Familie Voit verliert bei Bombardement drei Töchter - Keller bietet keinen Schutz
Schwestern sterben unter Trümmern

Bernhard Prechtl und Maria Baumann erinnern sich noch gut an die Tragödie.
Lokales
Mehlmeisel
16.04.2015
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Der Zweite Weltkriegs hat auch über die Fichtelgebirgsgemeinde unsägliches Leid gebracht. Nach 70 Jahren sind die tiefen Wunden wohl vernarbt, aber die Erinnerungen aller, die die Gräueltaten miterlebt haben, bleiben als Mahnmal allgegenwärtig.

Ihre Erinnerungen haben Maria Baumann (geboren 1935) und Bernhard Prechtl (geboren 1934) Heimatforscher Josef Wiche geschildert, der ihre Erzählungen schriftlich festgehalten hat. Besonders hart traf der unselige Krieg eine Mehlmeiseler Familie, die bei der Bombardierung Bayreuths ihre drei Töchter und eine Enkelin verloren hat.

"Wir hörten damals das bedrohliche Rumoren der Detonationen bis nach Mehlmeisel, und ich fürchtete mich", weiß Maria Baumann heute noch. "Die drei Schwestern Resi, Otilie und Anna stammten aus dem Voit-Anwesen im Mehlmeiseler Ortsteil Richardsfeld. Alle waren verheiratet, doch wegen des Krieges verbrachten sie die Osterfeiertage 1945 ohne ihre Ehemänner im Elternhaus", ergänzt Prechtl. Anna Bisani sei mit ihren Töchtern Rosemarie und Inge gekommen. Sie und ihr Ehemann Anton, der in Rumänien vermisst blieb, lebten in Bayreuth in der Goethestraße 8.

Nach Ostern kehrte Anna nach Bayreuth zurück. Ihre Schwestern begleiteten sie: Resi Weck war dort dienstverpflichtet (auch ihr Mann fiel im Krieg), Otilie besuchte ihren Ehemann Georg Besold im Lazarett, nachdem er an der Front ein Auge verloren hatte.

Mit Fahrrad nach Bayreuth

Nach der Bombardierung Bayreuths sorgte man sich im Voit-Haus besonders um Otilie, weil sie, nicht wie vereinbart, mit der Eisenbahn zurückgekommen war. In der folgenden Nacht gelangte der verwundete Soldat Ludwig Frank nach Mehlmeisel. Er hatte das Bayreuther Lazarett verlassen und erzählte den besorgten Voits, dass das Wohnhaus in der Goethestraße eingestürzt sei. Noch in der Nacht machte sich Vater Josef mit seinem Fahrrad auf den Weg. Doch die Zerstörung war so groß, dass er die Ruinen nicht nach Überlebenden durchsuchen konnte. So kehrte er ohne Gewissheit wieder heim.

Erst später legten Suchmannschaften mit einem Trupp Soldaten den Keller des Wohnhauses frei. Wie befürchtet, waren alle, die dort Zuflucht gesucht hatten, tot. Darunter die drei Mehlmeiseler Schwestern und das Kind Rosemarie Bisani, das wegen des Schulbesuchs nicht beim Großvater geblieben war. Die jüngere Schwester Inge Bisani war in Mehlmeisel in Sicherheit, aber nun Vollwaise.

Otilies Ehemann Georg war bei der Öffnung des Kellers dabei und sah, dass die Toten keine äußeren Verletzungen aufwiesen. Seine traurige Aufgabe war es, die Frauen mit Namenszeichen zu versehen. Großvater Josef Voit bekam bei einem Bayreuther Schreinermeister drei Särge, die er mit Butter und einem Ziegenkitz bezahlte. Das Kind kam zur Mutter in den Sarg. Die Toten wurden, wie damals üblich, im Elternhaus aufgebahrt.

Tiefflieger überm Friedhof

Bei der Beerdigung gab eine Trauergemeinde, "so zahlreich, wie sie Mehlmeisel noch nicht gesehen hat", den Frauen das letzte Geleit. Auch Maria Baumann war zum Requiem in der überfüllten Kirche gegangen: "Ich hörte durch die dicken Mauern das Brummen von Tieffliegern. Lange wagte es niemand, die Kirche zu verlassen. Erst nach einiger Zeit wurde es still und der Leichenzug machte sich betend auf den Weg zum Friedhof." Pfarrer Neumeier habe die Särge in aller Eile zu Grabe bringen lassen, da tauchten die nächsten Tiefflieger über dem Wald auf.

Viele Leute seien in Panik geraten und zurück zur Kirche gerannt. Andere zwängten sich voller Angst in das winzige Totengräberhäusl. "Ich hörte, wie die Angehörigen weinten, weil den toten Frauen selbst bei ihrer Beerdigung keine Ruhe vor den Fliegern vergönnt war."
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