Gespräch mit Reinhard Erös über Mutter Teresa
Tee mit einer Heiligen

Im Jahr 1981 reist Dr. Reinhard Erös erstmals nach Kalkutta. Der Arzt und spätere Gründer der Kinderhilfe Afghanistan aus Mintraching (Kreis Regensburg) half in den Pflegeeinrichtungen von Mutter Teresa. Bild: privat
Politik
Mintraching
27.08.2016
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Der junge Arzt Dr. Reinhard Erös untersucht in einer Einrichtung des Ordens von Mutter Teresa in Klakutta ein Kind. Eine Nonne hilft ihm. Bild: privat

Als Arzt und Entwicklungshelfer trinkt Dr. Reinhard Erös Tee mit dem Teufel und verehrt Mutter Teresa. Der Mediziner und Gründer der Kinderhilfe Afghanistan spricht über seine Begegnung und seine Wertschätzung für die Heilige aus Kalkutta.

Mintraching/Kalkutta. Sein erstes Buch über Afghanistan und seine Arbeit am Hindukusch hat Dr. Reinhard Erös mit "Tee mit dem Teufel. Ein deutscher Militärarzt am Hindukusch" überschrieben. Doch geprägt hat ihn nicht der Tee mit den Warlords, sondern eine andere Begegnung: der Tee mit Mutter Teresa in den Slums des indischen Kalkutta.

Vor 35 Jahren haben Sie Mutter Teresa in Kalkutta kennengelernt. Was war der Anlass?

Dr. Reinhard Erös: Anfang der 80er Jahre suchte ein Jesuitenpater und enger Freund von Rupert Neudeck zum Aufbau medizinischer Projekte in der Dritten Welt dringend Ärzte. Für den damals 30-jährigen jungen Reinhard Erös, tatendurstiger Stabsarzt bei den Gebirgsjägern in Mittenwald, war dies eine gute Gelegenheit, der medizinisch wenig forderrnden Tätigkeit in der Bundeswehr zu entfliehen. Ich nutzte meinen Jahresurlaub und startete das erste Projekt der Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" in einem Slum der nordindischen Metropole Kalkutta, einer Stadt, die nach einem Kurzbesuch der spätere Literaturnobelpreisträger Günther Grass als "Pestbeule der Dritten Welt" beschrieb. Das Sterbehaus von Mutter Teresa im Kaligat war damals meine Unterkunft und mein Arbeitsplatz.

Haben Sie sie öfter gesehen?

Jeden Sonntag nach dem Besuch der Heiligen Messe in der Kapelle ihres Klosters haben wir gemeinsam gefrühstückt und uns unterhalten. Die gebürtige Albanerin sprach ein exzellentes indisches Englisch.

Wie haben Sie die Ordensgründerin erlebt?

Ich bin weder vorher noch später einer körperlich sehr kleinen großen Persönlichkeit begegnet. Die Gründerin des Ordens der Schwestern der Nächstenliebe leitete über Jahrzehnte, um in der Sprache der Wirtschaft zu sprechen, als "Selfmade-Chefmanagerin einen weltweiten Großkonzern mit über 5000 Mitarbeiterinnen". Als Nonne zur Armut verpflichtet und daher natürlich in ihren persönlichen Ansprüchen bescheiden, zeigte sie im Umgang mit den "Großen der Welt" wenig Zurückhaltung. Ich erlebte sie bei einem Telefongespräch mit dem Weißen Haus: "Ich bin Mutter Teresa und muss den Präsidenten sprechen!" Sie wurde sofort durchgestellt und konnte ihre Anliegen dem mächtigsten Mann der Welt nicht nur vortragen, sondern auch durchsetzen.

Welche Bedeutung hat Ihre Begegnung mit Mutter Teresa für Ihr Leben und Ihre Arbeit?

Mutter Teresa wurde mir zur philosophischen Lehrmeisterin bei meiner späteren Arbeit in der Dritten Welt. Ich habe sie einmal bei einem gemeinsamen Sonntagsfrühstück gefragt: "Mutter, so wurde sie von allen angesprochen, was sind denn die wichtigsten Eigenschaften, die ein Arzt aus einem paradiesisch reichen Land benötigt, um hier in der Vorhölle gut zu arbeiten?" Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie antworten würde: Du musst ein exzellenter Arzt sein, kulturkompetent, physisch und psychisch stabil, regelmäßig beten und jeden Sonntag in die Messe gehen. Weit gefehlt.

Ihre Antwort lautete - typisch Teresa - knapp: "Du musst die Menschen lieben. Alles andere ergibt sich von selbst." Dieser Satz hat mich bis heute nicht nur bei meinen Einsätzen, ob in Ruanda, Ost-Timor, Pakistan oder Afghanistan, begleitet. Er klingt so einleuchtend und leicht, ist aber gerade bei der Arbeit in Kriegsgebieten nicht immer einfach umzusetzen. Deshalb trage ich bei meinen Einsätzen eines kleines Bild von Teresa bei mir, wo sie mir 1981 auf die Rückseite genau diesen Satz geschrieben hat.

Am 4. September wird Mutter Teresa von Papst Franziskus heiliggesprochen. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Dass Mutter Teresa ausgerechnet von Franziskus, dem Papst der Menschlichkeit, Armut und liebenswürdigen Bescheidenheit, heiliggesprochen wird, hat Teresa im Himmel wohl selbst in die Wege geleitet. Ein hoffnungsvolles Zeichen nicht nur für Millionen Katholiken in einer Zeit, in der oberflächliches Showbusiness und das "Goldene Kalb materieller Reichtum" nicht nur dominieren, sondern unsere Welt an den Rand eines Abgrunds zu führen drohen.
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