Zwischen Smog und Strandparty

Mit derart viel Interesse hat Tina Pötzl nicht gerechnet: Im Café des Mehrgenerationenhauses war unter der chilenischen Flagge kein Platz mehr frei. Bilder: ubb (2)
Lokales
Mitterteich
29.03.2015
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Als sie in Chile ankam, konnte sie bei der Polizei noch nicht mal den Verlust ihres Gepäcks anzeigen. Heute ist ihr Spanisch perfekt. Auch sonst hat die 21-Jährige aus Pleußen von ihrem Studienaufenthalt nur profitiert.

Drei hübsche Mädels lachen in eine Kamera, ein sonniger Strand, südamerikanische Klänge und farbenfrohe Städte: Das klingt nach Traum. Tina Pötzl beschrieb ihr 16-monatiges Wirtschaftsstudium in Chile auch meist als solchen. Dennoch war nicht alles so rosig wie auf ihren Fotos.

Raus aus dem Elternhaus

Im Mehrgenerationenhaus erzählte die Pleußenerin über 100 Zuhörern auf Einladung des Kreisjugendrings von ihren Erfahrungen fern der Heimat. Tinas Publikum war zum Großteil jung, kein Wunder: Raus aus dem sicheren Schoß des Elternhauses, um vor dem Ernst des Lebens im Ausland aufregende Abenteuer zu erleben, ist für Studenten fast schon zur Pflichtübung geworden.

"Und danach wird bei Bewerbungen für ein Praktikum sogar gefragt", erklärte Tina ihren Gästen. Abgesehen von den studentischen Erfordernissen mangelte es ihr in Chile gewiss nicht an Abenteuern. Das begann mit ihrer Ankunft, als sie ihr vorausgeschicktes Reisegepäck durchnässt, verschimmelt und nur noch zur Hälfte vorfand. Nun gibt es in Chile - dem übrigens längsten Land der Welt - natürlich auch Polizei. Aber Tinas Versuche, ihren Verlust zur Anzeige zu bringen, scheiterten an Verständigungsproblemen.

Das sollte sich bald ändern. Heute ist die selbstbewusste junge Frau froh, durch ihr Auslandsstudium auch perfekt Spanisch gelernt zu haben. Tina lebte im reichen Stadtviertel von Santiago de Chile bei einer Gastmutter. Nun darf man sich darunter keine noble Bleibe vorstellen. Die Gastfamilie hatte eine kleine Wohnung in einem Großstadt-Hochhaus. Tinas Zimmer war bitterkalt, im August ist dort Winter. Vielleicht wäre manch anderer verwöhnte Europäer spätestens jetzt wieder gen rettende Heimat abgehauen. Nicht so die mutige Tina. Neugierig stellte sie sich dem Leben in der exotischen Millionen-Metropole.

Bus nie pünktlich

Für pflichtbewusste Deutsche unvorstellbar: Der Bus zur Universität kam jeden Morgen zu einer anderen Zeit. Tina lachend: "Und ich glaube, der Busfahrer wusste nie, wohin er eigentlich fährt!" Smog und Gestank, dazwischen Bombenanschläge in der U-Bahn, zwei Erdbeben sowie die Gewissheit, dass man sein Geld in den BH oder in die Socken stecken muss, um nicht ausgeraubt zu werden - das alles schreckte die Studentin nicht davor ab, ihren Aufenthalt in Chile zu genießen.

Hatte sie denn gar keine Angst? "Man muss unbedingt gewisse Regeln strikt einhalten. Und ich war in einer Gastfamilie, das gibt Sicherheit." Zudem seien ihre Eltern, wenn auch anfänglich nicht begeistert, fest hinter ihr gestanden. "Meine Mutter und mein Vater wussten, sie hätten mich nicht aufhalten können", schmunzelte Tina. Nicht alles war fremd: Markenmodeketten, ausgelassene Studentenpartys, Surfkurse am Strand, Ausflüge in tolle Touristenorte und als Freundin eine Augsburger Kollegin, die zufällig auch zur selben Zeit in Chile studierte, gaben dem Leben fern der Heimat Strukturen. Absurd erschien Tina die Energieversorgung: Stromkabel von Haus zu Haus, teils frei herabhängend ohne Sicherheitsvorkehrungen, lassen unsere Sorge um eine Landschaftsverschandelung durch saubere Stromtrassen luxuriös erscheinen.

"Traut euch!"

Ihre Freizeit nutzte die Pleußenerin für Ausflüge durch ganz Südamerika. Bei ihrer Backpack-Tour sah sie berauschende Weltwunder wie die Atacamawüste oder die Inka-Stadt Machu Picchu. Am Ende wurde Tina mit Fragen gelöchert, ihr lebhafter Vortrag weckte Fernweh. Ihr Rat an die Zuhörer: "Traut euch über den Tellerrand! Ich kann euch gar nicht sagen, wie sich das lohnt. Ich werde das unbedingt wieder machen."
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