Herta Lorenz schließt "Am Pranger"
Der letzte Tropfen

Seit 33 Jahren steht Wirtin Herta Lorenz am Zapfhahn, jetzt gibt sie die Gaststube "Am Pranger" auf. Bei einem Abschiedsfest am 5. März bewirtet sie zum letzten Mal Gäste. Bild: esm
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Luhe-Wildenau
28.02.2016
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Herta Lorenz hat unzählige Schnitzel gebraten, Knödel gekocht und Bier ausgeschenkt. Jetzt ist "Am Pranger" Zapfenstreich. Nach 33 Jahren gibt die Wirtin die Gaststube auf.

Von Marion Espach

Überraschend kommt die Entscheidung nicht. "Die Gäste sind in den letzten Jahren immer weniger geworden", gibt Lorenz zu. Stammtische, Früh- und Dämmerschopper gäbe es "Am Pranger" fast keine mehr. Das Geschäft bestehe zu 75 Prozent aus Auswärtigen wie Radlergruppen, die sich im Sommer zu ihr verirren. "Von denen kann man aber im Winter auch nicht leben, da ist hier nichts los."

Aber "irgendwie durchwurschteln" wollte sich die 59-Jährige nicht. Für sie war klar, die Gaststätte früher oder später zu verkaufen. Auch wenn es ihr Elternhaus ist, in das der Vater viel Zeit, Arbeit und Geld investiert hat, hängt das Herz der Luherin nicht daran. "Für mich ist es nur ein Wohn- und Arbeitsraum." Schade findet sie es aber für den Ort, der ab März um ein Wirtshaus ärmer wird.

Nach zwei Jahren hat die Wirtin endlich einen Käufer gefunden. Dem neuen Besitzer, Stefan Friedl, schwebt anderes vor: Benannt nach einem Oldtimer-Club, baut er die Schenke in die "349 Musikbar" um. Gäste will er künftig mit Rockmusik statt Schweinshaxen und Sauerkraut versorgen. "Die Eröffnung ist für Mitte Juli angesetzt", kündigt Friedl an.

Selbst ist die Frau


Mit dem Konzept, das mit Wirtshausbetrieb nichts zu tun hat, habe Lorenz kein Problem. "Mir ist egal, was der Käufer damit macht. Ich bin froh, überhaupt einen gefunden zu haben." Verpachten wäre zwar einfacher gewesen, aber für die Besitzerin keine Option. Damit werde ihrer Meinung nach an der Immobilie zu viel kaputtgemacht.

Als Lorenz 1983 mit ihrem damaligen Mann den "Pranger" übernommen hatte, fing sie ebenfalls mit einer reinen Bierkneipe an. "Dann wollten die ersten Leute Brotzeiten, und so ist eins zum anderen gekommen." Heute reicht die Speisekarte von typisch bayerischen Gerichten bis hin zu Hawai-Toast und Cheeseburgern.

Meine Kinder haben oft gesagt 'Mama, du bist mit dem Wirtshaus verheiratet'.Herta Lorenz

Mit der gutbürgerlichen Küche baute sich Lorenz eine große Stammkundschaft auf. Ihr Mann war im Fernverkehr tätig, deshalb hat sie den Kochlöffel all die Jahre allein geschwungen. So leicht wie früher fällt ihr das nicht mehr. "Mit dem Alter wird es halt anstrengender." Habe sie damals ohne Probleme ein Wochenende durchgearbeitet, schaffe sie das heute nicht mehr.

Immer gebunden


Von den beiden Töchtern will keine in die Fußstapfen der Mutter treten. An Feiertagen hat eine Wirtin selten frei, spontane Urlaube oder Ausflüge sind beinahe unmöglich. "Meine Kinder haben oft gesagt 'Mama, du bist mit dem Wirtshaus verheiratet'." Am 5. März bewirtet sie ein letztes Mal Gäste mit Freibier und -essen, dann trennt sie sich offiziell vom "Pranger".

Im Juli wird Lorenz 60 - ein gutes Alter, um das Leben ruhiger anzugehen. Nicht in Luhe, sondern in Mantel. Dort hat das Paar sein Traumhaus gefunden. "Ein Sechser im Lotto", schwärmt Lorenz. Sie will einen kleinen Laden eröffnen, in dem sie selbst gemachte Betondekoration verkauft. "Und sollte mir irgendwann langweilig werden, helfe ich in einem Wirtshaus aus."
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