Gummi-Siegi packt aus

Der heute 75-Jährige sorgte 1999 beim Opernball in Wien für Aufregung. Sein Logen-Gast war Dolly Buster.
Vermischtes
Luhe-Wildenau
13.02.2016
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So sah Siegbert Köhler in jüngeren Jahren aus. Dieses Bild hing in seinem "Geschäft" in Wien, wie er es nennt. Bilder: privat (2)

Mittlerweile lebt Siegbert Köhler zurückgezogen. An seine Jugend hat er viele spannende und nicht ganz jugendfreie Erinnerungen. In München machte sich der Oberwildenauer einen Namen als Gummi-Siegi, in Wien betrieb er eine Peep-Show. Das Kuriose: Er arbeitete gleichzeitig als Privatdetektiv und brachte Schurken zur Strecke. Über sein Leben will er jetzt ein Buch schreiben.

Oberwildenau. Seine Vergangenheit im Erotik-Milieu sieht man ihm nicht an. Als Siegbert Köhler das Tor zu seinem streng bewachten Grundstück öffnet, steht ein kleiner Mann mit Falten im Gesicht und altmodischer Brille auf der Nase neben einem weißen Stein-Löwen, der auf einem Pfosten thront. Sein grünes Hemd hat er in die Hose gesteckt, darüber wölbt sich ein grauer Pullunder. Der 75-Jährige wirkt wie ein Vorzeige-Opa aus dem Dorf, aber stapelweise Papiere, Fotos, Zeitungsberichte und barbusige Figuren erzählen eine andere Geschichte, die wenige Männer in seinem Alter erlebt haben dürften.

"Mein Leben war nicht langweilig. Es war so nicht geplant, es hat sich so ergeben", erzählt Köhler. Nach einer Lehre als Porzellan-Kerammaler nutzte er die Bundeswehr als Sprungbrett. Als selbstständiger Privatdetektiv erledigte er unter anderem in München Aufträge, observierte und jagte Verbrecher. Köhler arbeitete bewusst eigenständig: "Als freier Mitarbeiter kann ich die Legalität überschreiten, als fester Mitarbeiter fällt alles auf den Geheimdienst zurück." Deshalb habe er seine Aufträge am liebsten allein erledigt, um Mitwisser zu vermeiden.

Mehrmals sei er bei Verfolgungsjagden über rote Ampeln gebrettert, habe die Nummernschilder getauscht, um nicht aufzufallen. Um Aufträge zu bekommen, inserierte er in Branchenbüchern. Unter den Kunden: Leute aus dem Erotik- und Rotlichtmilieu. Menschenhandel, Drogen, Waffengeschäfte: Köhler arbeitete als Detektiv einige gefährliche Aufträge ab. "Um die Erotik-Branche noch näher kennenzulernen, verkaufte ich in den Clubs, Puffs und Privatwohnungen Präservative." Als Gummi-Siegi machte er sich einen Namen und schleuste sich so in die Branche ein. 1976 eröffnete in München die erste Peep-Show. "Es sprach sich herum, dass man damit gut verdiente, und so folgten in vielen Großstädten Peep-Shows, die alle Tänzerinnen zur Eröffnung brauchten", erinnert sich Köhler.

Peep-Show in Wien


Weil er in den Puffs als Gummi-Siegi viele Kontakte zu Mädchen aus dem Rotlicht-Milieu hatte, riefen ihn die Inhaber der Shows an, um über ihn Tänzerinnen zu bekommen. "Ich versuchte, Mädchen kennenzulernen", erzählt der Oberwildenauer. "Ich war von Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre die größte Agentur für Peepshow-Tänzerinnen. Ein für mich Nebenbei-Geschäft." Ein schlechtes Gewissen habe der 75-Jährige nicht gehabt. "Sie sind nicht gezwungen worden. Ich habe sie von der Prostitution weggeholt", sagt er. 8000 Frauen seien damals durch seine "Hände gegangen".

Die Frauen hätten ihn liebevoll "Papa" genannt. "Ich tat viel für die Mädchen, kümmerte mich um ihre Belange, befreite sie nach Wunsch von ihren Zuhältern, schützte sie - so gut es ging - vor Drogen." Einmal habe er eine junge Frau freigekauft und "sie persönlich über die Grenze in ihr Land zurückgebracht - quasi ein Schlepper." Dass er sich nicht auf der legalen Seite bewege, sei ihm damals bewusst gewesen. In der Bundeswehr habe er aber eines gelernt: "Man muss von hoher geistiger Moral sein, um zeitweise und nach Bedarf auch einmal unmoralisch handeln zu können."

Nach Wien kam der Oberpfälzer durch einen Zufall. "Ein Mitbesitzer eines damals großen Erotik- und Videotheken-Konzerns bat mich in den 1980er Jahren, einen Mann in den USA zu finden. Ich nahm den Auftrag an und fand diese Person nach 16 Tagen in Amerika. Daraufhin bot man mir an, als Bezahlung und Dank dafür ein Lokal - damals eine Spielhalle - in Wien zu führen." Köhler willigte ein und eröffnete im August 1988 eine Peep-Show. Daraus entwickelte sich eines der erfolgreichsten und populärsten Show-Etablissements. Undercover arbeitete er weiterhin als Detektiv. "Wien war eine Drehscheibe der Spionage und andere Kriminalitäten."

Einmal im Monat kehrte Köhler zu seiner Familie - Frau Carmen und den beiden Töchtern - heim nach Oberwildenau. "Ich habe eingekauft und die männlichen Arbeiten erledigt. Wenn ich zu Hause war, war ich bei ihr", sagt er. "Sie war immer eine gute Hausfrau und Mutter." Seit 40 Jahren halte die Ehe. "Darauf bin ich stolz. Die meisten haben ihre Frauen verlassen, weil sie hübschere Mädchen haben konnten."

Gut gesichert


Er habe sich immer sehr um seine Familie gesorgt, deshalb auch die Alarmanlagen in fast jedem Winkel des Hauses. Er hatte Angst, dass Mafia-Bosse seinen Wohnort herausfinden. "Keiner wusste, wo genau ich in Deutschland wohne", meint er. "Wenn ich aus dem Haus gehe, schalte ich scharf, und wenn sich etwas bewegt, dann geht die Sirene, die Polizei bekommt eine Meldung und ich auf mein Handy", erklärt er. Auf allen Vieren sei er über seine Terrasse gekrochen und habe ausprobiert, ob die Anlage auch bei einer Katze anschlage. "Wenn es bei jedem Tier losgeht, kann ich ja keine Nacht schlafen", lacht er.

Passiert ist Köhler trotz seiner gefährlichen Jobs nie etwas. "Ich hatte keine Schrammen, Spuren." Woran das liegt, weiß er. "Ich bin tiefgläubig." Er habe immer auf Gott vertraut, dass ihm nichts passiere. In seinem Elternhaus in Wiesau habe er seine christliche Einstellung gelernt. "Vom Aussehen her habe ich eigentlich gar nicht in diese Branche gepasst", sagt Köhler über das Rotlicht-Milieu. "Man sieht es mir nicht an, aber vom Kopf her war ich immer stark und unerschrocken."
Ich tat viel für die Mädchen, kümmerte mich um ihre Belange, befreite sie nach Wunsch von ihren Zuhältern, schützte sie so gut es ging vor Drogen.Siegbert Köhler
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