"Die Strottern" begeistern mit Charme und Schmäh' im Nabburger Schmidt-Haus
Gefühlswelten in Liedern

Klemens Lendl (links) und David Müller sorgten am Samstagabend für eine "Wien"-Stimmung der besonderen Art im Schmidt-Haus. Bild: Stiegler
Kultur
Nabburg
23.11.2015
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Den Niedersachsen hätten sie ja gerne für sich gehabt. Weil eigentlich sei der Wilhelm Busch schon ein "verkappter Wiener". In seinen Texten werde gesoffen oder es sterbe jemand - "meistens beides", wie Klemens Lendl am Samstagabend im Nabburger Schmidt-Haus feststellt. "Und die guten Wiener Lieder gehen ums Saufen", ergänzt er. Mit viel Selbstironie, Wortwitz und Lässigkeit - also eigentlich dem klassischen "Wiener Schmäh" - steht Lendl gemeinsam mit David Müller auf der Bühne, als "Die Strottern" begeistern sie über zwei Stunden das ausverkaufte Haus.

Leidenschaft und Liebe

Es ist aber nicht nur das Lockere und das Leichte, das sich die "Strottern" vornehmen, wenn sie dem Wiener Lied neues Leben einhauchen. Es geht um Leidenschaft und Liebe, aber auch um Tod, Einsamkeit und Tristesse. Keine menschlichen Empfindungen und Regungen lassen die beiden Musiker aus, wenn sie Lieder wie "Zum Beispiel" oder "Wia tanzn is..." anstimmen. Oder wenn sie sich in Hermann Leopoldis berühmten "32 Groschen" auf die Suche nach den Ort machen, "wo die ganze Welt die Gosch'n hält". Es sind Gefühlswelten, die in Liedern verpackt sind. Lendl und Müller sind ein eingespieltes Team - gesanglich wie instrumental: Die zupfende Geige Lendls ergänzt sich perfekt mit Müllers Akustik-Gitarre - und nur ganz nebenbei sei erwähnt, dass man vergleichbare Schlusssequenzen eines Liedes mit einem Live-Fadeout dieser Qualität nicht allzu oft finden wird.

Besonderer Charme

Es sind aber auch Gestik und Mimik der Musiker, die den Liedern ihren besonderen Charme verleihen - mal melodramatisch, mal sinnlich, mal mit einem furchtbar ernsten Gesicht, mal mit einem Lächeln, wenn es eigentlich gar nicht zum Lachen ist. Es sind nicht nur klassische Wiener Lieder, die sie zum Besten geben, manches haben sie auch gnadenlos "eingewienert" - beispielsweise Tom Waits' "All the world is green", das die beiden nach eigener Aussage schon im Original nicht verstanden haben, oder aus der Marx-Brothers-Nummer "Lydia the tattooed lady" wird "Lydia, das peckte Mädl" und das wandelnde Wien-Wikipedia.

Nichts wirkt an diesem Abend bemüht oder aufgesetzt. Für die beiden Österreicher kommt der Nabburger Auftritt fast einem Heimspiel gleich - sind sie doch nicht das erste Mal zu Gast. Gerne lassen sich die Zuhörer deswegen auch von der Meditation nach Wiener Art anstecken - für was das Wort "wahrscheinlich" doch alles gut ist! Mit vielen weiteren Erkenntnissen dürfen die Besucher gestärkt nach Hause gehen - dass ein Marienkäfer beispielsweise kein Deutscher Schäferhund ist oder dass sich Gedanken über die Verwendung von zehn Gulden bestens im Wirtshaus anstellen lassen. Und dass man zur Landesverteidigung Österreichs - natürlich ganz neutral gehalten - nur Schmäh, Sachertorte und Sängerknaben braucht. Die Belohnung: Langanhaltender, begeisterter Applaus!
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