Da Bou hout Houstn

Sarah Sticht ist für ihre Seminararbeit mit dem Titel "Mehlmeislerisch, ein besonderer nordbairischer Dialekt - Warum Dialekt so wichtig ist" schon mehrfach ausgezeichnet worden. Bilder: gis (2)
Lokales
Mehlmeisel
30.04.2015
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"Mir daouts ant" heißt "Ich habe Heimweh." Wer den Satz sagt "Vanäi wille wos zan Essen", der möchte rechtzeitig seinen Hunger stillen. Dialekt kann schön sein - oder auch nicht.

."Gäist du affert? (Gehst Du später?), "Äine dir wos glab, glabe läiber Erdepfl" (Bevor ich dir was glaube, klaube ich lieber Kartoffeln). Das sind nur wenige der Dialektausdrücke, die Heimatforscher Josef Wiche zusammengetragen und aufgeschrieben hat.

Sarah Sticht glaubt allerdings, dass in ein paar Jahrzehnten auch Einheimische diese Sätze nicht mehr verstehen, geschweige denn sprechen werden, weil die Mundart immer mehr schwinde. Oder doch nicht? In ihrer Seminararbeit "Mehlmeislerisch, ein besonderer nordbairischer Dialekt - Warum Dialekt so wichtig ist" für das Abitur am Luisenburg-Gymnasium im vergangenen Jahr hat sich Sarah intensiv mit dem Thema befasst, vor allem mit der bemerkenswerten wie kuriosen Tatsache, dass sich "Miameislerisch" in der Aussprache mancher Konsonanten und seines dunklen, melodischen Klangs wegen von der Mundart der Nachbardörfer abhebt .

Um aber dem besonderen Dialekt auf die Spur zu kommen, war es für Sarah wichtig, die Geschichte der Region von ihren Wurzeln her zu kennen, wofür sie in Heimatforscher Josef Wiche einen exzellenten Kenner fand. Und gleich vorweg: In Nordbayern spricht man entweder Fränkisch oder Oberpfälzisch. Dialektgrenze ist Oberwarmensteinach), wobei der Mehlmeiseler Dialekt ganz klar oberpfälzisch mit stiftländisch-egerischen Sonderformen ist.

Die Besonderheit an Mehlmeisel erklärt Wiche so: "Jakob Parksteiner hat ab 1468 Mehlmeisel wiedergegründet, das ja komplett entvölkert war. Er siedelte gezielt Handwerker an, die Sonderrechte erhielten, um sich hier über Generationen niederzulassen. Diese planmäßige Besiedlung Mehlmeisels hat sich im Dialekt erhalten. Die Siedler von damals kamen aus der Oberpfalz und dem Stiftland und wurden zu Vorfahren der späteren Mehlmeiseler.

Bevölkerung abgeriegelt

Der Dialekt von damals blieb über viele Generationen unverändert, da es kaum Kontakt zur Außenwelt gab. Das Dorf war zu drei Seiten von der "ausländischen" Markgrafschaft umgeben, und Richtung Kemnath versperrte der Hochwald den Verkehr. So lebte die Bevölkerung hier weitgehend abgeriegelt. Geheiratet wurde meist innerhalb der Dorfgemeinschaft. Das ist der Grund, weshalb der Dialekt von damals mit all seinen interessanten mittelhochdeutschen Urwörtern in Mehlmeisel regelrecht auf dem Stand Ende des 15. Jahrhunderts konserviert wurde. "Eigentlich öffnete sich für Mehlmeisel die Welt erst mit dem Bau der Eisenbahn" erklärt der Heimatforscher.

"Das wohl markanteste Kennzeichen der heimischen Mundart stellen die sogenannten "gestürzten Diphtonge dar", hat Sarah Sticht anhand unterschiedlicher Quellen festgestellt. Darunter sind die mittelhochdeutschen Zwielaute "ië", "üe" und "uo" zu verstehen, die sich zu "äi" und "ou" ausgebildet haben. Einen hohen Stellenwert in diesem Dialekt haben die Zwielaute wie bei Bou, Houstn, Schousta (Bub, Husten, Schuster).

Dazu hat Sarah, mittlerweile Biologiestudentin an der Uni Regensburg, anhand von Tonbandaufnahmen und Interviews, wie etwa auch mit Kirchenpfleger und Gesangvereinsvorsitzendem Manfred Prechtl, in ihrer Heimatgemeinde und in Ebnath Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet: So verwendet der Mehlmeiseler noch Begriffe wie "antarisch" (unheimlich) oder "hoina" (weinen), die in Ebnath aber fast vergessen sind.

Dialekt eher "uncool"

Der Einheimische spricht ein ganz besonderes "r", so wie es vor allem im Englischen auftritt. Dabei wird der Buchstabe an der Zungenspitze gebildet. Die Luft kann relativ ungehindert den Mund verlassen, ohne dass Reibe-Geräusche entstehen wie bei "Erda" (Dienstag), "Herst" (Herbst) oder "Erdbeerdordn" (Erdbeertorte). Von 20 befragen Jugendlichen hat sich nur einer zur Mehlmeiseler Mundart bekannt, hat Sarah in ihrer Arbeit belegt. 25- bis 50-Jährige sprechen oft aufgrund von Hochzeit und Zuzug häufig unterschiedliche Dialekte. Von 20 Befragten, die über 50 Jahre alt sind, ist der heimatliche Dialekt bei 17 Personen präsent.

Die junge Mehlmeiselerin hat auch im örtlichen Kindergarten nachgefragt und festgestellt, dass von 24 Kindern nur eines Mundart spricht, eine Zahl, die mittlerweile wieder steigt, wie Kindergartenleiterin Petra Köstler bestätigt. Das ist auch ganz in ihrem Sinne: "Wir pflegen den Dialekt und sind gerade dabei, für das kommende Ochsenkopf-Gipfelfest ein Mundartlied einzuüben."
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