"Wir wollen die weiße Fahne!"

Lokales
Mitterteich
18.04.2015
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70 Jahre ist es her, dass die immer näher heranrückende Kriegsfront viele Mitterteicher in Todesangst versetzte. Bis zum Einmarsch der Amerikaner am 21. April 1945 hatten sich die Bürger wochenlang vor einem größeren Gefecht um die Stadt gefürchtet.

Der frühere Stadtpfarrer Josef Neidl (1896-1976) hat die Geschehnisse vor sieben Jahrzehnten detailliert festgehalten. Der Ernst der Lage in diesen Tagen zeigte sich bereits am 8. April, als ein alliiertes Geschwader die Stadt überflog und dabei eine Bombe abwarf. Vermutlich galt der Angriff dem Glaswerk, doch getroffen wurde das Anwesen des Landwirts Will. Drei Erwachsene und ein Kind starben.

Angriff auf fahrenden Zug

Wegen der Gefahr durch Fliegerangriffe setzte Josef Neidl am 16. April eine Beerdigung bereits um 7 Uhr an. Dennoch tauchten plötzlich zwei Maschinen auf und attackierten einen fahrenden Zug auf der Strecke Eger-Wiesau. 14 Menschen wurden getötet, darunter auch Zivilisten. "Wir (...) auf dem Boden kauernd, kamen mit dem Schrecken davon", berichtete Neidl.

Während der Kanonendonner von Westen her immer näher kam, rollten ständig Wehrmachtskolonnen durch die Stadt nach Süden. "Ein trauriges Bild sind die Haufen von Verwundeten, die teils auf Autos, teils zu Fuß aus den Lazaretten hierherkamen und zu Hunderten die Kirche (...) umlagerten", schilderte Neidl die Lage. "In den Tage vor dem Einmarsch kreisen ständig Jagdflieger über uns. Ihre Maschinengewehrsalven sagen uns: Der Krieg ist da!"

"Feigheit vor dem Feind"

Ein grausiges Exempel am Wehrmachtssoldaten Karl Erb statuierten SS-Schergen am 19. April. Wegen angeblicher "Feigheit vor dem Feind" wurde der 26-Jährige festgenommen und noch am Abend an einem Baum am Marktplatz gehängt. Gut sichtbar für die Bevölkerung wurde die Leiche dort noch 24 Stunden lang hängen gelassen.

Am 20. April errichteten deutsche Soldaten in der Wiesauer und der Marktredwitzer Straße Panzersperren, zudem wurde die Bahnbrücke nach Pechbrunn gesprengt. Bauern stellten die Feldarbeit ein, auch die Produktion in den Fabriken kam zum Stillstand. Am frühen Abend beobachtete Pfarrer Neidl von seiner Wohnung in der Kollohstraße aus den Beschuss Konnersreuths. Er schrieb, dass "die Granaten (...) hagelten und der Markt in Flammen stand". Davon aufgeschreckt versammelten sich spontan Hunderte Frauen auf dem Mitterteicher Marktplatz und riefen in Sprechchören: "Gebt die Stadt frei, wir wollen die weiße Fahne!" Der örtliche Kommandant ließ jedoch seine Männer aufmarschieren und drohte den Frauen mit der Hinrichtung. Gewehrsalven in die Luft zerstreuten die Menge. "Mitterteich wird verteidigt!", lautete die Devise der entschlossenen Soldaten.

"Unheimliche Ruhe"

Am Morgen des 21. April lag laut Pfarrer Neidl eine "unheimliche Ruhe" über der Stadt, nur erschüttert von den Sprengungen weiterer Brücken. Kein einziger Soldat war zu sehen, stattdessen nur alliierte Jagdflieger und ein kreisendes Beobachtungsflugzeug, offenbar Ausschau haltend nach weißen Fahnen. Mit Polizeimeister Engelbert Zeitler traf Neidl die Entscheidung, zu "gegebener Zeit" die weiße Fahne auf dem Kirchturm zu hissen.

Der Kaminkehrermeister Ludwig Buttenhofer wollte diese Aktion gleich am Morgen umsetzen, doch Zeitler und Neidl rieten ab - schließlich wusste niemand, wie viele deutsche Soldaten noch in der Nähe waren. Gegen 11 Uhr traf die Meldung ein, dass einige Anwohner nach dem Anblick amerikanischer Panzer bei Oberteich sofort die weiße Fahne gehisst hätten. Und so beschlossen Neidl und Zeitler, die "Freiheitsfahne" auch am Kirchturm befestigen zu lassen. Innerhalb kurzer Zeit wehten an allen Häusern weiße Fahnen.

Ausgangssperre

Nachdem auch noch die letzten deutschen Soldaten die Stadt verlassen hatten, rückten die amerikanischen Truppen am frühen Nachmittag in die Stadt ein - der lange befürchtete Kampf blieb aus. "Wir sind dankbar, dass uns der Feind gnädig verschont hat", schrieb Neidl. Die Amerikaner forderten die Abgabe von Waffen und Fotoapparaten sowie die Räumung mehrerer Häuserreihen, transportierten die gefangenen deutschen Soldaten ab und verfügten, dass die Bürger vorerst nur von 8 bis 10 Uhr und von 14 bis 16 Uhr ihre Häuser verlassen dürfen.

Per Schnelldekret wurde Dr. Andreas Zehendner vom amerikanischen Kommandeur zum Bürgermeister ernannt. Pfarrer Neidl hatte diesen und einen weiteren politisch nicht vorbelasteten Bürger nach anfänglichem Zögern vorgeschlagen, nachdem die Amerikaner gedroht hatten, ansonsten einen aus der Gefangenschaft befreiten Russen oder Polen für dieses Amt auszuwählen.

Tragischerweise musste auch nach dem Einmarsch der Amerikaner noch ein Zivilist sein Leben lassen: Der Metzgermeister Wolfgang Wegmann wollte laut Neidl noch am 21. April nach Königshütte radeln, um seine Familie zurückzuholen, wurde aber wohl wegen seines grauen Anzugs für einen flüchtenden Soldaten gehalten und erschossen.

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Weitere Berichte im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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