Stups auf die Ampel
„Fühle mich sicherer“

Ein Techniker der Wartungsfirma brachte die Ampelanlage auf einen bedienungsfreundlicheren Stand. Mitglieder des Netzwerks Inklusion und Betroffene überprüften an Ort und Stelle die Funktionsweise. Bild: hfz
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Mitterteich
29.10.2016
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Die Schrift "Signal kommt" bedeutet das, dass das akustische Piep-Signal der Ampel aktiviert wird. Die Lautsprecher unterhalb der Ampel machen Grün und Rot hörbar. Bilder: hfz

Die Bedienung der "Blinden-Ampel" an der Färberbrücke ist jetzt geändert worden: Man muss sie mit einem Stups "aufwecken".

"Eine tolle Verbesserung! Jetzt fühle ich mich erheblich sicherer." Maria Röber, die den Weg trotz Sehbehinderung täglich geht, hat bei den Verbesserungen mitgeholfen. Das neue Bedien-System an den Ampeln an der Färberbrücke hat sie mehrmals ausprobiert, die bisherige Regelung war nicht nur ihr zu kompliziert. In einer Pressemitteilung von Christina Ponader, Projektleiterin des "Netzwerks Inklusion", wird die Neuerung als weiterer Schritt auf dem Weg Mitterteichs hin zu einer inklusiven Gemeinde und barrierefreieren Stadt herausgestellt. Unter Federführung von Doris Scharnagl-Lindinger gelang es, zusammen mit Sehbehinderten, der Behindertenbeauftragten Hildegard Betzl und dem Netzwerk Inklusion die Übergänge an der Färberbrücke sicherer zu machen. "Es war mühsam genug und brauchte sechs Monate, aber man darf halt nicht aufgeben, und jetzt ist es gut so", freut sich die Vorsitzende der Arbeitsgruppe.

Man spürt sie selbst durch normale Sohlen durch. Und wer einen Blinden- oder Pendelstock benutzt, bemerkt die Unterschiede sowieso: Die weißen Längsrillen bedeuten Richtungsstreifen, Noppen signalisieren eine Richtungsänderung, einen Ampelstopp oder eine Verzweigung. Querrillen bedeuten: Hier ist der Bordstein abgesenkt. Dort sind die straßenebenen Übergänge für Rollstühle, Kinderwägen, Rollatoren, Gehbehinderte oder Personen mit Fahrhilfen. Wer glaubt, alle Blinden-Ampeln müssten doch eigentlich gleich funktionieren, irrt: Es gibt in der Bundesrepublik zehn Varianten. Deswegen muss man um die Bedienung genau wissen. Die acht Ampeln funktionieren seit einigen Tagen nach einem neuen Prinzip. Es wurde mit Behörden, Betroffenen und der Wartungsfirma abgesprochen.

Die Lautstärke der akustischen Signale wurde angepasst, und sie orientieren sich am Geräuschpegel an der Kreuzung. Zusätzliche Sicherheit gibt noch ein Taster unten: Wenn man ihn leicht eindrückt, spürt man bei Grün das Vibrieren. So wird für Blinde eine Grundregel eingehalten: Möglichst zwei andere Sinne sollen eingesetzt werden: Klacken und Piepen für das Ohr, das Vibrieren des Untertasters für die Hand.

Sehbehinderte informieren


Da viele Menschen mit Sehbehinderung kaum die Tageszeitung lesen können, hat Doris Scharnagl-Lindinger eine besondere Bitte an deren Angehörige: "Es wäre wichtig, dass man die Sehbehinderten in der Verwandt- und Bekanntschaft und in der Nachbarschaft über die neue Regelung informiert. So können sich viele Menschen, auch ältere Personen mit Einschränkungen, in der Stadt sicherer bewegen."

Mit der Verschreibung eines Augenarztes könne zusätzlich bei den Kassen ein Mobilitätstraining angefordert werden. Damit würden auch auf anderen Wegen, Übergängen und Problemstellen in der Stadt trainiert. "Völlige Barrierefreiheit wird man in einer Stadt nie völlig schaffen können, aber viele Barrieren lassen sich für möglichst viele Personen überwindbar machen." (Info-Kasten)

Weiße Markierungen, Piepen und KlackenEin Rätsel sind zunächst vielen Passanten am Boden bei den Ampeln die weißen Markierungen. Sie haben ihre besondere Bedeutung für Personen mit Sehbehinderungen oder "Seh-Restler". Schon der Kontrast hilft bei der Orientierung und schafft Sicherheit, die Platten folgen einem durchdachten System. Man muss es allerdings kennen. Bei den Ampeln müssen Personen ohne Einschränkungen gar nichts tun. Die Lichtsignale schalten automatisch. Will ein Seh- oder Gehbehinderter die Besonderheiten der Ampel nutzen, so drückt er den roten Taster. Die Ampeln werden also mit einem Stups "aufgeweckt". Bei Grün hört man ein Piepen, bei Rot das gleichmäßige Klacken. Die Grünphase wird etwas verlängert, so dass man ein wenig mehr Zeit hat über die Straße zu kommen.
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