stiefvater hat die 42-Jährige seit über 20 Jahren keinen Kontakt mehr. 2009 erstattete Horn gegen ihn und den Bekannten Anzeige. Zu spät. Die Taten waren laut Horn schon verjährt.

Seitensprung als Auslöser

Das ganze seelische Leid, das Horn in sich trägt, bricht erst Jahre später aus. 2006 begeht Horn einen Seitensprung - auch darüber spricht sie ohne Umschweife. Das ist der Auslöser für eine Ehekrise und psychische Störungen. In ihrem Buch (siehe Infokasten) schreibt sie: "Plötzlich kamen Erinnerungen hoch, die über 23 Jahre in meiner Seele tief verschlossen gewesen waren. Immer wieder hatte ich die Bilder von Missbrauch, Demütigung, den schlimmen Prügeln und der Gewalterfahrungen meiner Kindheit vor Augen." Von diesem Zeitpunkt an vernachlässigt sie ihre Kinder und den Haushalt. Sie belügt ihren Mann, surft nur noch im Internet und schläft kaum noch. "Ich war nicht mehr ich, meine Gefühle waren nur noch kalt und herzlos, alles war so leer in mir. Eigentlich wollte ich am liebsten sterben."

Horn beginnt wieder, sich selbst zu verletzen. Sie schneidet sich in die Arme, kratzt sich mit den Fingernägeln die Haut auf. Manche Wunden heilen monatelang nicht. Trotz all der Probleme, steht Horns Mann zu ihr. "Er war eine sehr große Stütze. Wenn er nicht gewesen wäre, wüsste ich nicht, ob ich noch da wäre." Horn ist ihrem Gatten heute dankbar, dass er nie aufgehört habe, an sie zu glauben. "Er hat viel gekämpft."

Er ist es auch, der mit der psychisch angeschlagenen Frau zu einem Arzt geht, der sie stationär einweisen lässt. 2009 verbringt sie 14 Wochen im Bezirksklinikum Wöllershof, ein Jahr später 20 Wochen. Die Mediziner diagnostizieren eine posttraumatische Belastungsstörung, bipolare Störung (manische Depression), Depressionen und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die 42-Jährige beschreibt ihr Innenleben folgendermaßen: "Ich wurde von den Gefühlen überschwemmt, habe Dinge ganz anders wahrgenommen und oft übertrieben reagiert."

Kinder wissen Bescheid

Die Ärzte, ihr Mann und eine Therapeutin bringen sie mit viel Geduld wieder auf die Spur. Mittlerweile fühlt sich die Heilerziehungspflegerin wieder stabil. Zwar sei Borderline nicht heilbar, aber sie habe gelernt, mit der Krankheit umzugehen. "Ich genieße das Leben wieder." Mit ihren zwei Söhnen, die 13 und 15 Jahre alt sind, spricht sie offen über ihre Vergangenheit. Die Kinder hätten schließlich viel mitbekommen. Vor allem, als sie sich in ihrer schlimmsten seelischen Verfassung zwischen 2006 und 2010 befunden habe. Den Missbrauch habe sie angedeutet. "Die Kinder wissen, dass schlimme Sachen passiert sind. Sie gehen aber relativ gut mit der ganzen Sache um."

Heute ist die Frau aus Luhe-Wildenau in ambulanter Behandlung. Alle vier bis fünf Wochen hat sie eine Stunde Gesprächstherapie. Außerdem ist sie in einer Gruppe, in der sich Menschen mit Borderline austauschen. Horn rät allen Betroffenen, über ihre Probleme zu sprechen. In ihrem Buch schreibt sie: "Das Schweigen zu brechen, ist der erste Schritt zur Heilung."
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.