Hinter jedem Lächeln steckt ein Gebiss

Er zeigte auf der Bühne viele Gesichter: Sigi Zimmerschied war und ist der Meister der Mimik unter den Kabarettisten. Bild: Otto
Kultur
Nabburg
21.09.2015
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Sigi Zimmerschied ist eine brodelnde Naturgewalt. Die Bühne nimmt er raumfüllend ein, wie der Inn die Stadt Passau während Hochwasserzeiten.

Mit "Tendenz steigend" spült er am Freitag und Samstag im Nabburger Schmidt-Haus vieles an die Oberfläche - politische Ränke und klerikale Verlogenheit. Bei niedrigem Wasserstand von knapp über drei Metern gibt er sich ungewohnt versöhnlich und defiliert "Froh zu sein, bedarf es wenig ..." trällernd durch die voll besetzten Reihen des Schmidt-Hauses.

Auf den gewohnt derben, feuerspeienden Scharfrichter muss man fürs erste warten - stattdessen eine Liebeserklärung an den noch sanft mäandernden Inn. "Ich habe sogar meine Feindbilder satt. Scheiße gelaufen für einen Kabarettisten."

Keine Kraftausdrücke

Jeder ist ihm willkommen: der platte Comedian, der Bettler, der Flüchtling, der nigerianische Christ, der schwule Russe und selbst der Österreicher, der ist ja eh schon da". Nicht einmal der traditionelle Grant auf die Kirche nötigt ihm Kraftausdrücke ab. "Der liebreizende Weihbischof von Passau" - jung, dynamisch, immer lächelnd.

Oder die liebe Regenbogenfamilie mit Mama Angelika und dem Vater Gabi sowie dem Retorten-Spross Nelson Elton Maria, in dem "sich Freiheitskampf, Candle in the Wind und die katholische Kirche" vereinen. Selbst das Informatik-Genie und Nerd Bertie sowie der adoptierte rumänische Straßenhund Caligula - er schließt sie in die Arme.

Natürlich hat bei Zimmerschied die Langmut eine kurze Halbwertszeit. Und während der Inn nach der Pause sukzessive steigt, redet sich Zimmerschied proportional dazu in die vom Publikum ersehnte Rage. Mit jedem Meter Hochwasser schwillt der Hals, die Mimik läuft langsam zu gewohnter Bestform auf, es wird lauter, derber und skurriler.

Jeder bekommt jetzt sein Fett weg: Der Hubert Aiwanger, Horst Seehofer, NSA, BND oder Anlageberater allgemein. Und auch im Publikum ist es angeraten, den Kopf einzuziehen. Beispielsweise, wenn ein schimpfender Zimmerschied Hochwasserkompetenz von der Anzahl der Apps auf der "modernen Fußfessel" I-Phone ableitet. App oder nicht App - "Depp bleibt Depp."

Karriere als Kalif

Schließlich ist auch die Schonzeit für den liebreizenden Weihbischof vorüber. Und die liebe Familie? Während Gabi und Angelika zur Selbstfindung verreisen, verweigert Nelson Elton Maria das Ritalin und Bertie lässt den Bart stehen, kauft sich einen Dolch und träumt von einer extremistischen Karriere als Kalif. Da ist der Inn allerdings auch schon bis in den zweiten Stock gestiegen - und Sigi Zimmerschied hat das zweite Hemd des Abends nass geschwitzt.

Kurz vor dem endgültigen aufziehenden Armageddon, hat der Fluss ein Einsehen und der Wasserstand sinkt. Parallel schaltet auch der mittlerweile wie aufgezogen agierende Kabarettist wieder in den Friedens-Modus. Die Familie wird an Weihnachten halt doch wieder eingeladen. Und auch die freundliche Miene des Weihbischof erfreut ihn wieder. Am Schluss passiert es dann doch noch, der Lehrauftrag des deutschen Kabaretts wird erfüllt, wenn Sigi Zimmerschied warnt: "Hinter jedem Grinsen steckt ein Gebiss."
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