Treffen ohne Angst und Visum

Lokales
Mähring
05.05.2015
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Treffen im Herzen Europas, das sagt sich heute leicht. Vor 25 Jahren war es eine Sensation: Plötzlich durften die Menschen von hüben nach drüben und umgekehrt. Zehntausende stürmten die Probe-Grenzöffnung, viele mit Tränen in den Augen.

25 Jahre ist es her, dass der Grenzübergang Mähring - Broumov geöffnet wurde. Seit 25 Jahren besteht auch die deutsch-tschechische Freundschaft zwischen den Nachbargemeinden Mähring auf bayerischer Seite und Broumov (Promenhof) auf böhmischer Seite. Am Samstag, 9. Mai, wird das Jubiläum mit einem Freundschaftstreffen entsprechend gefeiert (siehe Kasten).

Ansturm überwältigend

Der 30. April und der 1. Mai 1990 sind absolut geschichtsträchtig. An diesen beiden Tagen ging der Schlagbaum für alle hoch, die zu Fuß oder mit dem Rad ins jeweilige Nachbarland wollten - ganz ohne Visum und Formalitäten. Und ohne Angst vor Schüssen im Todesstreifen, die auf tschechischer Seite jahrzehntelang für Schrecken gesorgt hatten.

Mit einigen hundert Menschen hatten die Organisatoren gerechnet, aber dieser Ansturm war überwältigend. Zunächst kamen mehrere tausend Besucher aus der CSFR. Am 1. Mai nutzten dann ebenso viele Deutsche die Gelegenheit, ins Nachbarland zu gehen.

Bier fließt in Strömen

Zwei Tage lang herrschte Volksfeststimmung an der Grenze. Bier und Limonade flossen hektoliterweise, die Zahl der verzehrten Bratwurstsemmeln lag bei über 7000. Das vermerken die Chronisten in einer Broschüre zum 20. Jubiläum der Grenzöffnung. Die Gemeinde Mähring hat vor fünf Jahren in Zusammenarbeit mit der "Interessengemeinschaft Grenzübergang Mähring" die Festschrift herausgegeben, die viele historische Bilder und Daten enthält.

Mähring hatte seit vielen hundert Jahren einen Grenzübergang nach Böhmen. Das ist aus der "Zollordnung auf Mähring von 1581" ersichtlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Übergang geschlossen, die Grenze hermetisch abgeriegelt. Dieser Zustand war für die Bevölkerung sehr bedrückend. Bereits 1968, im "Prager Frühling", gab es ernsthafte Gespräche zur Öffnung des Grenzübergangs Mähring-Promenhof im Gespräch. Doch mit der gewaltsamen Auflösung der Reformbewegung auf tschechischer Seite zerschlug sich dieses Vorhaben schnell wieder.

Zur Gründung einer "Interessengemeinschaft zur Wiedereröffnung des Grenzüberganges Mähring" kam es 1986. Mähringer Bürger, Gemeinderäte und Bürgermeister Karl Bach griffen die Idee offiziell am 15. Juni auf. Die Marktgemeinde wies - bevor sich die Ereignisse überschlugen - ein Gewerbegebiet aus, um gerüstet zu sein, wurde dann aber von der Zeit überholt.

Gutachten bezahlt

Auf Anraten des damaligen Staatssekretärs Max Fischer bestellte die Interessengemeinschaft 1987 bei Professor Dr. Manske aus Regensburg ein Gutachten, das unter anderem die positive Lage Mährings und die gute Straßenanbindung nach Tschechien hervorhob. Den Großteil der Kosten von mehr als 5000 D-Mark bezahlten die 32 Mitglieder aus eigener Tasche. Das Gutachten wurde an relevante Stellen in Deutschland und Tschechien versandt, um Unterstützung zur Öffnung des Grenzübergangs zu erhalten.

Aufbruchstimmung

Zur Gründung des Bürgerforums Broumov kam es 1989 nach einem Fußball-Freundschaftsspiel zwischen dem SC Mähring und dem Sportverein Tachov. Bürger aus Broumov fragten die Mähringer Männer, wie sie zur Öffnung des Grenzüberganges für ein oder zwei Tage stehen - ohne Visum, nur mit Reisepass oder Personalausweis, wie bereits in Waidhaus geschehen. Männer und Frauen der ersten Stunde waren unter anderem Jirí Jeník, Hana Moravková und Zdenek Tejkl, Alfred Schneider, Rosa Schöner, Herbert Rath und Rudi Gmeiner. Jetzt herrschte in Mähring große Aufbruchstimmung. Mit einigen deutsch sprechenden Tschechen konnte man sich jetzt sogar telefonisch verständigen.

Die Tschechen gingen zu ihren Behörden, die Interessengemeinschaft erledigte dies für Mähring. Im Februar 1990 durften sich erstmals Vertreter beider Gemeinden am Schlagbaum treffen. Im März fuhren Mitglieder der IG mit dem Mähringer Bürgermeister ohne Visum nach Broumov. Drei Wochen später reisten die tschechischen Freunde für eine Terminabsprache nach Mähring.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Der Termin für zwei Tage der offenen Grenze wurde festgelegt. Man richtete sich hüben und drüben auf den Besuch vieler Menschen ein, doch dann sprengte das Interesse alle Erwartungen. Am ersten Tag kamen über zehntausend Leute zu Fuß oder mit dem Fahrrad nach Mähring, am nächsten Tag gingen mindestens genauso viele Deutsche zu einem Kurzbesuch nach Tschechien. Für viele Bewohner in Grenznähe war es die Erfüllung eines Traums.

Alle fünf Jahre wird gefeiert

Nach diesen zwei Tagen beschlossen die Aktiven auf beiden Seiten, an dieses Ereignis alle fünf Jahre zu erinnern. 1995 war das erste Jubiläumstreffen in Broumov, 2000 kamen die tschechischen Nachbarn nach Mähring. 2005 wurden die Mähringer nach Broumov eingeladen und 2010 veranstaltete die Marktgemeinde Mähring mit Hilfe der noch immer bestehenden Interessengemeinschaft die Jubiläumsfeier. Beim Freundschaftsfest zum 25. Jahrestag am 9. Mai ist Broumov Gastgeber.

Bald auch für Autos frei

Mähring war der erste Ort im Landkreis, der - wahrscheinlich wegen seiner großen Bemühungen im Vorfeld - die Erlaubnis zur "offenen Grenze" bekam. Nach dem erfolgreichen Probelauf wurde der Grenzübergang am 1. Juli 1990 offiziell für Fußgänger und Radfahrer geöffnet, zunächst nur von 9 bis 21 Uhr. Ab 1. November 1990 durften auch Autos und Busse über die Grenze, seit Juni 1991 rund um die Uhr. Schließlich entfielen Ende 2007 auch noch die Passkontrollen. Treffen im Herzen Europas sind eine Selbstverständlichkeit geworden.
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