Martin Großmann im Schmidt-Haus
Tomatenernte mit Klangschalen-Fest

Der alleinerziehende Vater genießt das Konzept der Konsumverweigerung - nicht verzichten kann er auf seinen treuesten Begleiter, den Akkubohrer, und ab und zu eine Leberkässemmel. Bild: otj
Kultur
Nabburg
02.05.2016
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Wissen Sie was Ihr Krafttier ist? Wildsau oder Grottenolm. Die Variabilität ist riesig - wie bei der multiplen Persönlichkeit von Martin Großmann. Der Kabarettist schlüpft auf der Bühne des Schmidt-Hauses in einige herrlich schräge Charaktere.

Ein alleinerziehender Vater, mit objektophiler Neigung, ein Schamane aus Österreich, ein Alt-Nazi aus dem Ruhrpott, eine Wohlstandsaussteigerin und der leicht debile, aber geschäftsfähige Hartlbauer. Allen grandios gespielten Figuren ist eines gemeinsam: Sie haben sich für das alternative Leben auf der "Elements Farm" entschieden - ein Öko-Bauernhof unter dem strengen Regiment der Oberaussteiger Regina und Jürgen. Auf dem WG-Hof haben sich 32 Erwachsene und 7 Kinder mit je 20 000 Euro in ein Leben des Konsumverzichts eingekauft. Erste Vorschrift: Jeder darf nur 100 Dinge auf den Hof mitbringen. "Mein Akkubohrersatz besteht ja schon aus 99 Teilen. Da wäre ich ja in Unterhosen vor ihnen gesessen. Oder was hätten sie gemacht, wenn ich eine Zahnbürste mitgenommen hätte", konstatiert der Alleinerzieher.

Wohlstands-Aussteiger


Probleme gibt es auch bei der Ernährung. Auf dem Hof leben Fleischesser, Vegetarier, Veganer - und Fruktarier, die warten bis die Tomatenpflanze die Frucht freiwillig abgibt. Eine Leberkässemmel beim Ausflug ins nahe Dorf, kann schon mal in einem Plenum münden, in dem Schamane Karl sich rechtfertigen muss.

Großmanns Programm spielt genüsslich mit den Rudimenten einer überreflektierten Welt der 68er. Wohlstands-Aussteigerin Elsbeth feiert ihre erste eigens geerntete Tomate mit einem abendlichen Klangschalen-Fest. Karl, der sich mit Elsbeth karmisch verbunden fühlt, bedankt sich mit jedem Stück Fleisch bei der Seele des Tieres. Medikamente gibt es nicht, nur Rescue-Tropfen und Bachblüten-Essenzen. Ein Mitbewerber verstirbt beim morgendlichen Yoga.

Während die meisten Bewohner der "Elements Farm" eher von der linken Seite ins Aussteigen eingestiegen sind, ist Wolfgang Chmielewski aus dem Ruhrpott ein Nazi, wie er im Buche steht. "O, du schöner Westerwald" grölend, träumt er von der Re-Nationalisierung Deutschlands, Europas, ach was, der Welt. Er schwadroniert in schönstem Ruhrdeutsch vom durch Flüchtlinge bedrohten Lebensraum des Deutschen Hirschen.

Ein böses Erwachen gibt es für alle Bewohner, als sich Regina und Thomas mit dem eingezahlten Geld auf die Socken gemacht haben und der Hof an einen Wellness-Konzern verkauft worden ist. Die Utopie von einer besseren Welt ist zerplatzt.

Durchdachtes Storytelling


Was Martin Großmann da auf die Bühne bringt, ist mehr als Kabarett, seine schauspielerische Leistung und das durchdachte Storytelling mit ausgefeiltem Spannungsbogen sind außergewöhnlich ausgereift. Kein Wunder, dass der Künstler auch immer wieder im TV zu sehen ist.

Großmann ist sicherlich nicht der Mann für moralinsauere Politvorträge. Er schaut den Menschen aufs Maul und verleiht den Beobachtungen Plastizität. Seine zum Teil recht aktuellen Botschaften gleichen nicht indoktrinierenden Slogans, sondern sind oft erst zwischen den Zeilen zu entdecken - und nicht nur einmal findet man sich dabei auch selbst.
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