Die Talsohle ist durchschritten

Marlene Arnold, Angelika Müller, Vorsitzender Johann Brandl, Mila Braun, Alfred Grillmeier und Erich Tilp (von links) blickten jetzt auf die 110-jährige Geschichte des Mitterteicher SPD-Ortsvereins zurück. Bild: jr
Lokales
Mitterteich
25.10.2014
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"Wir sehen wieder positiv in die Zukunft", betont Vorsitzender Johann Brandl vor dem Ehrenabend zum 110-jährigen Bestehen des Mitterteicher SPD-Ortsvereins. Nach dem erneuten Mandatsverlust bei den Wahlen im Frühjahr verbreitet er jetzt Optimismus und zieht mit altgedienten Genossen Bilanz.

Zu der Runde zählten der ehemalige Zweite Bürgermeister Alfred Grillmeier, Marlene Arnold, Mila Braun, Erich Tilp und Angelika Müller, die seit mehr als 40 Jahren und zum Teil mehr als 50 Jahren der SPD angehören. Mit Bedauern verfolgten sie den Absturz des Ortsvereins, der einst 12 Stadträte stellte, seit der Wahl im Frühjahr aber nur noch 5. Die Zahl der Mitglieder schrumpfte seit der Hochphase im Jahr 1970 von 222 auf mittlerweile 82.

Klientel weggebrochen

"Uns sind die Fabrikarbeiter weggebrochen, sie waren früher unsere Klientel", erklärte Alfred Grillmeier, der dem Stadtrat 34 Jahre lang angehörte. Seit der Schließung der Porzellanfabriken seien die Wahlergebnisse und auch die Zahl der Mitglieder stetig gesunken. Alfred Grillmeier räumte aber auch ein, dass nach dem Wechsel der Mehrheiten nicht alles schlecht gemacht worden sei, wobei er insbesondere Bürgermeister Roland Grillmeier hervorhob. "Entscheidend sind doch die Sache und der Mensch", so Alfred Grillmeier.

Einen Grund für den Verlust einiger Stadtratsmandate sieht SPD-Vorsitzender Johann Brandl auch darin, dass altgediente Persönlichkeiten aus Altersgründen auf eine erneute Kandidatur verzichtet hätten. Allerdings habe man die Talsohle nun durchschritten, der Mitgliederrückgang sei gestoppt. Einig war man sich in der Runde, dass es früher bei politischen Auseinandersetzungen wesentlich härter zugegangen sei. "Wir haben uns früher in der Sache heftig gestritten, aber später beim gemütlichen Bier haben wir uns wieder vertragen", betonte Alfred Grillmeier.

Marlene Arnold erinnerte an das frühzeitige soziale Engagement der SPD-Frauen: "Wir waren schon so früh aktiv, da haben die anderen davon noch gar nichts gewusst." Heute hätten Verbände wie die Arbeiterwohlfahrt diese Aufgaben übernommen. "Und das ist auch gut so", bemerkte Arnold.

Start mit 32 Mitgliedern

In der Chronik der Mitterteicher SPD, erarbeitet von Manfred Knedlik, ist der Januar 1904 als Gründungsmonat angegeben. Der genaue Tag ließ sich nicht mehr ermitteln. 32 Mitglieder traten der Partei bei, Vorsitzender war der Porzellanmaler Heinrich Gummerum. Fünf Jahre später gastierte der legendäre Kurt Eisner in Mitterteich und sprach vor über 400 Zuhörern. Eisner war nach dem Ersten Weltkrieg der erste Ministerpräsident des von ihm ausgerufenen Freistaats Bayern. 1911 zählte der Ortsverein bereits 132 Mitglieder, kontinuierlich stieg auch die politische Bedeutung. Bei den Gemeinderatswahlen 1919 holten die Genossen 43,5 Prozent der Stimmen. Am 17. Mai 1933 legten die Stadträte der SPD ihre Mandate nieder, ehe die Partei am 22. Juni von den Nationalsozialisten verboten wurde.

Bei den ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1946 holte die SPD sechs Stadtratssitze, die CSU kam auf neun. Zwei Jahre später aber eroberte die SPD die Mehrheit und Josef Siller übernahm das Bürgermeisteramt. Dieser starb jedoch bereits 1949 und bei den Neuwahlen setzte sich erneut ein SPD-Mann durch: Robert Lindig. 20 Jahre lang stand er an der Spitze der Stadt, zudem war er 16 Jahre lang Abgeordneter im Bayerischen Landtag.

Besuch von Herbert Wehner

Am 14. Dezember 1969 wurde Otto Kilian zum Bürgermeister gewählt. In seiner Amtszeit erlebte die SPD ihre bislang stärkste Phase. Zum 75-jährigen Bestehen im Jahr 1981 besuchte der legendäre SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Herbert Wehner den Ortsverband. In Erinnerung blieb damals ein markanter Satz: "Ich bin kein Führer, sondern ein Diener des Volkes und ich werde dem Grenzland immer zur Verfügung stehen."

Der bislang letzte SPD-Bürgermeister in Mitterteich war der in dieser Woche verstorbene Erich Dickert, der von 1991 bis 2002 die Geschicke der Stadt lenkte.
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