Von wegen Waffenruhe
Syrische Kurden klagen Türkei an

Die gute Laune täuscht. Mohamad Mohamad Ali, Said Ali und Mohamad Khalil (von links) treibt es oft Sorgenfalten ins Gesicht, wenn sie auf dem Laptop Neues aus Syrien erfahren. In ihrer Wohngemeinschaft in Luhe kommen sie aber gut zurecht. Davon überzeugt sich Betreuerin Susanne Schwab regelmäßig. Bild: Schönberger
Politik
Luhe-Wildenau
04.03.2016
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Eins stellen sie gleich klar: Die PKK mögen sie nicht. Auch wenn sie Kurden sind. Doch die beiden Mohamads und Said, die in Luhe leben, lassen vor allem am türkischen Präsidenten kein gutes Haar. "Warum sagt keiner die Wahrheit, was Erdogan macht?", fragt der ältere Mohamad.

Luhe. Die drei Nordsyrer flohen vor fast zwei Jahren vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land. Sie leben seit über einem Jahr in Deutschland, wo sie erst einmal ein bisschen auffielen: Am vorletzten Wochenende zogen sie in Weiden durch die Max-Reger-Straße und demonstrierten gegen Recep Tayyip Erdogan. Der kommt ihrer Meinung in der westlichen Öffentlichkeit zu gut weg, weil die Türkei Nato-Partner ist. "Aber der schießt in Syrien auf unsere Leute und nicht auf den IS."

Mohamad, 30 Jahre, stammt aus der Gegend um Afrin. Die Stadt ist etwa so groß wie Weiden. Sie liegt 12 Kilometer von der Grenze zur Türkei und rund 60 Kilometer vom Brandherd Aleppo entfernt. "In den Nachrichten heißt es Waffenstillstand. Aber die Türkei hält ihn nicht ein. Hier, das war vorgestern", deutet Mohamad auf sein I-Phone. Seine Mutter hat ihm via Whats App Bilder aus dem Heimatdorf geschickt: zerstörte Olivenhaine, blutüberströmte Menschen, Ruinen. "Mein Cousin ist auch schon gefallen, er war bei der YPG." Diese Kurdenmiliz bekämpft nach eigenen Angaben sowohl Assads Armee als auch sunnitische Rebellen. "Und die sind gegen IS und Al Kaida." Der Krieg in der Heimat lässt das Trio nicht los, auch wenn es sich auf andere Dinge konzentriert. Da steht über allem die Frage, wie lange alle hier bleiben dürfen. Weil zwei von ihnen über das EU-Land Bulgarien eingereist sind, greift die Dublin-Vereinbarung. Das heißt, dass die Flüchtlinge nur so lange bleiben dürfen, wie sie eine Ausbildung machen oder studieren. "Was dann in zwei, drei Jahren ist, weiß keiner", zuckt Susanne Schwab vom Helferkreis Asyl mit den Schultern.

"Unsere Tante", nennt sie einer der Mohamads scherzhaft. "Ich habe selber zwei Jungs zu Hause. Ich weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss", flachst sie in der Kurdenwohnung des Landkreis-Siedlungswerks in der Schöningerstraße zurück. Die Landschaftspflegerin hilft bei Behörden- und Arztgängen und füllt das eine oder andere Formular aus. "Ich schaue halt, dass die drei eine Perspektive kriegen."

Die könnten sie sich durchaus in Luhe vorstellen, obwohl zahlreiche Geschwister ebenfalls geflohen sind und in allen Teilen der Bundesrepublik leben. Vor allem in Großstädten, aber da zieht es keinen so richtig hin. Mohamad der Ältere macht zurzeit ein Praktikum bei der Elektronikfirma BBH Systems in Weiden. Die ermöglicht ihm ab Oktober ein duales Studium der Elektro- und Informationstechnik, wenn ihm die Zentrale Arbeitsvermittlung die Erlaubnis erteilt.

Mohamad hat in Syrien schon Deutsch gelernt, weil er 2006 zum Studieren nach Europa kommen wollte. Doch stattdessen zitierte ihn Assad zum Militärdienst. Danach brach der Bürgerkrieg aus. Nun hat er eben als Flüchtling Deutschland erreicht.

Kellner im "Webertor"


Sein Cousin, Mohammad der Jüngere (22), hat sich mit ihm via Türkei und Bulgarien auf den Weg gemacht. Er wollte in Aleppo studieren und verspürte ebenfalls nicht die geringste Lust, Militärdienst für Assad zu leisten. Was aus ihm werden soll, weiß er nicht. Der Sprachkurs an der Europa-Berufsschule trägt bei ihm unüberhörbar Früchte. Seit einem Monat kellnert er außerdem im "Webertor". "Vielleicht mache ich mal Hotelfachmann", spekuliert Mohamad über seine Zukunft. Einen Praktikumsplatz für die Osterferien hat er schon.

Praktikum im Autohaus


Ali Said ist 20 und stammt aus der Stadt Derik. Er wollte mal Englischlehrer werden, bereitet sich zurzeit aber an der Berufsschule auf den Mittelschulabschluss vor. Ende März steht dann eine Woche Praktikum beim Autohaus Post in Neudorf an. Gerhard Hero vom Helferkreis hat es dem Syrer vermittelt. Vielleicht kommt Ali auf den Geschmack und lernt Kfz-Mechatroniker.

Den jungen Männern fällt es schwer, Pläne zu schmieden oder zumindest zu beschreiben. Ihre Heimat haben sie noch immer im Herzen und im Kopf. Dort feuert aber auch Erdogans Artillerie. Und an ein Studium in Aleppo ist wohl nie mehr zu denken. Mohammad der Jüngere weiß nur, was sie in ihrer Wohnung derzeit am meisten fürchten. "Dass eines Tages die Polizei kommt und sagt, dass wir jetzt weg müssen."
Ich habe selber zwei Jungs zu Hause. Ich weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss.Susanne Schwab, Betreuerin
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