"Individualisierung des Lernens"

Während in einer Ecke des Klassenzimmers die Schüler Mathe pauken, rauchen die Köpfe der Mädchen und Buben an anderer Stelle, weil sie Deutsch lernen. Das gehört zum Prinzip der flexiblen Eingangsklasse. Bild: Hartl
Lokales
Luhe-Wildenau
29.05.2015
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Auf die Frage nach den Nachteilen der flexiblen Eingangsklasse antwortet Gertraud Dietl: "Da muss ich lange überlegen." Die Lehrerin ist eine absolute Befürworterin des Modells. Davon scheint es einige zu geben, denn immer mehr solcher Klassen werden eingeführt.

Bisher gibt es im Landkreis nur eine flexible Eingangsklasse. Sie ist in Luhe-Wildenau und hat 22 Schüler, die zwischen sieben und zehn Jahren alt sind. Margit Walter (46), Leiterin der Grundschule, spricht allerdings von einer großen Nachfrage und erklärt: "Die Schülerzahlen sprechen für drei flexible Eingangsklassen im kommenden Schuljahr." Auch in Schirmitz werden ab September ein oder zwei Klassen dieser Art eingeführt. Kinder können sie ein, zwei oder drei Jahre besuchen und anschließend in die dritte Jahrgangsstufe vorrücken.

Kein Zeitdruck beim Lernen

Dass das Unterrichtskonzept voll im Trend ist, untermauern die Zahlen des Kultusministeriums. 2010 gab es das Modell an 20 Grundschulen im Freistaat. Ab dem neuen Schuljahr sind es 188. Dietl, die zehn Jahre lang Kombiklassen unterrichtet hat und seit drei Jahren eine flexible Eingangsklasse leitet, schwärmt von den Vorteilen: "Es muss zwar alles doppelt vorbereitet werden. Die zusätzliche Arbeit lohnt sich aber." Für die Schüler gebe es keinen Zeitdruck beim Lernen. Die Möglichkeit, ein drittes Jahr in Anspruch zu nehmen, entschleunige den Unterricht. Viel wird wiederholt, was einigen Schülern zugute komme. "Schwache Kinder" würden den Stoff zweimal hören. Den größten Vorteil sieht Dietl allerdings im sozialen Bereich. Das Motto, das an der Klassenzimmer-Türe hängt, spricht für sich: "Wir lernen von- und miteinander."

Auch Asylbewerber-Kinder profitieren. Während andere Schüler Mathe pauken, lernen sie spielerisch die deutsche Sprache. Walter spricht deshalb von der "Individualisierung des Lernens". Die Schulleiterin verrät, dass einige Buben und Mädchen das dritte Jahr in Anspruch nähmen, manche könnten bereits nach einem Jahr versetzt werden.

"Die Entscheidung über den Verbleib oder das Vorrücken wird immer gemeinsam mit Eltern getroffen", betont die 46-Jährige. Besucht ein Kind ein drittes Jahr in der flexiblen Eingangsklasse, bleibe zudem der Sozialverband für den Buben oder das Mädchen erhalten. Sprich: Es ist weiterhin mit Freunden in einer Klasse. Auch das Stigma des Sitzenbleibens entfällt.

Gespräche statt Zeugnis

Elemente der flexiblen Eingangsklasse werden laut Walter und Schulrätin Christine Söllner (52) auch in "normalen" Grundschulklassen übernommen. So wie das Lernentwicklungsgespräch, das das Zwischenzeugnis ersetzt. Dabei handelt es sich um ein Reflexions-Gespräch zwischen Lehrer, Kind und Eltern.
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