Kinderhilfe-Gründer Dr. Reinhard Erös über die Lage in Afghanistan
Katastrophe am Hindukusch

Politik
Mintraching
12.11.2016
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Mit wachsender Sorge sieht Dr. Reinhard Erös die Lage in Afghanistan. Der Leiter und Gründer der Kinderhilfe Afghanistan aus Mintraching (Kreis Regensburg) baut seit 1998 mit seiner Familie Schulen im Land am Hindukusch. Der Militärarzt und Entwicklungshelfer schildert gegenüber Oberpfalz Medien seine Sicht der Dinge nach dem Anschlag in Masar-i-Scharif.:

",Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan war erfolgreich. Die afghanischen Streitkräfte werden nach unserem Abzug die Sicherheit im Land garantieren,' schwadronierte im September 2014 der in Afghanistan ranghöchste deutsche General in einem Interview zu Hause in Deutschland. Ministerin Ursula von der Leyen hat kurz darauf die Zahl der deutschen Soldaten von 5000 auf ein gutes Zehntel reduziert.

Nur wenige Monate später überrannten die Taliban mit Kundus - erst- und einmalig seit Beginn des Einsatzes der Nato - eine Großstadt mit 300 000 Einwohnern. Stadt und Distrikt Kundus waren zuvor über mehr als zehn Jahre ein Schwerpunkt der Bundeswehr. Nur mit massiver Unterstützung durch US-Kampfflugzeuge gelang es afghanischen Spezialeinheiten die Gotteskrieger nach mehreren Tagen unter hohen Opfern bei der Zivilbevölkerung wieder zu vertreiben.

Exakt ein Jahr später wiederholte sich das Trauerspiel: Erneut eroberten wenige Hundert Taliban handstreichartig die Stadt. Erneut mussten US-Kräfte zusammen mit afghanischen Soldaten die einst ,Deutsch-Kundus' genannte Stadt in tagelangen Kämpfen von den Taliban befreien.

Am Donnerstag gelang nun den Aufständischen erstmals seit 2001 ein ,erfolgreicher' Sprengstoff-Anschlag auf eine große diplomatische Vertretung, das deutsche Generalkonsulat von Masar-i-Scharif, der neben der Botschaft in Kabul wichtigsten deutschen Einrichtung in ganz Afghanistan. Noch in den letzten Sicherheitsberichten Berlins galt Masar-i-Scharif als sichere Stadt.

Von den 329 Distrikten des Landes - vergleichbar deutschen Landkreisen - sind inzwischen mehr als 250 unter Kontrolle oder Teilkontrolle der Aufständischen, darunter inzwischen auch Einheiten des IS. Die Hauptstraßen des Landes sind ab Einbruch der Dämmerung absolut unsicher und werden von den Überlandbussen nicht mehr befahren. Mehr als 5000 afghanische Soldaten kamen 2016 bislang ums Leben. Hochrangige afghanische Politiker und Militärs, ausländische sowieso, bewegen sich seit Monaten nur noch mit Flugzeugen oder Hubschraubern im Land. Die Aufständischen sehen sich auf der Siegerstraße und scheinen es tatsächlich immer mehr zu sein.

Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu bezeichnen, wie es derzeit die deutsche Politik tut, um afghanische Flüchtlinge guten Gewissens abzuschieben, ist nicht mehr als ein ,Pfeifen im Wald'.

Da gefällt mir die zwar bedauerliche, aber immerhin ehrliche Äußerung des US-amerikanischen Dreisterne-Generals Eickenberry vom Herbst 2015 in der "New York Times": ,Unsere Erfolgsbilanz bei der Ausbildung afghanischer Soldaten ist eine Katastrophe.' Und diese ,Erfolgsbilanz" hat seit 2001 immerhin 1000 Milliarden Dollar verschlungen."
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