Eine Odyssee voller Angst

Franz Zeitler blättert in seinem kleinen Tagebuch. Hier notierte er mit einem Bleistift alle Details. Bild: kro
Lokales
Mitterteich
25.05.2015
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Der 17-jährige Franz Zeitler aus Mitterteich erlebt das Kriegsende nahe Görlitz. Es beginnt eine lange Odyssee. 400 Kilometer marschiert er zu Fuß nach Hause.

Der heute 87-jährige Franz Zeitler, besser bekannt als "Buchbinder", war nur 17 Jahre alt, als er am 6. Januar 1945 noch in die Wehrmacht einberufen wurde. Er musste im heute tschechischen Budweis in der Kompanie 231, Bataillon 302, antreten. Am 29. März erfolgte die Verladung nach Schewetin bei Budweis.

Mit dabei hatte Zeitler ein kleines Tagebuch. Darin notierte er mit Bleistift alle Begebenheiten und Details. So kann er heute noch alles genau nachvollziehen. Nahezu jeden Tag erfolgte eine Verladung; einen Großteil der Strecken musste er zu Fuß gehen. Präzise hat er aufgeschrieben, wo er die Nacht verbrachte, mal in einer Scheune, mal in einer Malzfabrik oder auch mal in einem Privatquartier. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Einen Tag später traf Zeitler auf russische Soldaten; sie nahmen ihm seine Uhr und auch seine Schokolade ab. Gemeinsam mit Engelbert Lochner aus Wäldern machte er sich von Marklissa aus auf den Heimweg - zu Fuß. Sie gingen immer in Richtung Westen, sprich dem Sonnenuntergang entgegen. Unterwegs waren sie nur auf Wald- und Wiesenwegen. Denn sie wollten nicht entdeckt werden, da sie keine Entlassungspapiere dabei hatten. Rund 20 Kilometer marschierten sie jeden Tag. Übernachtet wurde in alten Scheunen oder auch mal im Freien. Von manchen Bauern erhielten sie eine Suppe oder ein Stück Brot.

"Wasser tranken wir notfalls auch aus dem Straßengraben", erzählt Franz Zeitler, der noch viele Einzelheiten berichten kann. Der eigenmächtige "Rückmarsch" führte über Reichenberg, Zinnwald, Chemnitz, Wüstenbrand, Zwickau, Plauen, Hof, Rehau, Holenbrunn, Marktredwitz und Pechbrunn bis nach Mitterteich. Am 28. Mai kam er in Kleinbüchlberg bei seinem Onkel an. Dort versteckte er sich und verdingte sich als Hütbub. Nach Mitterteich durfte er nicht zurück, "weil dort die amerikanischen Soldaten waren, ich aber keine Entlassungspapiere hatte". Die nötigen Dokumente erhielt er schließlich vom amerikanischen Militär am 4. Juli 1945. Endlich durfte er wieder nach Mitterteich zurück, konnte sich wieder auf der Straße sehen lassen. Eine knapp fünfmonatige Odyssee ging zu Ende.
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